Samstagmorgen, acht Uhr. Ein Bauernmarkt im Westen Innsbrucks. Leichter Regen prasselt auf die Dächer der Stände. Glückliche Stadtbewohner versorgen sich hier mit Biogemüse, frischem Schafskäse und Milch von artgerecht gehaltenen Kühen: Es ist das natürliche Umfeld des typischen Grünwählers. Und davon gibt es viele in Innsbruck. Die Stadt ist eine Hochburg der Ökopartei, die zuletzt bei den Landtagswahlen sogar den Platzhirsch ÖVP hinter sich ließ. Der grüne Spitzenkandidat Georg Willi klappert nun die Bauernmärkte Tirols ab, denn deren Kunden "leben urban, wissen die Arbeit der Bauern zu schätzen und möchten wissen, woher das Essen kommt", sagt er. Wer hierher radelt, gehört zu seiner Kernklientel und hat es nicht nötig, seine Lebensmittel beim Discounter zu kaufen. Vor dem Supermarkt nebenan haben heute FPÖ-Aktivisten einen Stand aufgebaut und buhlen um die Stimmen der Schnäppchenjäger.

Doch ist es tatsächlich so einfach? Sind die Wähler der Grünen ein wandelndes Klischee mit Jutesack?

Vom Erscheinungsbild seiner Klientel hat der grüne Bundesgeschäftsführer Stefan Wallner jedenfalls klare Vorstellungen: "Frau, Ende 30, Anfang 40, berufstätig, hat ein Kind, ist urban-sportlich gekleidet, mit dem Fahrrad unterwegs, verwendet ein iPhone", sagte er in einem Interview mit derStandard.at. Sind das die Wähler, welche der einstigen alternativ-sozialen Bewegung zu fast 15 Prozent Stimmenanteil verhelfen sollen? Von den Ökofundis in Sandalen, die ihre Gefühle im Ausdruckstanz darstellen, sind nur noch wenige übrig, und auf autarken Bauernhöfen im Waldviertel leben auch keine Wählermassen. Die Partei ist breiter geworden – eine Volkspartei, welche die Menschen anspricht, die früher vielleicht gegen Zwentendorf-Gegner demonstriert hätten.

Heute lautet die Faustregel: Das Bevölkerungssegment, das die größten Erfolge verspricht, lebt urban und ist höher gebildet. Nur fünf Prozent aller Personen mit Lehrabschluss wählten 2008 grün, dafür aber jeder fünfte Maturant und Akademiker. In Gemeinden unter 10.000 Einwohnern gewannen die Grünen keinen Blumentopf, dafür schnitten sie in Städten über 50.000 Einwohnern umso besser ab.

Die Reduzierung seiner Stammwähler auf ein paar typische Merkmale möchte Stefan Wallner heute nicht mehr wiederholen. Der frühere Generalsekretär der Caritas sitzt in der Wahlkampfzentrale in Wien und präsentiert eine detaillierte Zielgruppenstudie, die sogenannten Sinus-Milieus. Mit ihnen wird die Gesellschaft vermessen, und Menschen werden in zehn Milieus unterteilt, die sich in Lebensauffassung und Lebensweise ähneln. Die Wahlkämpfe seien früher zu ernst gewesen, zu schulmeisterlich: "Wir haben zum größten Teil nur unsere Kernwähler angesprochen", sagt Wallner, die Postmateriellen, die typischen Grünfunktionäre, die Wert auf individuelle Selbstverwirklichung legen und sich als kritische Verbraucher sehen. "Doch wir sind längst mehr."

Wachstumschancen sehen die Grünen vor allem im Milieu der Performer, der "multi-optionalen, effizienzorientierten Leistungselite mit global-ökonomischem Denken und stilistischem Avantgarde-Anspruch", wie sie das Sinus-Institut beschreibt. Kurzum: Die urbanen Gutverdiener, Ärzte, Anwälte, Unternehmer; die frühere ÖVP-Klientel findet sich inzwischen immer öfter bei den Grünen besser aufgehoben.

Auch bei den Mitgliedern der jungen Spaßgesellschaft, den Hedonisten, die elf Prozent der Gesellschaft ausmachen, rechnet man sich Chancen aus. Sie interessieren sich nur wenig für Politik und schon gar nicht für Umweltschutz. Trotzdem hat jeder Fünfte Sympathien für die Grünen, die versuchen, mit Themen wie billigen Öffi-Tickets zu punkten. In diesem Milieu treffen sie auf einen ungewohnten Gegner: die FPÖ. Mit den Freiheitlichen um dieselbe Wählerschicht zu buhlen, daran müssen sich anscheinend manche Grünfunktionäre erst gewöhnen.

Sind Grünwähler wohlhabender als der Rest? In Deutschland untersuchte die Universität Leipzig 2012, aus welcher Einkommensschicht die Wähler welcher Partei kommen. Das Ergebnis: Nur vier Prozent der Grünwähler haben ein monatliches Haushaltseinkommen von weniger als 1.000 Euro, 45 Prozent eines über 2.500 Euro – nur FDP-Wähler verdienen besser. In Österreich gibt es keine entsprechende Untersuchung, eine Erhebung könnte aber ähnlich ausfallen. "Wenn Personen, die eine höhere Bildung haben, die Grünen wählen, dann kann man davon ausgehen, dass es diejenigen sind, die auch höhere Einkommen haben", sagt Sylvia Kritzinger, Vorständin des Zentrums für Methoden der Sozialwissenschaften an der Universität Wien und eine der Leiterinnen der Austrian National Election Study, der bislang größten universitären Studie über das Wahlverhalten. "Wer die Grünen wähl, tut das meistens nicht aus wirtschaftlichem Interesse", sagt sie.

Was wir sagen, ist gut, und das Gute ist alternativlos

Die Wahlentscheidung ist zum altruistischen Lifestyle geworden, das "grüne Lebensgefühl" hat das Eigeninteresse überwunden. Wer "uns wählt, tut das nicht aus egoistischen Motiven", sagt Michel Reimon, grüner Landtagsabgeordneter aus dem Burgenland. "Es geht unseren Wählern nicht um ihre kurzfristigen Vorteile, sondern um ein übergeordnetes Ziel. Das erfordert schon eine gewisse Reflexionsfähigkeit."

Ein wenig Paternalismus schwingt immer mit, wenn Grüne ihre Themen präsentieren. Traten sie einst an, um die Welt zu verbessern, so wirken ihre Wahlkämpfe heute wie ein Erziehungsprojekt, welches der Gesellschaft einen bestimmen Lebensstil aufzwingen möchte; garniert mit ein wenig Überheblichkeit und viel Rechthaberei. Die Plakate tun das Ihrige und erzeugen ein Wir-Gefühl der Besserwisser: Wir sind weniger belämmert, die anderen demnach umso mehr. Und wenn die Radfahrer in der Wiener Mariahilfer Straße an den Bodenmarkierungen scheitern, haben sie einfach nichts verstanden. Vielleicht ist es nur verfehlte Öffentlichkeitsarbeit, aber keine Partei wirkt so bevormundend: Was wir sagen, ist gut, und das Gute ist bekanntlich alternativlos.