Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich bin ein schlechter Wähler. Ich kann das nicht. Ich mache mir Gedanken, suche eine schöne Partei aus, wähle die, und dann tun sie vier Jahre lang ununterbrochen Dinge, die mich ärgern. Das, was sie versprochen haben, tun sie fast nie, stattdessen andere Sachen, von denen vor der Wahl niemals die Rede gewesen ist und die mich ärgern. Jedes Mal denke ich dann: Ich bin schuld, ich hab sie gewählt. Wenn meine Partei an die Regierung kommt, heißt das für mich vier Jahre Schuldgefühl. Wenn eine Partei Mist baut, die ich nicht gewählt habe, bleibe ich cool, da denke ich, dass ich unschuldig bin.

Deswegen kann ich keine Wahlempfehlung abgeben. Ich könnte höchstens dazu raten, meiner Wahlentscheidung auf keinen Fall zu folgen. Die von mir bevorzugte Partei wird immer sehr viel Mist bauen. Trotzdem bin ich jedes Mal zur Wahl gegangen. Ich bin Deutscher, ich kann mit Schuld gut umgehen.

Die Süddeutsche Zeitung hat 600 Abgeordnete aus Bund und Ländern zu eher persönlichen Themen befragt: Darf man von Freunden Zinsen nehmen? Darf man sich bei einer Entscheidung auch mal auf das Bauchgefühl verlassen? In sämtlichen Parteien gibt es eine solide Mehrheit gegen das Bauchgefühl, 67 bis 80 Prozent. Jeden einzelnen Fehler, den sie machen, überlegen sie sich angeblich vorher ganz genau, das ist alles sorgfältig geplant. In Wirklichkeit ist das Bauchgefühl ein hervorragender Ratgeber, dazu gibt es haufenweise Studien. Die Frage, ob im Leben auch mal Notlügen erlaubt sind, zum Beispiel um die Gefühle eines Menschen nicht zu verletzen, wird von Abgeordneten aller Parteien mit großer Mehrheit verneint. Es sei besser, jemanden mit der Wahrheit zu verletzen, als seine Gefühle mit einer Lüge zu schützen – diesen Quark behauptet eine Mehrheit in sämtlichen Parteien. Wenn in der Wahlversammlung von CDU, SPD, Grünen oder wem auch immer ein von eiternden Warzen übersätes kleines Mädchen aufsteht und fragt: "Bin ich schön?", dann wird der oder die Abgeordnete demnach antworten: "Aber nein, mein liebes Kind. Du bist so hässlich, wie die Nacht schwarz ist. Deine Hässlichkeit ist nachhaltig." Wir werden von Monstern regiert.

Natürlich war die Antwort der Abgeordneten gelogen. Ein Leben ohne Lüge ist unmöglich. Ein Autor hat es mal ausprobiert und darüber ein Buch geschrieben, er hat immer die Wahrheit gesagt, nach kurzer Zeit war er sozial isoliert, seine Freundin wollte ihn verlassen. Zu behaupten, dass man niemals lügt, ist die größte überhaupt denkbare Lüge.

Am interessantesten finde ich die Frage, ob die Politiker, wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist, auch mal bei Rot über die Ampel gehen. Fast jeder tut das. Ein Mensch, der um ein Uhr nachts einsam an einer Ampel steht, auf zwei Kilometer Sicht kein Auto, und der dann auf Grün wartet, leidet sehr wahrscheinlich an einer komplizierten psychischen Störung. Gestörte an der Macht – das wäre gefährlich. Das wollen wir, gerade in Deutschland, nie wieder erleben. Zu meiner Beruhigung hat sich in fast allen Parteien eine Mehrheit von bis zu 80 Prozent der Politiker dazu bekannt, zumindest in gewissen Situationen bei Rot eine Straße zu überqueren. Einzige Ausnahme: die CSU. 53 Prozent der CSU-Abgeordneten bleiben angeblich bei Rot stehen, egal, was passiert, vermutlich auch bei Starkregen oder wenn ein Wahnsinniger mit gezückter Waffe hinter ihnen her ist. Wer in Bayern einen Putsch ausführen möchte, muss einfach nur dafür sorgen, dass alle Ampeln auf Rot stehen, damit ist die Regierung komplett ausgeschaltet.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels

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