Manchmal an diesem Abend bekommt Jörg Asmussen einen leeren Blick, als würde er gern einmal ausrasten, wenigstens ein bisschen stänkern, aber dann ist der Augenblick schon wieder vorüber. Er sitzt in einem Athener Restaurant, eingeklemmt zwischen schwergewichtigen älteren Herren: dem Direktor des größten griechischen Kreditinstituts, National Bank of Greece, und den Chefs der wichtigsten Wirtschaftskonzerne des Landes – Telekommunikation, Energie, Schifffahrt und Tourismus. Die verbliebene Macht der Griechen. Ein warmer Wind weht über die Bucht, es ist dunkel, vor Asmussen wartet die Vorspeise, ein riesiger Teller Orzo, griechische Nudeln.

Der Direktor der National Bank, im vergangenen Jahr war er noch Finanzminister, erhebt die Stimme, er begrüßt seinen "Freund Jörg", mit dem er schon viele schwierige Nächte durchgestanden habe. Dann reden die Männer nacheinander, manche haben Zettel mit Stichpunkten vorbereitet, die sie abarbeiten. Sie reden gegen das Zirpen der Grillen an, werden immer lauter, immer intensiver. Sie reden, als sei dieser Deutsche, der aussieht, als nehme er nach 15 Uhr keine Kohlenhydrate mehr zu sich, ihre letzte Chance. Die Rettung ihres Landes, ihrer Posten vielleicht. Die Männer wissen, Jörg Asmussen ist nicht nur Notenbanker, er ist auch eng mit der Kanzlerin. Vielleicht wird er nach der Wahl Finanzminister im neuen Kabinett.

Dieser Tisch wirkt wie ein Sinnbild der momentanen Machtverhältnisse in Europa – auf der einen Seite der fitte, junge Deutsche, auf der anderen die alt und hilfsbedürftig wirkenden Griechen. Asmussen hört zu, ab und zu schaufelt er ein wenig Orzo auf seine Gabel. Er hat einen langen Tag hinter sich.

Die Reise war seit Wochen geplant, um die nächste Mission der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds vorzubereiten. Dann kündigte Wolfgang Schäuble auf einer Wahlkampfveranstaltung ein drittes Hilfspaket für Griechenland an. Und Frau Heyne, Asmussens Assistentin, konnte dabei zusehen, wie sich der Terminkalender ihres Chefs füllte. Nun wollen sich auch der griechische Premier- und der Vizepremierminister mit ihm treffen.

Jörg Asmussen trägt Glatze, er wird in diesem Jahr 47, der typische deutsche Beamte hat es in diesem Alter vielleicht zum Unterabteilungsleiter gebracht, Asmussen war Staatssekretär im Finanzministerium und sitzt jetzt im Direktorium der Europäischen Zentralbank – einer der wichtigsten Posten der Finanzwelt. Er ist einer der Herren des Euro, wacht über die Sparprogramme der Krisenländer, bestimmt, ob sie noch an Geld kommen. Letztlich hängt von Männern wie Asmussen die Zukunft Europas ab. Wenn in den vergangenen Jahren etwas gerettet werden musste – Opel, Quelle, Banken, der Euro oder Griechenland –: Stets verhandelte er im Hintergrund. In gewisser Weise ist er ein Gewinner der Krise, sie beschleunigte seinen Aufstieg. Asmussen wurde nie gewählt, er ist ein Spitzenbeamter, ein Bescheidwisser ohne offensichtliche eigene politische Agenda. Gleichwohl nennen ihn fast alle Gesprächspartner, die man für dieses Porträt trifft, einen der mächtigsten Männer Deutschlands.

In Athen wird der Hauptgang serviert, gegrillter Fisch. Auch davon nimmt Asmussen nur wenig. Die Griechen reden weiter, die Steuern seien zu hoch, die Sparmaßnahmen zu hart, mehr gehe nicht. Die einzige Frau, eine Parlamentarierin, sagt: "Wir brauchen etwas Luft." Sie meint ihr Land. Es klingt wie ein Hilferuf. Alle am Tisch beziehen sich auf Asmussen. Es ist, als rückten sie immer näher an ihn heran. Er sieht unverändert aus, schwitzt nicht, regt sich nicht auf, hört nur zu. Im Zuhören ist er fantastisch. Er scheint nur etwas tiefer in seinen Stuhl gesunken zu sein. Frau Heyne am anderen Ende des Tisches macht sich Sorgen um ihren Chef, ob sie ihn retten müsse. Es ist ihre erste Reise mit ihm, sie weiß noch nicht, wie er tickt. Unter dem Tisch behält sie mit dem Blackberry den Überblick über seine Nachrichten. Während er isst und zuhört, gehen 100 Mails ein. In zwei Stunden. Für Athen hat Asmussen 24 Stunden Zeit.

