An einem Samstag im Juni steigt Hans-Christian Ströbele an der Berliner Prinzenstraße die Rolltreppe zur Hochbahn hinauf, er ist in Eile. Sonst fährt er auf dem Rad durch Kreuzberg. Das Rad ist 17 Jahre alt, der schwarze Lack blättert ab; den Sattel hat er mit einem Überzug aus Schaffell ein bisschen bequemer gemacht. Blöd, aber Ströbele hat es am Tag zuvor in der Nähe seines Büros stehen lassen. Etwas hat seine Routine gestört, eine Kleinigkeit, die mit dem Großen, Wichtigen nichts zu tun hat.

Der Tag zuvor war der 7. Juni 2013. Ströbeles 74. Geburtstag.

"Ich habe wie immer bis abends um acht gearbeitet", sagt er. Seine Frau hat aber schließlich darauf bestanden, ihn ins Auto zu packen und bei einem Italiener essen zu gehen, um wenigstens ein bisschen zu feiern. Deshalb blieb das Rad stehen.

Die heiße Phase des Wahlkampfs hat noch nicht begonnen, aber der Bundestagsabgeordnete Ströbele hetzt schon jetzt durch seinen Wahlkreis. Dreimal ist er hier im Wahlkreis 83, der von Kreuzberg über Friedrichshain bis zum östlichen Rand von Prenzlauer Berg reicht, bereits in den Bundestag gewählt worden. Kein anderer Grüner hat es je als Direktkandidat geschafft. Ströbele ist eine Ausnahmefigur in seiner Partei, der Held von Kreuzberg, aber jetzt sehnt er sich nur nach seinem Rad. Er muss dringend zu einer Parteiversammlung.

Längst könnte Ströbele seinen Ruhestand genießen. Die schöne Pension, die ihm der Bundestag schon jetzt zahlen würde. Stattdessen ignoriert er seinen Geburtstag, an sein Alter will er gar nicht denken. Er macht einfach weiter. Er schuftet wie ein junger Politiker, der nach oben will. Was treibt ihn mit seinen 74 Jahren so sehr um?

Nicht einmal an seinem Geburtstag hat Ströbele es sich gegönnt, auszuschlafen. Vormittags fand im Bundestag eine Abstimmung statt. Es ging um mehr Rechte für Schwule und Lesben, da wollte Ströbele nicht fehlen. Das Gesetz wurde dann von den Regierungsparteien durchgewinkt. Das Land hat sich ziemlich verändert, seitdem Ströbele in den sechziger Jahren Politik zu seinem Leben gemacht hat. Es ist nicht mehr so schwer, mit liberalen Ansichten Mehrheiten zu finden. Alle sind politisch etwas nach links gerutscht.

Er war 1968 schon dabei, verteidigte als Anwalt Terroristen. Heute freuen sich die Grünen, dass wenigstens einer noch ein echter Revoluzzer ist

Später an seinem Geburtstag hat Ströbele sich noch mit Wahlkampfhelfern getroffen und über das richtige Plakatmotiv gestritten. Er will wieder als Comicfigur zu sehen sein, als fröhlicher Weißschopf, der durch ein buntes Kreuzberg marschiert, das an die achtziger Jahre erinnert. Das Viertel gehört zwar längst nicht mehr den Alternativen, hier gibt es jetzt auch schicke Neubauten und teure Restaurants. Doch Hans-Christian Ströbele weiß, dass es ein Vorteil ist, wenn er nostalgische Sehnsüchte erfüllt. "Manche Leute haben sich die Plakate in die Küche gehängt", sagt er stolz.

Mit der Hochbahn fährt er drei Stationen zum Schlesischen Tor, ins Herz des Viertels. Er läuft die Treppe runter, erstaunlich schnell. Sein zu großes blaues Jackett lässt ihn noch schmaler wirken. Blau ist seine Farbe, dazu ein roter Schal: So zeigen ihn auch immer die Comicplakate. Ströbele hat aus sich eine Marke gemacht.

Er ist Pazifist, Vegetarier, Antialkoholiker, seit 30 Jahren fährt er praktisch nur Fahrrad. Er ist einer, der immer auf der Seite der Schwachen war; es gibt keine Minderheit, für die er noch nicht demonstriert hat. Seine Haltungen sind mit seiner Person verschmolzen. Jetzt ist er das, was vom früheren politischen Kern der Grünen noch übrig ist: Er vertritt das Altbewährte, das Erwartbare, oft wirkt er ein bisschen harmlos. Er verkörpert den Erfolg seiner Partei und ihre Schwäche zugleich: Die Grünen schmücken sich gern mit altem Revoluzzergeist, sind aber längst eine ziemlich gewöhnliche, schon ein bisschen langweilige Partei geworden.

Was begeistert die Leute so an Ströbele? Hier in Kreuzberg müsste man es herausfinden können.

"Die Dönerbude da", sagt er, "ohne mich gäb’s die nicht mehr." Er hat seinen Einfluss spielen lassen, um das Grundstück vor Immobilienhaien zu bewahren. Er ist Bundestagsabgeordneter, aber sein Einfluss kommt aus dem Viertel. Bei US-Kongress-Abgeordneten hat er sich abgeguckt, wie man beim Volk Punkte macht: "Ich bin hier der Anwalt für alle." Ströbele vermittelt bei Streitereien mit Jobcentern und Vermietern, und einer seiner sechs festen Mitarbeiter kümmert sich nur um die Sorgen der Wähler. Zuletzt, 2009, hat Ströbele 47 Prozent der Stimmen geholt. Hinter ihm kam weit abgeschlagen die Linkspartei mit 18 Prozent, dann die SPD mit 17. Die CDU ist mit 12 Prozent beinahe eine Splitterpartei. Ströbeles Wahlkreis besteht hauptsächlich aus Kreuzberg und Friedrichshain. Diese Viertel haben sich in den letzten Jahren durch Zuzug und Verdrängung sehr verändert. Ein urbanes Experimentierfeld mit hohem Ausländeranteil, aber auch mit mehr Bildungsbürgertum als in anderen Vierteln. Außerdem der jüngste Bezirk Berlins: Der Durchschnittskreuzberger ist 37 Jahre alt. Halb so alt wie Ströbele.