Blut, Schweiß und Tränen ziehen immer. Es ist also kein Wunder, dass die amerikanische Performerin Ann Liv Young derart erfolgreich ist – die Frau arbeitet auf der Bühne mit so ziemlich allen Körperflüssigkeiten, die zur Verfügung stehen. Sie re-interpretiert in ihren Shows gerne Märchen oder inszeniert biografische Geschichten, wie 2009 in The Bagwell in Me jene von George und Martha Washington. Zu ihren Shows gehören nicht nur Popsongs, deren Texte Young engagiert mitbrüllt, sondern auch eine Menge nacktes Fleisch, (echter) Sex, Masturbation, Fäkalien und das Beschimpfen und Bloßstellen des Publikums. Da muss in Europa schon mal die Theaterpolizei kommen. In den USA braucht es das nicht. Dort, sagt Young, wird sie im Zweifelsfall erst gar nicht gebucht.

Ihr Ruf in der internationalen Performer-Szene ist enorm

Die Frau, die in ihren Shows so maßlos vor sich hin wütet, ist – wie das reinste Klischee – abseits der Bühne nahezu unscheinbar: eine freundliche Person mit mädchenhaft langem Haar und durchscheinender Haut. Als Performerin ist sie alles andere als höflich – doch das allein würde noch nicht den Status rechtfertigen, den sie innerhalb ihrer Zunft hat. Mittlerweile Anfang dreißig, war sie in ihren Zwanzigern schon ein Star; Kategorie: aufregendste aller Newcomerinnen. Sie tourt durch die ganze Welt, gebucht von namhaften amerikanischen und vor allem europäischen Institutionen. "Unerhört" für eine Choreografin, die noch keine dreißig ist, befand vor einiger Zeit völlig überwältigt das Magazin Artforum. Auch wenn Youngs Konzept klingt, als könne man damit nicht einmal mehr einen Altachtundsechziger hinter dem Ofen hervorjagen – es gibt etwas an ihren Shows, das einen Nerv trifft. Etwas, das dazu führt, dass ihr Name zu einer Art Codewort geworden ist. Wer sie kennt, kennt sich aus.

Ihre Shows mögen chaotisch und ungeordnet wirken, aber sie sind komplett durchgetaktet. Young ist hochprofessionell, und sie ist Perfektionistin. Sie hat das Laban Centre in London besucht und 2003 an der renommierten Hollins University graduiert, die für ihren strikten Ausbildungsstil bekannt ist. Vor zwei Jahren schuf Young für den Steirischen Herbst in Graz ihr Projekt Sherry’s Room. Sherry ist das Alter Ego Youngs, eine leicht schizophrene Südstaatlerin, unberechenbar zwischen überbordender Höflichkeit und aggressiver Direktheit. Als Sherry trägt Young blonde Perücke und billige Vintage-Klamotten, dazu einen Hauch lasziver Verruchtheit. Diese Figur spielte in Youngs Stück Cinderella, hat sich aber inzwischen auch zur Heldin einer One-Woman-Show entwickelt. Der Dialog mit dem Publikum gehörte immer dazu, in Sherry’s Room aber fiel jeder Showcharakter weg.

Dieses Stück war eine Therapiestunde. In einem Hotelzimmer saßen sich der Theaterbesucher, Sherry und ihr Assistent Kevin gegenüber, eine halbe Stunde lang. Was in der "Sherapy" dann passierte, wussten nur diese drei Personen. Sherry, sagte Young damals über ihre Figur, "will die Menschen besser machen, sie will sie dazu bringen, zu offenbaren, was sie wirklich wollen". Gerade Frauen, habe sie feststellen müssen, hätten damit Schwierigkeiten. "Die meisten Frauen, die zu mir kommen, entschuldigen sich die ganze Zeit. Sherry sagt: Du bist wütend, und das ist okay. Du bist traurig, und das ist okay. Es ist wichtig, zu sagen, wie man sich fühlt, und herauszufinden, warum man sich so fühlt." Den europäischen Widerwillen gegen den Therapiegedanken, die Skepsis und Angst vor Pathologisierung, kann sie zwar verstehen. Trotzdem: "Menschen brauchen Therapie." Einwände duldet sie nicht: "Die Leute sagen, du kannst das nicht machen, du hast keine Lizenz. Aber das ist Kunst, ich darf das."

Gerne werden ihr feministische Motive zugeschrieben. Viel zu einfach für eine Widersprüchliche, Undurchsichtige wie Young. "Sherry ist sicherlich eine Feministin", ist ihre leicht irritierte Antwort auf solch plumpe Versuche, sie einzuordnen. "Sie sagt auch Sachen wie ›Schwarze Menschen sind besser als weiße‹. Aber genau dieses Denken in Kategorien ist doch das Problem, nicht wahr?" Das Anliegen der Sherry-Show ist emanzipatorisch, jedoch in einem viel weiteren Sinne. Es geht um eine umfassende Befreiung von Konventionen. "Menschen sind oft so, nun ja, so wolkig. Sie haben so viel Zeug um sich herum, dass man sie selbst gar nicht mehr sehen kann. Sherry will den Blick frei kriegen auf die Menschen selbst."