Darius Kopp ist zurück: der dickliche IT-Spezialist, der in Terézia Moras vorangegangenem Roman Der einzige Mann auf dem Kontinent in eine tiefe berufliche und private Krise geriet. Nun, im zweiten Teil einer geplanten Kopp-Trilogie, ist aus der Krise die Katastrophe geworden. Die labile Flora, Kopps ungarische Ehefrau, ist tot: Nach einem langen, kalten Winter der Trennung hat sie sich an einem Baum erhängt. Und Darius Kopp, der trotz Arbeitslosigkeit und unmöglicher Beziehung immer an so etwas wie Normalität festhielt, ist aus der Welt gefallen. Und zwar in einer ihm entsprechenden (und zeittypischen) Art der Verwahrlosung: Alkohol, Pizza, Fernsehen, Kaffee. Fast ein Jahr lang hat er die Wohnung nicht verlassen, als ihn sein alter IT-Kumpel Juri zurückschubst in die Wirklichkeit. Aber Wirklichkeit ist nichts, mit dem Kopp noch etwas anfangen könnte.

So setzt Moras Roman Das Ungeheuer, der auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis steht, ein: Die alte Existenz ist endgültig vorbei, Darius und die Weltwirtschaft stecken in der Depression, oder, wie er selbst sagt: Er trauert. Die tote Flora scheint ihrem Witwer ihre Lebensunfähigkeit hinterlassen zu haben, nebst ihrer Asche und ihrem Laptop mit ungarisch geschriebenen Textdateien, und der hat keine Ahnung, was er mit dieser dreifachen Last machen soll. Terézia Mora hat Darius Kopp schon im ersten Buch als die Figur eines Mannes entworfen, der sich selbst nicht kennt, weder Ziele noch Fragen hat und sich von einem unreflektierten Anpassungs- und Vergnügungsinstinkt steuern lässt. Darius Kopp also flüchtet. Er macht sich auf den Weg nach Ungarn, auf die Suche nach Floras Spuren, begleitet von ihrer Asche.

Es ist ein alter Topos: Die Reise in die Vergangenheit als Suche nach sich selbst. Aber weil dieser Kopp planlos ist und von sich selbst nicht allzu viel wissen will, lässt er seine Reise bestimmen von Zufallsbekanntschaften, die ihn an die Ränder Europas führen, nach Albanien, Bulgarien, Georgien, Armenien, bis er schließlich im Krisenzentrum der Gegenwart landet: in Athen. Mit Smartphone, Auto, Kreditkarte und Laptop bricht er auf. Diese nützlichen Geräte seiner IT-Welt kommen ihm unterwegs abhanden wie Gold und Stein dem Hans im Glück.

Der Auftakt der Erzählung ist furios. Terézia Mora verwendet für ihre Dialoge eine großartig literarisierte Umgangssprache, schildert genüsslich bizarre Begebenheiten, stellt Komik und Verzweiflung direkt nebeneinander. Die starke Sogwirkung aber entsteht durch den Widerspruch zwischen dem, was Flora getan hat, und Kopps Wahrnehmung seiner Ehe: "... wir hatten keine Angst, denn wir waren eine Einheit, zwei Rädchen, die ineinandergriffen. Obwohl wir im Grunde nie mehr in etwas anderem waren als in Krise, Zusammenbruch, Erholung, Zusammenbruch, Erholung, manchmal parallel zur Börse und manchmal nicht."

Aber leider hält Terézia Mora diesen Widerspruch, aus dem sich ein großer Roman hätte entfalten können, nicht durch. Mit dem vierten Kapitel setzt Floras schriftlicher Nachlass ein: Erinnerungen an eine lieblose Kindheit in Ungarn; dann die Jahre in Berlin, Studium, Armut, Promiskuität, Depression, Abtreibung und das Gefühl, missachtet zu werden als Frau, als Intellektuelle. Immer wieder Wahrnehmungen im Zustand der Depression – "wenn selbst die Form, die Farbe der Dinge schmerzt, die Pflastersteine, die Linien im Beton, und das ist noch das wenigste".

Die beiden Erzählungen laufen typografisch parallel, oben die des lebenden Mannes auf Reisen, unten die der toten Frau im Kampf mit dem Ungeheuer ihrer Krankheit. Darius Kopp wirkt allerdings von der – auch für einen heiteren Leser langfristig schwer zu ertragenden – in Worte geronnenen Verzweiflung seiner Frau erstaunlich unberührt. Flora ihrerseits hat "D." in ihren Aufzeichnungen kaum je erwähnt. Das sei bei Depressiven so, erklärt die Witwe eines Selbstmörders Darius später, sie interessieren sich nicht für andere. Die Erzählweise scheint vor allem belegen zu wollen, dass die Sensible und der Normalo verschiedene Welten bewohnten. Aber diese Verschiedenheit wird sprachlich und auch im erzählerischen Bezug nicht lebendig. Die empfindsamen Passagen von Kopps Reiseerzählung traut man ihm ohnehin nicht zu – sie zeigen die poetischen Fähigkeiten der Autorin. Und sie gleichen dem Sprachduktus der schmerzvoll klarsichtigen Flora.

Das hätte eine gewisse Logik, läge eine gewisse Entwicklung darin. Aber Darius Kopp hat nur Erlebnisse, er verändert sich nicht: als Figur bleibt er starr und immer etwas dümmer als die Autorin selbst. Deshalb geht das Konstrukt des Romans nicht auf.