"Völkerschlacht", ein monströses Wort. Vielen Zeitgenossen mag sie so erschienen sein. Und tatsächlich blieb diese Schlacht, die da 1813 drei Tage lang vor den Toren Leipzigs tobte, bis zum Ersten Weltkrieg die größte Schlacht der Geschichte. Als das Gemetzel am 19. Oktober 1813 zu Ende ging, war die Vorherrschaft Napoleons über Europa gebrochen.

In den Jahren zuvor hatte der selbst gekrönte Kaiser der Franzosen, auf seine Armee gestützt, in den deutschen Landen tief greifende Reformen durchgesetzt, die Frankreich in der Revolution von 1789 errungen hatte. Nun gab es nicht nur in dem – halb Norddeutschland umfassenden – neu geschaffenen Königreich Westphalen, sondern auch in verbündeten Rheinbundstaaten wie Bayern, Baden und Württemberg Gleichheit vor dem Gesetz, Freizügigkeit und Gewerbefreiheit; dazu waren viele Vorrechte des Adels gefallen und die Leibeigenschaft abgeschafft worden. Selbst die vergleichbaren Stein-Hardenbergschen Reformen im besiegten Preußen wären ohne Napoleon undenkbar gewesen.

Der Kaiser brachte aber nicht nur einen Modernisierungsschub, sondern er zwang zugleich halb Europa unter das Joch seiner Herrschaft. Im Kreis der Gebildeten in Deutschland hatten ihn zunächst viele bewundert und große Hoffnungen mit ihm verbunden. Zahlreiche Bürger sahen in ihm den Mann, der die Revolution nach Robespierres Terror gebändigt und gleichzeitig ihre Errungenschaften bewahrt hatte.

In der harten Praxis der französischen Besatzung und Bevormundung zerrannen dann aber alle Blütenträume. Die Truppen der Rheinbundstaaten mussten an den Eroberungszügen Napoleons und seinem ewigen Kampf gegen England teilnehmen, und so starben in Spanien und später in Russland Zehntausende deutsche Soldaten. Die Fremdherrschaft, die Kontributionszahlungen und die Kontinentalsperre, die jeden Handel mit England unterbinden und das Inselreich in die Knie zwingen sollte, verursachten blanke Not. Die ursprüngliche Bewunderung für den genialischen Revolutionsgeneral schlug um in tiefen Hass gegen sein Regime, das immer deutlicher die Züge einer Militärdiktatur trug.

Im Jahre 1812 scheiterte Napoleons Feldzug gegen Russland. Von den 600.000 Soldaten seiner Grande Armée (von denen nur knapp die Hälfte Franzosen waren) starben 400.000, an die 100.000 Männer gerieten in Gefangenschaft. Der Kaiser ließ seine Truppen im Stich und floh zurück nach Paris. Jetzt schien die Chance gekommen, das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln.

Der preußische General Ludwig von Yorck gab den Anstoß. Er befehligte das anfangs 20.000 Mann starke Korps, mit dem Preußen sich am Russlandfeldzug beteiligen musste. Am 30. Dezember 1812 schloss Yorck eigenmächtig mit dem russischen General Johann Karl von Diebitsch die berühmte Konvention von Tauroggen ab. Er erklärte seine Truppen für neutral und öffnete den Russen den Weg nach Ostpreußen.

Preußens ewig unentschlossener König Friedrich Wilhelm III. geriet mehr und mehr unter den Druck der öffentlichen Meinung, die den Befreiungskrieg an der Seite Russlands forderte. Am 20. Februar berichtete der geheime britische Beauftragte in Berlin: "Wenn der König sich weigert, die Mittel zu gebrauchen, die ihm seine Untertanen entsprechend dem allgemeinen Willen der Nation zur Verfügung gestellt haben, oder wenn er nur zögert, die Anstrengungen zu unterstützen, die Russland unternimmt, um die preußische Monarchie wiederherzustellen, halte ich die Revolution für unvermeidlich." Friedrich Wilhelm trat schließlich die Flucht nach vorn an, schloss am 28. Februar 1813 mit Russland ein Bündnis und erklärte am 16. März Frankreich den Krieg.

Unterdessen hatte Napoleon von Paris aus eine neue Armee aus dem Boden gestampft. Am 25. April trifft er mit ihr in Erfurt ein. An Truppenstärke ist sie Russen und Preußen überlegen. Allerdings sind die meisten seiner Soldaten erst 18 oder 19 Jahre alt und nur flüchtig ausgebildet; auch verfügt Napoleon kaum über Kavallerie.

Die russische wie die preußische Armee von 1813 sind nicht mehr die Armeen von Austerlitz und Jena. Beide haben von den Franzosen gelernt, haben deren Schützen- und Kolonnentaktik und deren organisatorische Gliederung übernommen.Gleichwohl scheint der Nimbus des Siegers rasch wiederhergestellt: Am 2. Mai 1813 triumphiert Napoleon bei Großgörschen und am 20./21. Mai bei Bautzen. Und doch kann seine Armee, die in beiden Schlachten schwere Verluste erleidet, ihre Siege nicht ausnutzen.