Unsere Erde atmet – und das vielfach. Ihre hauchdünne Lufthülle pulsiert im Takt ganz unterschiedlicher Rhythmen: Wenn im Frühjahr die Natur aufblüht, sinkt der CO₂-Gehalt der Atmosphäre, denn das frische Grün bindet Kohlenstoff. Im Herbst verrotten die abgefallenen Blätter und geben Treibhausgas frei. Ähnliches geschieht beim Methan, das aus auftauenden sibirischen Sümpfen und gefluteten asiatischen Reisfeldern aufsteigt, um dann in der Atmosphäre langsam wieder abgebaut zu werden. Auch andere Rhythmen werden beobachtet: Kurzatmig hecheln die Gezeiten um den Globus. Im Takt der Jahrtausende kommen und vergehen hingegen die Meeresströmungen und Eiszeiten. Und dann gibt es da all die menschlichen Eingriffe: Landwirtschaft und Brandrodung mit ihren jahreszeitlichen Schwankungen, Landflucht hier, Megastadtwachstum dort, Wasser-, Luft- und Lichtverschmutzung.

Von oben, aus der Erdumlaufbahn, erkennen wir vieles davon erst richtig gut. Vor 50 Jahren haben Satelliten begonnen, uns ein ganz neues Bild der Erde zu zeigen. Eine Draufsicht. Sie hat unser Verständnis revolutioniert: Ozeane, Wüsten oder Tropenwälder waren nicht mehr nur unendliche Weiten, sie wurden zu überschaubaren Teilen unseres Blauen Planeten auf seiner Reise durchs All.

Heute ist der faszinierende Blick von ganz oben allgegenwärtig, Google Earth erschließt ihn per Mausklick. Und bunte Animationen, die das komplexe globale Zusammenspiel der Elemente in Wasser, Boden und Luft zeigen, bestimmen zunehmend Umweltbewusstsein und -politik. Wenn der Weltklimarat in wenigen Tagen seinen fünften Sachstandsbericht veröffentlicht, dann beruhen die darin präsentierten wissenschaftlichen Erkenntnisse mehr denn je auf Satellitendaten.

Dass sich die Erdbeobachtung zu einer der einflussreichsten Wissenschaftsdisziplinen entwickelt hat, konnte man gerade beim Living Planet Symposium im schottischen Edinburgh sehen. Fast 2.000 Erdbeobachter debattierten dort über alle Fachgrenzen hinweg. Der Umgangston war so locker wie die Kleiderordnung. Turnschuhe und Polohemden dominierten.

Allerdings begann die Konferenz mit einer Verstimmung.

Ausgerechnet zum Tagungsauftakt hatte der Europäische Rat den Entwurf einer EU-Richtlinie auf Eis gelegt. Es ging darum, wer wie Zugang zu den Messdaten der nächsten Generation europäischer Erdbeobachtungssatelliten erhalten soll. Die Europäische Weltraumbehörde Esa betreibt diese. Nachdem Messdaten bislang nur nach Gutdünken veröffentlicht worden waren, wollte die EU-Kommission nun eine "offene Datenpolitik": freien Zugang also, endlich hätten sich dann die europäischen Verhältnisse den US-amerikanischen angepasst. Denn schon vor über zehn Jahren hat die Nasa alle Daten, die ihre Satellitenflotte Landsat sammelt, freigegeben und damit einen Boom der Geoinformationsbranche ausgelöst.

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In Europa jedoch stellen sich einige große Raumfahrtunternehmen quer, sehr zum Ärger der Forscher in Edinburgh. "Der Widerstand kommt vor allem aus Deutschland und Frankreich", beklagt Barbara Ryan, Direktorin der Group on Earth Observation (GEO) in Genf, die sich für ihre 90 Mitgliedsnationen um die weltweite Zusammenführung aller Erdbeobachtungsdaten bemüht. Um ihr Geschäft mit eigenen hochaufgelösten Satellitenbildern fürchten die deutsche Geoinformationsfirma RapidEye und der deutsch-französische Raumfahrtkonzern Astrium, der erst Anfang des Monats einen Großauftrag von Google vermeldet hat. Es geht um viel Geld – und einen Zukunftsmarkt.

Aktuell kann die Esa noch gar nicht mit den Aufnahmen der Privaten konkurrieren. Bisher hat sie keine ähnlich leistungsfähigen optischen Kameras im Orbit, und bis mindestens 2025 sind auch keine geplant. Zudem hatte sie frühere Versuche beendet, ihre Satellitendaten zu vermarkten. "Mehr als die dafür nötigen Verwaltungskosten hat das sowieso nie eingebracht", sagt Volker Liebig, für die Erdbeobachtung zuständiger Esa-Direktor.