Ich finde, die passendste Idee zur Bundestagswahl stammt von Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen. Er regierte von 1840 bis 1861 und hat viel gezeichnet in diesen Jahren, sogar Servietten kritzelte er voll. Historiker nennen ihn einen Künstlerkönig, die Politik war ihm zu laut, die Demokratie zu ungezogen. Nach der Revolution von 1848 aber musste er dem Volk ein Stückchen Macht überlassen. Friedrich Wilhelm IV. führte das Dreiklassenwahlrecht ein.

Dieses besagte: Jeder Preuße darf wählen, aber nicht jede Stimme zählt gleich viel. Die Stimme eines Reichen kann zehn- oder zwanzigmal so viel wert sein wie die Stimme eines Armen. Das Geld bestimmt das Wahlergebnis, so war das damals.

Heute ist es wieder so.

Ich weiß, diese Behauptung klingt seltsam. Der Artikel 38 des Grundgesetzes definiert die Gleichheit als Prinzip der deutschen Demokratie: Jede Stimme ist gleich viel wert. Ich will das gar nicht in Zweifel ziehen. Trotzdem habe ich festgestellt, dass mein politischer Einfluss heute viel mit Geld zu tun hat.

Bei meiner ersten Wahl war das noch anders. Ich war gerade 18 Jahre alt geworden. In einem Vorort von München betrat ich die Grundschule, um meine Stimme abzugeben, ich war ein wenig aufgeregt.

Es war der 3. Juli 1988. Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß hatte nicht lange zuvor einigen Atomkraftgegnern bei einer Kundgebung zugerufen, sie sollten "das Maul halten". Die CSU hielt die Kernenergie zu dieser Zeit für eine feine Sache.

Die SPD wollte damals die Arbeitszeit verkürzen und die Betriebsräte stärken.

Die FDP wollte den freien Markt stärken und das Wirtschaftswachstum erhöhen.

Die Grünen wollten das Wirtschaftswachstum senken. Außerdem wollten sie alle Atomkraftwerke abschalten, sofort.

Man kann sagen, die politischen Konzepte in der Bundesrepublik Deutschland lagen damals ziemlich weit auseinander.

Ich faltete den Stimmzettel auf. Es wurde an diesem Tag bloß über den Bürgermeister in unserer 20.000-Einwohner-Gemeinde abgestimmt, es war eine kleine Wahl, scheinbar eine Formsache. Der Bürgermeister war so lange im Amt, wie ich auf der Welt war. Beim letzten Mal hatte er 74 Prozent der Stimmen bekommen.

Diesmal erreichte er nur 46 Prozent. Der Bürgermeister verlor die Wahl.

Der Grund war Franz Josef Strauß. Der war damals nicht nur ein Freund der Kernenergie, er wollte auch durchsetzen, dass Privatpiloten ihr Benzin steuerfrei bekommen. Das klang nach Selbstbedienung, Strauß war Hobbypilot. Der Bürgermeister war es nicht, aber er war in der CSU, das genügte. Auch ich stimmte für den SPD-Kandidaten, obwohl ich wenig über ihn wusste. Damals ging es selbst bei kleinen Wahlen um große Themen.

Sogar der Spiegel schrieb über die Wahl im Münchner Vorort, er wertete die Niederlage des Bürgermeisters als Indiz, dass Strauß politische Macht verloren hatte. Ich wertete sie als Indiz, dass meine Stimme etwas bewirken konnte. Die Staatsgewalt, so schien mir, ging tatsächlich vom Volk aus – auch von mir.

In wenigen Tagen ist wieder eine Wahl, mein Wahllokal ist wieder eine Grundschule, diesmal in einem Stadtteil von Hamburg. Eigentlich will ich diesmal nicht hingehen.

In den vergangenen 25 Jahren war ich bei Europawahlen, Bundestagswahlen, Landtagswahlen, Stadtratswahlen, Bürgerschaftswahlen, Bezirkstagswahlen, Kreistagswahlen, Gemeinderatswahlen. Ich war bei jeder Wahl dabei, das ist gleich geblieben. Ansonsten hat sich viel verändert.

Die Union hat den Ausstieg aus der Atomenergie durchgesetzt. Mit Unterstützung von SPD, FDP und Grünen.

Die SPD hat die Arbeitnehmerrechte geschwächt und den Arbeitsmarkt flexibilisiert. Mit Unterstützung von Union, FDP und Grünen.

Die FDP ist jetzt für einen Mindestlohn, auch wenn sie ihn nicht so nennt. Grüne, SPD und Union sind das ebenfalls.

Die Grünen sind jetzt für Wirtschaftswachstum. Genau wie Union, SPD und FDP.

Inzwischen gibt es im Bundestag eine fünfte Partei, die Linke. Sie hat sich in Opposition zu den vier anderen Parteien gegründet, sie vertritt einige ungewöhnliche Meinungen, aber auch sie ist gegen Atomkraft, für Wirtschaftswachstum und für einen Mindestlohn. Genau wie Union, SPD, FDP und Grüne. Man kann sagen, die politischen Konzepte in Deutschland liegen heute ziemlich nah beieinander. Im Bundestagswahlkampf 2013 diskutierten Journalisten über Merkels Halskette und Steinbrücks Mittelfinger. Es geht jetzt selbst bei großen Wahlen um kleine Themen.

Früher hatte ich als Wähler die Möglichkeit, das Land auf entgegengesetzte Wege zu schicken. Heute nicht mehr.

Wer heute für Atomkraft ist, weil er glaubt, dass sich mit Sonne, Wind und Wasser nicht genug bezahlbare Energie gewinnen lässt, findet keine ernst zu nehmende Partei mehr, die seine Meinung vertritt. Er hat niemanden, den er wählen kann.

Wer gegen Wirtschaftswachstum ist, weil er glaubt, dass die Ressourcen der Erde dadurch irgendwann verbraucht sein werden, hat niemanden, den er wählen kann.

Wer gegen Mindestlöhne ist, weil er glaubt, dass sie Arbeitsplätze vernichten, hat niemanden, den er wählen kann.