Wer eine bessere Welt erkämpfen will, soll seine Spuren verwischen. Er soll seine Computerdaten mit mächtigen mathematischen Formeln verschlüsseln, wie es früher nur Staatschefs und militärische Geheimnisträger vermochten, er soll sich auf versteckten Pfaden durchs Internet bewegen und darf kein gewöhnliches Smartphone besitzen. Er soll es so halten wie dieser schmale, 39-jährige Mann in ungebügelten Schlabberklamotten, der sich Cedar Waxwing nennt, nach einer Vogelart. Sein richtiger Name tue hier nichts zur Sache.

"Da hat das für mich einmal alles angefangen", sagt er und deutet in den Nieselregen von Seattle. Das Treffen findet an der Second Avenue statt, einer der Straßen, auf denen vor fast 14 Jahren der Battle of Seattle tobte, die erste Massendemo der globalisierungskritischen Bewegung. Es war eine Ansammlung aus Umwelt-, Bürgerrechts- und Dritte-Welt-Gruppen, die eine Alternative zum herrschenden Kapitalismus erstreiten wollten.

Cedar Waxwing gehörte zu ihnen. Doch seine Waffe war kein Stein, sondern ein Computer. Er ist ein Hacker und kaufte damals einen großen Rechner, stellte ihn in seinen Keller, meldete die Internetadresse riseup.net an, Erhebung des Volkes, und verbrachte die folgenden Nächte gemeinsam mit Freunden vor dem Bildschirm. "Wir wollten allen Aktivistengruppen einen Platz im Internet geben, wie man ihn nicht kaufen kann", sagt er. Sie sollten miteinander reden können, Ideen austauschen und sich organisieren – wahlweise offen oder im Geheimen, auf jeden Fall ohne Angst vor Repressionen. "Es ist doch einfach gelogen, dass heutzutage jedermann alle seine Informationen auf Facebook oder Google öffentlich verbreiten will", sagt er. "So funktioniert Demokratie doch nicht."

Riseup.net ist bis heute der Anlaufpunkt im Netz für Zehntausende Gruppen mit Anliegen für eine bessere Welt. Sie finden dort E-Mail-Dienste, Verteiler für elektronische Rundschreiben, Chatforen und sogar ein paar Dienstleistungen für das Aushebeln staatlicher Zensur. Für den Hacker ist es eine Ehrensache, dass er die Daten so gut wie irgend möglich vor Eindringlingen und vor der Polizei schützt: Um ein Konto bei Riseup zu eröffnen, muss man nicht mal einen Namen angeben, die Riseup-Server speichern nur ganz wenige Informationen über die Kunden, und alle Festplatten sind verschlüsselt für den Fall, dass mal wieder eine Razzia kommt und die Computer beschlagnahmt werden.

Neuerdings aber schläft Waxwing nicht mehr gut, wenn er den Traum vom freien Internet träumt. Über die vergangenen Wochen ist ihm immer klarer geworden, dass die Daten seiner Kunden, ja von allen Menschen im Netz leichter einsehbar sind, als viele es selbst glauben. Dass jede Nachricht, jede Suchanfrage und jeder Schritt im Internet von behördlichen Spähern registriert werden – es sei denn, man kennt sich außergewöhnlich gut mit Technik aus, ist äußerst vorsichtig und macht niemals einen Fehler. "Für mich selbst sind diese Dinge ja noch vergleichsweise einfach", sagt Cedar Waxwing. Aber für all die anderen? " Fucking difficult!", ruft er und lacht bitter. Verdammt kompliziert.

Cedar Waxwing hat Angst um diese anderen Leute und um seinen Traum. Kann es sein, dass das Internet doch nicht jenes mächtige Medium ist, das Freiheit und Demokratie fördert – sondern das genaue Gegenteil, eine Maschine für die weltweite Überwachung?

Die Nachrichten, die Cedar Waxwing so große Sorgen bereiten, haben mit Edward Snowden zu tun. Der ehemalige Computerdienstleister für den amerikanischen Geheimdienst National Security Agency (NSA) hatte im Mai die Weltöffentlichkeit erschüttert, indem er einen Stapel von 50.000 internen Geheimpapieren aus der Agentur entwendete und sie teilweise an den in Rio lebenden amerikanischen Journalisten Glenn Greenwald und die New Yorker Filmemacherin Laura Poitras übergab, bevor er sich nach Moskau absetzte und Asyl beantragte.