Hier also liegt er, der König des Delta Blues. Etwas imposanter haben wir uns seine letzte Ruhestätte vorgestellt, nicht so lieblos in den hintersten Winkel verbannt. Immerhin, ein Pekannussbaum spendet Schatten, und ein Stein versichert, dass er es ist: Robert Johnson, geboren am 8. Mai 1911, am 16. August des Jahres 1938 unter nie ganz geklärten Umständen gestorben. Wäre jetzt ein kühles Bier zur Hand, man würde es auf sein Wohl zischen, als Geste der Reverenz, aber auch aus Erleichterung, endlich angekommen zu sein. Zum Schluss hat sich die Sache nämlich ganz schön gezogen.

Lass die Stadt hinter dir, nimm die Straße nach Norden, und wenn du den Tallahatchee River überquerst, sind es noch ein, zwei Meilen durch die Felder, you can’t miss it, hatte das schwarze Mädchen an der Tankstelle gesagt. Jedenfalls war es das, was wir ihrem Südstaatensingsang entnehmen zu können glaubten. Und obwohl alles sich genau so verhielt, sind wir dann doch erst einmal vorbeigefahren, vielleicht, weil die Hitze des Südens gegen Abend wie eine Wand in der Luft steht, vielleicht auch, weil der Little-Zion-Friedhof am Rand von Greenwood nicht einladender als andere Friedhöfe entlang der Landstraße aussieht. Doch Ab- und Umwege gehören dazu, wenn man auf dem Mississippi Blues Trail unterwegs ist.

Blues Trail – bereits der Name führt in die Irre. In Wahrheit handelt es sich nicht um einen Pfad, sondern um ein locker über verstreute Punkte geworfenes Netz, das nur im Zickzackkurs zu bereisen ist. Die frühen Helden dieser ländlichen, auf akustischen Instrumenten gespielten Musik, sie waren nun einmal Vaganten, die nicht danach fragten, ob sich ihr Lebensweg nachträglich zu einer Linie fügt. In Mississippi gab es von ihnen mehr als in jedem anderen Bundesstaat der USA, weshalb eine regionale "Blues Commission" aus Lokalpolitikern und Historikern bereits in den neunziger Jahren mit dem Entwurf des Trails begann. 2005 wurde der erste "Bluesmarker" aufgestellt, die erste Infotafel von mittlerweile 170. Es kommen noch regelmäßig neue hinzu, eine Website bindet alle zusammen, und längst gibt es auch eine Blues-Trail-App für alle Hartgesottenen und Hobbybluesologen, die geduldig Geburtsorte, Gräber und Wirkungsstätten abfahren möchten. Ob sie dabei fündig werden, ist eine andere Frage.

Wer nämlich im Süden der USA nach einem Königsweg zu seinen Idolen sucht, hat es anderswo leichter. In Nashville, Tennessee, quillt Country-Musik aus jeder Ritze, Memphis trumpft mit themenparkartig ausgestalteten Elvis-Gedenkstätten auf, in New Orleans wird einem der Jazz hinterhergeschmissen. Wer aber nach Mississippi kommt, in diesen ärmsten aller US-Bundesstaaten, muss dem Kargen etwas abgewinnen können, der topfebenen Landschaft, der Monotonie von Mais- und Sojabohnenfeldern, und er muss den Willen mitbringen, den spirit nicht nur aus dem strahlenden Monument entgegenzunehmen, sondern auch aus der bescheidenen Reliquie. Egal jedoch, ob er den Geist des Blues per Smartphone ortet oder sich lieber durchfragt, das Objekt bleibt flüchtig. Je näher man ihm kommt, desto weiter zieht es sich zurück.

Gleich in Greenwood lernen wir die entscheidende Lektion, direkt am mutmaßlichen Grab von Robert Johnson, jenem Musiker, der als "King of the Delta Blues" gilt – aufgrund seiner virtuosen Spielweise, die er dem Teufel persönlich im Tausch gegen seine Seele abgehandelt haben soll. Kaum haben wir vor dem Grabstein Stellung bezogen, in die Idee versunken, dass er exakt an diesem Ort ins Erdreich hinabfuhr, da rollt der Wagen einer Familie aus Texas heran. 

Streit um den "King of the Delta Blues"

Vater und Mutter, beide Mitte fünfzig, wollen ihren minderjährigen Kindern zeigen, wer hinter der Musik steckt, die sie in ihrer Jugend hörten. Viel Zeit bleibt ihnen nicht. Am frühen Nachmittag, erzählen sie, sind sie in Quito gewesen, vor Einbruch der Dämmerung wollen sie Morgan City erreicht haben. Jede der drei Gemeinden nimmt für sich in Anspruch, die Gebeine des teuflischen heiligen Robert zu beherbergen, jeweils mit Gedenkstein. Ob wir die richtige Stelle erwischt haben, steht und fällt mit der Zeugenaussage einer Frau namens Rose Eskridge. Rose Eskridge indes hat bloß auf dem Totenbett verblasste Erinnerungen weitergegeben, und die Greenwooder Bluesforscher, die ihr die Beichte abnahmen, könnten aus naheliegenden Gründen interessegeleitet gewesen sein. Letzte Klärungen sind aufgrund fehlender Dokumente unmöglich.