Das letzte Praktikum liegt sechzehn Jahre zurück. Soll ich wirklich noch mal los? Damals war ich in einem Verlag und bin seither bei den Büchern geblieben, habe lektoriert und verlegt und geschrieben. Aber selbst verkauft habe ich Bücher noch nie. Nun steht ein Verlagswechsel an, da ist Zeit, mir einen alten Wunsch zu erfüllen: einen Tag in einer Buchhandlung zu stehen.

Also am Samstag in aller Frühe auf, mit fliegenden Fahnen erwische ich den Zug nach Siegburg. Die Gebrüder Remmel haben vor einem Jahr ihren Laden eröffnet. Eine von vielen Neugründungen im Land – sie füllen die Lücken, die die Buchhandelsketten beim Rückzug von den Großflächen hinterlassen. Und sie zeigen, dass Empfehlung mehr ist als der Algorithmus "Kunden, die dieses Buch kauften, kauften auch ..."

Siegburg ist märchenhaft. Zumindest liegt die Stadt, als ich aussteige, in anmutigem Dornröschenschlaf. Goethe nannte den Ort "ein artiges Städtchen". Das Lob muss man sich erst mal verdienen: Zum Beispiel mit der schmucken Fachwerkpracht, hinter der die Buchhandlung R2 ihren Sitz hat. Ich hole Luft und trete ein.

Ein Tipp, falls angehende Praktikanten mitlesen: Stell dich mit dem Dienstherrn gut. Er schreibt am Ende dein Zeugnis. Was aber, wenn es zwei Herren gibt – und beide auch noch Zwillinge sind? Paul und Andreas Remmel verkörpern in identisch weißem Hemd und grauer Weste den Traum der Tradition: Der Buchladen als Ort, in dem die Zeit langsamer vergeht. Wo Leben und Lesen ebenso ununterscheidbar werden wie diese beiden Diener der Literatur. Es sind old school heroes, wer ihnen zusieht, versteht, warum der lokale Buchhändler aller Globalisierung zum Trotz nicht totzukriegen ist.

Die Zwillinge begrüßen mich mit zweimal demselben Augenzwinkern: Dann könne es ja losgehen, ob ich bereit sei. Bin ich bereit? Kann ich zu all den Büchern, die auf Tischen und Regalbrettern zum Lesen einladen, etwas sagen – sie empfehlen oder vor ihnen warnen? Mir fällt eine Geschichte von Mariana Leky ein, in der die Erzählerin zu Beginn ihrer Buchhandelsausbildung ein Schildchen angesteckt bekommt: "Ich bin neu und tue mein Bestes." Das hätte ich jetzt auch gerne.

Stattdessen geht es zur Sache. Die Remmel-Brüder nehmen die Praktikumsidee erfreulich ernst. Zwar ist der Kaffee schon gebrüht, mit allem anderen aber haben sie gewartet. Schnell wird deutlich, dass ich nicht zum Zuschauen eingeladen bin.

Kasse machen, Bargeld vom Vortag einsortieren. Wie fremd die neuen 5-Euro-Scheine sind. Einnahmen vom gestrigen Büchertisch buchen. Die über Nacht eingetroffenen Bücherkisten entplomben, Pakete annehmen, Neuzugänge in den Katalog aufnehmen. Dann soll ich die frisch ausgepackten Bände in den Laden stellen. Nur: wohin? Mir kommt die Geschäftsphilosophie der beiden zugute: "Leg sie auf irgendeinen der Tische. Der Kunde darf beim Stöbern überrascht werden." Prompt lese ich mich erst einmal selbst darin fest. (Tipp Nr. 2: Liebe die Dinge, mit denen du zu tun bekommst. Aber heb hin und wieder den Kopf. Es könnte jemand an der Kasse warten.)

So gern du den Kunden auch berätst: Schweige beim Kassieren

Die eingetroffenen Vorbestellungen werden ins Abholfach sortiert. Ich erinnere mich an ein Praktikum im Goethe-Institut Montreal, dessen Bibliothekarin bei der Begrüßung seufzte, sie erwarte von ihren Helfern nur, dass man das Alphabet im Schlaf beherrsche. Sonst komme alles für immer durcheinander. Und noch jeder habe sie darin enttäuscht. Bei den seltsamen Siegburger Doppelnamen ist die alphabetische Ordnung wahrhaftig kein Kinderspiel, hier gibt es sogar Kunden, die sich ein Abholpseudonym zulegen, um unerkannt zu bleiben. Denn die Auswahl der Bücher verrät einiges über die Kunden, das merke ich bald. Der Moraltheologie-Fetischist und die Käuferin des Fluchbuchs sind wohl kaum ein Paar. Dritte Empfehlung: Pfarrer, Psychologen und Praktikanten sollten ein Geheimnis für sich behalten können.

Überhaupt: die Kunden. Fast jeder, der etwas kauft, nimmt, wenn man ihn erst einmal ins Gespräch verwickelt, weitere Bücher mit (wahrscheinlich nur, um danach zu entkommen). Und zu jedem Thema lässt sich mit etwas List eine Lektüreempfehlung erfinden. Bis eine Stammkundin vor mir steht und den besten Bildband über die vier Mauschen Stile der Wandmalerei Pompejis sucht. Jetzt heißt es lächeln. Einerseits fühlt sich der Praktikant geschmeichelt, dass sie ihm zutraut, nicht nur einen, sondern den besten Band zu empfehlen. Andererseits wäre er schon froh, die Anfrage überhaupt buchstabieren zu können. Dann fällt mir ein, dass ich vom Einsortieren der Vorbestellungen ihren Namen kenne, was sie überrascht. Durch die Finte lässt sie sich in ein kleines Gespräch über Italien verwickeln, was wertvolle Sekunden zum Bibliografieren schenkt. (Verwandle schwere Fragen in leichte Antworten.)