Am Mittag ist er gelandet, hat im VIP-Bereich des Flughafens seine Jeans ausgezogen und seinen Anzug wie einen Panzer angelegt. In einer Wagenkolonne ist er durch die leeren Straßen Athens gerast. Normalerweise reist er ohne Personenschutz, aber Griechenland gilt für seine Sicherheitsleute als "Risiko-Location". Die Deutschen und die Troika sind derzeit nicht sehr beliebt. Eine erste Station ist das Finanzministerium. Es sieht aus, als habe Griechenland dort bereits alles eingespart, was möglich ist: Trinkwasser gibt es nur in der Mitarbeiterküche, Seife auf den Toiletten fehlt, und auch an Möbeln scheint nur noch das Nötigste vorhanden zu sein. Der Finanzminister beruft eilig eine Pressekonferenz ein. Asmussen stellt sich neben ihn, er weiß, der Minister muss etwas nach außen melden. Irgendwas Positives. Asmussen redet frei, seine linke Hand steckt in der Hosentasche, die rechte schnellt immer wieder hervor, sticht durch die Luft. Zack, zack, zack. So redet er immer – egal, ob in Schwerin, in Hessen oder in Athen, egal, vor welchem Publikum. Es ist die Haltung eines Mannes, der sich um sein Auftreten nicht sorgen muss, der weiß, dass man ihm zuhören wird. Seine Lässigkeit hebt ihn hervor. In der Welt der Finanznerds erscheint Asmussen immer doppelt so locker, doppelt so unkompliziert. Im Grau schillert er umso stärker. Asmussen sagt, er habe Riesenrespekt vor dem, was Griechenland geleistet habe, aber der Reformprozess müsse weitergehen. Er klingt verständnisvoll. Am Ende bleibt: Es reicht noch nicht.

Auf dem Weg hinaus umarmt Asmussen einen Bekannten. Asmussen trifft andauernd Bekannte. Auf internationalen Konferenzen ist er stets derjenige, der schon zum Frühstück verabredet, fortwährend im Gespräch vertieft ist, der auch die Teilnehmer aus den afrikanischen Ländern kennt. Er webt Netzwerke, die ihn wie ein Kokon umschließen. Sie schützen, sie tragen ihn. Er weiß meistens, was in Paris, Washington oder London gerade geplant ist. Auf diese Weise wurde er auch für seine früheren Minister unverzichtbar. Fünf verschiedenen Finanzministern hat er gedient: Waigel, Lafontaine, Eichel, Steinbrück, Schäuble. Informationen machen mächtig. Wenn man sich mit Asmussen über Menschen unterhält, sagt er gern: "Den kenne ich schon ewig." Das trifft auf seinen Chef Mario Draghi ebenso zu wie auf den ehemaligen US-Finanzminister Tim Geithner und den Direktor der National Bank of Greece. Jemanden lange zu kennen ist ein Wert für Asmussen. Es heißt, er weiß, mit wem er es tun hat. Es heißt, es drohen keine Überraschungen. Asmussen behält gern die Kontrolle. Kommunikation ist dabei sein Mittel, sein Werkzeug. Im Studium hat er sich mit der Spieltheorie beschäftigt: Wie bestimmt mein Verhalten das Verhalten anderer. Wie beeinflussen sich Beteiligte in Entscheidungssituationen gegenseitig.

Beim griechischen Premierminister verschwindet Asmussen sogleich in dessen Empfangssaal. Der Amtssitz liegt mitten in Athen, kein Geräusch dringt ins Innere. Draußen sind 65 Prozent der Jugend arbeitslos, die Fotografin dieser Geschichte hat seit zwei Jahren keinen Auftrag mehr aus ihrer Heimat bekommen. Die Sparvorgaben der Troika sind brutal, das Land muss in drei Jahren Reformen umsetzen, für die man normalerweise zehn Jahre brauchte. "Griechenland war faktisch zahlungsunfähig. Da gab es wenig Alternativen", hat Asmussen vor der Reise gesagt. Als er nach einer Stunde wieder erscheint, sagt er nichts. Er kommuniziert auch durch Stille. Wenn er schweigt, ist es wichtig. Er schweigt zum Thema Macht, zu seiner Zukunft in der Politik und zu seinem Verhältnis zur Kanzlerin. Dann presst er den Mund schmal, schiebt den Kopf ein Stück nach vorn, schaut weg. Es heißt, Merkel habe sich dafür eingesetzt, dass er auch unter Schäuble Staatssekretär blieb, obwohl er in der SPD ist. Sie schreiben sich weiter häufig SMS. Er sagt: "Sie kennt sich gut aus in den Details." Asmussen ist einer der Männer, die sie ihr erklären.

Wenn man Asmussen fragt, ob ihm sein Beruf Spaß mache, blickt er einen an, als sei man nicht bei Sinnen

In den Krisenmonaten nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers 2008 bildete Asmussen gemeinsam mit dem damaligen Bundesbankchef Axel Weber und dem damaligen Leiter der Finanzabteilung im Kanzleramt, Jens Weidmann, eine Art Ersatzregierung. Auch die beiden kennt Asmussen lange. Weber war sein Professor, Weidmann sein Kommilitone an der Universität in Bonn. Sie bemühten sich, eine "Kernschmelze" des Finanzsystems, wie Asmussen es nennt, zu verhindern. Als die Politik den Überblick verliert, übernehmen die Beamten, die Bescheidwisser die Macht.