DemokratieDie neuen Neinsager

Warum jetzt Herman Melvilles Figur Bartleby wiederentdeckt und Politik-Verweigerung betrieben wird. von 

Nein, er möchte es nicht, sagt der höfliche Mann mit flötensanfter Stimme, "ich möchte lieber nicht". Der rechtschaffene Mensch, der immer nur diesen einen Satz sagt, ist natürlich Bartleby, der Schreiber, der Held in Herman Melvilles gleichnamiger Erzählung aus dem Jahr 1853. Er verdient sein Brot als Anwaltsgehilfe an der New Yorker Wall Street; unermüdlich schreibt er Akten ab, "farblos ordentlich, erbarmungswürdig ehrbar, unendlich einsam". Doch plötzlich sagt er mit vollendeter Sanftmut Nein, genauer: Er sagt "I would prefer not to". Bartleby will nicht, und am Ende will er nicht einmal mehr das Wollen. Er wird gekündigt und verhungert im Gefängnis.

Bartleby ist nicht nur eine unsterbliche literarische Figur. Er ist, wie Gilles Deleuze einmal gesagt hat, "unser aller Bruder", und dieser Bruder ist immer dann zur Stelle, wenn man dringend Hilfe braucht: Wenn guter Rat teuer ist, wenn alle Wege in die Irre führen, wenn es bei einer Wahl scheinbar nichts zu wählen gibt – dann sitzt Bruder Bartleby plötzlich im kulturell Imaginären und gibt Rat für die Ratlosen. "Bartleby, was sollen wir tun?" Der Schreiber wiegt den Kopf und flüstert seine Ruhmesformel ...

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Derzeit ist Bartleby wieder mitten unter uns und geistert durch die Köpfe. Der zaudernde Held hat das Zeug, zur Symbolfigur einer neuen politischen Bewegung zu werden, der Bewegung der Neinsager und Verweigerer. "Ich möchte lieber nicht." (Siehe auch Aram Lintzel in der taz vom 10. 9. 2013, Carolin Emcke im ZEITmagazin und S. 52 im Feuilleton) Bartleby trägt viele Masken, und unter einer steckt der Sozialpsychologe Harald Welzer. In einem flammenden Aufsatz im Spiegel verkündete er einem verblüfften Publikum, er werde es vorzuziehen, diesmal nicht zur Bundestagswahl zu gehen. "CDUFDPSPDGRÜNELINKE" seien kaum noch zu unterscheiden, sie betrieben Pseudopolitik ("Quoten in Aufsichtsräten!") – anstatt heiße Eisen anzufassen, zum Beispiel die Frage, warum Nationalstaaten "auf transnationale Machtagglomerationen keinen Einfluss mehr ausüben können". In Bartlebys Welt standen die Dinge auf dem Kopf, und bei Welzer ist das wieder so: Merkel paukte die Energiewende durch; SPD und Grünen erfüllten mit der "Privatisierungs- und Steuersenkungspolitik" ihrer Agenda 2010 den neoliberalen Wunschzettel. Wählen gehen? "Ich möchte lieber nicht."

Auch bei Slavoj Žižek sitzt, wer hätte das gedacht, Bruder Bartleby auf dem Schoß, und auch er scheint für die rasant wachsende Zahl der Nichtwähler zu sprechen. Das ist erstaunlich, denn Žižek ist ein Barrikadenkämpfer, der Linksaußen der globalen Intelligenz, ihr prominentester Kopf. Auch wenn er es nie zugeben würde: Der Philosoph ist mit seinem Latein am Ende. Obwohl der Finanzkapitalismus die Welt beinahe in den Abgrund gerissen hat, blieb alles beim Alten. Die kapitalistische Klasse herrscht wieder, wie sie immer geherrscht hat: dreist, arrogant, schamlos – und reicher als je zuvor.

