ZEITmagazin: Frau Vinken, Sie sind Professorin für Literaturwissenschaft und zugleich Modetheoretikerin. Was interessiert Sie an Mode?

Barbara Vinken: Texte und Textilien sind kunstvolle Gewebe. Ich möchte das ästhetische Raffinement, das in die einzelnen Stücke eingeht, herausstellen. Warum faszinieren uns manche Kleidungsstücke so? Für mich ist Mode ein Werkzeug, um das Körperbild zu formen. Sie macht unseren Körper ganz, oder sie zerstückelt ihn. Sie schützt, streichelt, umfängt ihn, zeigt ihn reizend. Ich habe nie daran geglaubt, dass Nacktheit paradiesisch sei. Eher werden wir durch die Mode erlöst, vielleicht ist das Kleid Zeichen unserer Rettung: Auf mittelalterlichen Bildern des Letzten Gerichts sind Menschen nackt, wenn sie zur Hölle fahren, und wunderschön angezogen, wenn sie in den Himmel kommen.

ZEITmagazin: Welche Bedeutung hat Mode für Ihr Leben?

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Vinken: In gewisser Weise war die Mode auch meine Rettung. Sie hat mir erlaubt, als Frau in einer männerdominierten Welt wie der Wissenschaft Weiblichkeit zu behaupten. Ich konnte dank der Mode auf ironische Distanz gehen zum männlichen Sich-selbst-sehr-wichtig-und-ernst-Nehmen, das selbstverständlich Wichtigeres im Auge hat als modische Frivolitäten. Ich habe mir das Unpassende, das Frauen in diesen Institutionen immer noch darstellen, mit einer in diesem Rahmen im wahrsten Sinne des Wortes unpassenden Kleidung auf den Leib geschrieben und in all dem Grau Farbe bekannt. Für mich sind gerade diese nichtigen Frivolitäten als Ablenkungsmanöver überlebensnotwendig; sie funktionieren wie eine Nebelkerze, durch deren Rauch man sich entziehen kann. Dass ich etwa durch meine Netzstrümpfe Stein des Anstoßes sein kann, amüsiert mich. Hierzulande wird in der Wissenschaft wie in der Wirtschaft der Graue-Maus-Typ gefordert. Wir haben es mit einem reformiert-bürgerlichen, bis auf die Knochen männlichen Wissenschaftsverständnis zu tun. Davon habe ich durch die Mode sichtbar Abstand genommen. Und diese Distanz hat mir eine fröhliche, heitere Wissenschaft ermöglicht. Ich hatte das große Glück, den leichten Spott, der die Weiblichkeit umgibt, und die Rüsche am Kleid, um mit Walter Benjamin zu sprechen, nicht opfern zu müssen, um Karriere zu machen. Das hätte ich wahrscheinlich auch nicht gekonnt. Man gibt ja nur vor, Herr im eigenen Haus zu sein.

ZEITmagazin: Warum werden Wissenschaft und Weiblichkeit als Gegensatz gesehen?

Vinken: Der Geistesmensch ist bei uns männlich codiert. Weibliche Intellektualität wird bestenfalls als Entstellung männlicher Normen begriffen – zu viel oder nicht genug, irgendwie anders, daneben. Der ja trotz allem superprotestantische Nietzsche befindet schon, dass nur der Mann, genauer: der geistig arbeitende Mann, mit seiner Kleidung die Moderne erreicht hat: Er hat Wichtigeres im Kopf als die Kleider, die er trägt. Er ist in höherem Auftrag unterwegs. Die Männer treten in Reih und Glied zurück und ziehen sich alle gleich unauffällig an.

ZEITmagazin: Männer tragen einfach Anzug.

Vinken: Ja, und der Anzug ist ein Manifest der Indifferenz gegen alles Modische, das jetzt mit Weiblichkeit gleichgesetzt wird. Der Anzug ist das Kleidungsstück der Moderne: universal erfolgreich, von nahezu klassischer Beständigkeit. Er hebt die individuellen Körper, etwa in der Uniform der Frankfurter Banker – anthrazit, rosa oder hellblaues Hemd, weich glänzende Seidenkrawatte –, in Körperschaften auf. Diese überdauern die individuellen Körper.

ZEITmagazin: Für Frauen gilt: Anything goes. Mündet dieser Nonkonformismus nicht selbst wieder in Konformismus?

Vinken: So ist es. Nie war ein Stil, was die Frauen angeht, so kollektiv erfolgreich wie der, wo nichts mehr zusammenpasst und wirklich jede Norm umgestoßen wird: Cocktailkleid mit Militärreißverschluss. Die Frauen demonstrieren kollektiv ihre Freiheit von aller Verkollektivierung, der die Männer unterworfen sind. Vollkommen selbstbestimmt und frei sehen dann all diese Damen – da brauchen Sie nur durch Schwabing zu laufen – ziemlich ähnlich aus.

ZEITmagazin: Fühlten Sie sich jemals falsch angezogen?

Vinken: Ja, 1985, in der Züricher Oper. Das Publikum dort war damals, was Kleider anging, einfallslos konservativ. Die Damen hatten leuchtende, drapierte Seidenkleider an; ich trug auch ein drapiertes Kleid, von Comme des Garçons, allerdings wirklich anders drapiert und aus anthrazitgrauem Wolljersey. Alles falsch, und das war gerade der Witz. Durch dieses unpassende Kleid auf den Arm genommen und herausgefordert, reagierten die Opernbesucher ziemlich deutlich. Geschmacklos, schockierend, hässlich, sagten ihre Blicke. Zu wissen, dass ich, objektiv gesehen, interessanter, auf der Höhe der Mode angezogen war, half mir jetzt auch nicht viel. Heute wäre ich darüber amüsiert.