Žižek ist überzeugt, dass die Global Class gerade ihren nächsten Coup plant: Sie wolle den Kapitalismus von der Demokratie befreien, sie wolle die reine Marktgesellschaft, und Silvio Berlusconi habe der Welt vorgemacht, wie es geht. Überhaupt sei es mit der Entkernung der Demokratie schon weit gekommen. Systematisch würden die wahren (Klassen-)Konflikte unter den Teppich gekehrt und die Politik entpolitisiert. Weil die Eliten alles unter sich ausmachten, sinke die Wahlbeteiligung. Zwar dürfe man eine Wahl "nicht verachten", aber sie spiegele dem Bürger eine Macht vor, die er, der demokratische "König", gar nicht mehr habe.

Gegen die feindliche Übernahme der Demokratie hilft für Žižek nur eins: Es hilft nur Bartleby-Politik, das Neinsagen und Nichtmitmachen. Und so lässt er in einem Suhrkamp-Sammelband über Demokratie Melvilles fiktiven Schreiber von der Wall Street gegen die reale Wall Street antreten: "Es gibt Raum für eine magische passive Revolution, welche die Macht, anstatt ihr direkt entgegenzutreten, allmählich zersetzt, indem sie wie ein Maulwurf im Untergrund wühlt und sich den Alltagsritualen verweigert." Verweigerung als subversiver Akt – wie beim "Standing Man" auf dem Taksim-Platz in Istanbul, der einfach auf derselben Stelle stehen blieb.

Leserkommentare
  1. Wie wäre es mit einer Parteineugründung. Aber das wäre ja Arbeit.

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    "NEIN! - Idee"

    Auf dem Stimmzettel steht "NEIN!". Die Partei hat sich verpflichtet, alle Abstimmungen zu verneinen, außer solche, die die direkte Demokratie stärken.

    Das coole dabei: Das ist effektiver, als gar nicth zu wählen, also der politische Ausdruck des Nichtwählers.

    • Jouba
    • 21. September 2013 20:57 Uhr

    dass Merkel "die Energiewende durchgepaukt habe"? Sie hat das Thema an sich gerissen, nachdem sie vorher den Ausstieg aus eben dieser verkündet hatte - aus Angst vor der Wahl in BaWü. Und seither tut ihr Adlatus Altmaier nichts anderes, als die Energiewende zu sabotieren, um zu erreichen, dass die Bürger einen erneuten Ausstieg haben wollen, weil sie Angst vor Preiserhöhungen haben!

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  2. "NEIN! - Idee"

    Auf dem Stimmzettel steht "NEIN!". Die Partei hat sich verpflichtet, alle Abstimmungen zu verneinen, außer solche, die die direkte Demokratie stärken.

    Das coole dabei: Das ist effektiver, als gar nicth zu wählen, also der politische Ausdruck des Nichtwählers.

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  3. Erinnert alles stark an die Nihilismusdiagnose von Nietzsche.
    Auch an Freuds Unbehagen in der Kultur.
    Gemixt mit der total verwalteten Welt von Adorno.
    Dazu noch etwas Foucault.

    Im Westen also nichts Neues...

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    • uhurula
    • 21. September 2013 21:39 Uhr

    Nochmal für alle, die Prozentrechnen in der Schule verpasst haben oder es aus anderen Gründen nicht glauben wollen:

    Wer nicht wählt, wählt mit seiner nicht abgegebenen Stimme prozentual genau das Wahlergebnis, also - nachdem die CDU einen Stimmanteil von um die 40 Prozent erwartet, wählt der Nichtwähler mit 40 Prozent seiner Stimme die CDU.

    Der restliche Stimmanteil wird entsprechend der Wahl auf die anderen Parteien verteilt.

    Sprich - wer politikmüde von Merkels Politik nicht zur Wahl geht - wählt dabei die CDU.

    Das ist wohl exakt kontraproduktiv!

    Besser noch, man wählt dann eine der kleinen Parteien (wie z.B. die Tierschutzpartei), deren Wahlprogramm man schätzt. Dann wird die Stimme gezählt und entmachtet mit der Stimme die "Großen"

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    • Gerry10
    • 22. September 2013 6:34 Uhr

    ...sind die Nichtwähler zur Wahl gegangen und haben dann hauptsächlich CSU gewählt.
    Mit anderen Worten sie haben die Stimmenstärkste Partei gewählt.
    Das hat sowohl der FDP als auch den Grünen geschadet. Den Grünen ganz besonders denn die haben eigentlich stimmen dazugewonnen (+19,500), aber die CSU hatte mehr womit sie Prozentual verloren haben.
    Böse Zungen könnten also behaupten das der Nichtwähler also bekommt was er/sie will...

    Wer etwas anderes behauptet hat das System nicht im mindesten verstanden.

    Die Herrschaft der Parteien gründet ausschliesslich in der Legitimation per Wahl. Dabei ist es völlig egal wen man wählt, denn die Beteiligung an der Wahl ist der Akt in dem das System legitimiert wird.

    Dass durch Nichtwähler der prozentuale Anteil der Parteien untereinander anders ausfällt, ist nicht Schuld der Nichtwähler, sondern der Wähler.

    Ihre verquere Sichtweise, Nichtwähler für eine Merkel-Regierung verantwortlich zu machen ist Folge der Propaganda in den Medien, die die Zahl der Nichtwähler aus den Wahlergebnissen komplett herausrechnen.

    Tatsächlich sind nämlich die Nichtwähler regelmäßig Wahlsieger.

    Wenn in den Medien die Lüge verbreitet wird, die CDU haben beispielsweise bei der Bundestagswahl 33,8% gewonnen, dann werden die Nichtwähler totgeschwiegen. Tatsächlich hat die CDU bei der Bundestagswahl 2009 gerade einmal 19% der wahlberechtigten Bürger hinter sich gebracht!

    Schwarz-Gelb regiert seit 4 Jahren mit einer Legitimation von gerade mal 1/3 der Gesellschaft.

    DAS sind die Fakten die in den Medien verschwiegen werden.

    • uhurula
    • 22. September 2013 14:37 Uhr

    ...aber ich vermute doch stark, dass sind eher Sie...

    ...denn die Nichtwähler sind kaum "Wahlsieger" weil sie mit ihrer Stimme eben nicht nichts beeinflussen, sondern im Endeffekt genau das System der anderen wählen.

    Das kommt dem Trotz eines Pubertierenden gleich, der sich weigert mitzureden und dann denkt, er habe sich behauptet...aber tatsächlich richtet sich dann niemand in der Familie nach ihm...

    Warum suchen sie sich nicht eine kleine Partei, die Ihren Thesen nahekommt oder gründen selbst eine Partei? Die Grünen haben ja auch mal ganz klein angefangen?

    Also...selbst eine schweigende "Mehrheit", die sich selbst des Stimmrechts beraubt bewirkt: N I C H T S

    • Theo S.
    • 21. September 2013 21:47 Uhr

    Wer sich noch nie mit ihr beschäftigt hat, erkennt sie nicht und verwechselt sie mit Nihilismus.
    Danke, Thomas Assheuer.

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    • Tawalis
    • 21. September 2013 22:05 Uhr

    ... können sich doch nichts Besseres wünschen, als verdrossene, politikmüde und völlig desinteressierte Nichtwähler. Denn diese garantieren, dass die Verhältnisse so bleiben, wie sie sind - und die jeweilige Regierungspartei so wie die jeweilige "Opposition" können agieren, wie sie es seit Jahren gewohnt sind. Durchgefüttert vom Steuerzahler, beschließt der 5-Parteien-Club in den nächsten 4 Jahren die gleichen Gesetze und Verordnungen, die auch im Falle umgekehrter Machtverhältnisse installiert würden...

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  4. Hätte lieber kein solches Shirt getragen.

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