Ich finde, die passendste Idee zur Bundestagswahl stammt von Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen. Er regierte von 1840 bis 1861 und hat viel gezeichnet in diesen Jahren, sogar Servietten kritzelte er voll. Historiker nennen ihn einen Künstlerkönig, die Politik war ihm zu laut, die Demokratie zu ungezogen. Nach der Revolution von 1848 aber musste er dem Volk ein Stückchen Macht überlassen. Friedrich Wilhelm IV. führte das Dreiklassenwahlrecht ein.

Dieses besagte: Jeder Preuße darf wählen, aber nicht jede Stimme zählt gleich viel. Die Stimme eines Reichen kann zehn- oder zwanzigmal so viel wert sein wie die Stimme eines Armen. Das Geld bestimmt das Wahlergebnis, so war das damals.

Heute ist es wieder so.

Ich weiß, diese Behauptung klingt seltsam. Der Artikel 38 des Grundgesetzes definiert die Gleichheit als Prinzip der deutschen Demokratie: Jede Stimme ist gleich viel wert. Ich will das gar nicht in Zweifel ziehen. Trotzdem habe ich festgestellt, dass mein politischer Einfluss heute viel mit Geld zu tun hat.

Bei meiner ersten Wahl war das noch anders. Ich war gerade 18 Jahre alt geworden. In einem Vorort von München betrat ich die Grundschule, um meine Stimme abzugeben, ich war ein wenig aufgeregt.

Es war der 3. Juli 1988. Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß hatte nicht lange zuvor einigen Atomkraftgegnern bei einer Kundgebung zugerufen, sie sollten "das Maul halten". Die CSU hielt die Kernenergie zu dieser Zeit für eine feine Sache.

Die SPD wollte damals die Arbeitszeit verkürzen und die Betriebsräte stärken.

Die FDP wollte den freien Markt stärken und das Wirtschaftswachstum erhöhen.

Die Grünen wollten das Wirtschaftswachstum senken. Außerdem wollten sie alle Atomkraftwerke abschalten, sofort.

Man kann sagen, die politischen Konzepte in der Bundesrepublik Deutschland lagen damals ziemlich weit auseinander.

Ich faltete den Stimmzettel auf. Es wurde an diesem Tag bloß über den Bürgermeister in unserer 20.000-Einwohner-Gemeinde abgestimmt, es war eine kleine Wahl, scheinbar eine Formsache. Der Bürgermeister war so lange im Amt, wie ich auf der Welt war. Beim letzten Mal hatte er 74 Prozent der Stimmen bekommen.

Diesmal erreichte er nur 46 Prozent. Der Bürgermeister verlor die Wahl.

Der Grund war Franz Josef Strauß. Der war damals nicht nur ein Freund der Kernenergie, er wollte auch durchsetzen, dass Privatpiloten ihr Benzin steuerfrei bekommen. Das klang nach Selbstbedienung, Strauß war Hobbypilot. Der Bürgermeister war es nicht, aber er war in der CSU, das genügte. Auch ich stimmte für den SPD-Kandidaten, obwohl ich wenig über ihn wusste. Damals ging es selbst bei kleinen Wahlen um große Themen.

Sogar der Spiegel schrieb über die Wahl im Münchner Vorort, er wertete die Niederlage des Bürgermeisters als Indiz, dass Strauß politische Macht verloren hatte. Ich wertete sie als Indiz, dass meine Stimme etwas bewirken konnte. Die Staatsgewalt, so schien mir, ging tatsächlich vom Volk aus – auch von mir.

In wenigen Tagen ist wieder eine Wahl, mein Wahllokal ist wieder eine Grundschule, diesmal in einem Stadtteil von Hamburg. Eigentlich will ich diesmal nicht hingehen.

In den vergangenen 25 Jahren war ich bei Europawahlen, Bundestagswahlen, Landtagswahlen, Stadtratswahlen, Bürgerschaftswahlen, Bezirkstagswahlen, Kreistagswahlen, Gemeinderatswahlen. Ich war bei jeder Wahl dabei, das ist gleich geblieben. Ansonsten hat sich viel verändert.

Die Union hat den Ausstieg aus der Atomenergie durchgesetzt. Mit Unterstützung von SPD, FDP und Grünen.

Die SPD hat die Arbeitnehmerrechte geschwächt und den Arbeitsmarkt flexibilisiert. Mit Unterstützung von Union, FDP und Grünen.

Die FDP ist jetzt für einen Mindestlohn, auch wenn sie ihn nicht so nennt. Grüne, SPD und Union sind das ebenfalls.

Die Grünen sind jetzt für Wirtschaftswachstum. Genau wie Union, SPD und FDP.

Inzwischen gibt es im Bundestag eine fünfte Partei, die Linke. Sie hat sich in Opposition zu den vier anderen Parteien gegründet, sie vertritt einige ungewöhnliche Meinungen, aber auch sie ist gegen Atomkraft, für Wirtschaftswachstum und für einen Mindestlohn. Genau wie Union, SPD, FDP und Grüne. Man kann sagen, die politischen Konzepte in Deutschland liegen heute ziemlich nah beieinander. Im Bundestagswahlkampf 2013 diskutierten Journalisten über Merkels Halskette und Steinbrücks Mittelfinger. Es geht jetzt selbst bei großen Wahlen um kleine Themen.

Früher hatte ich als Wähler die Möglichkeit, das Land auf entgegengesetzte Wege zu schicken. Heute nicht mehr.

Wer heute für Atomkraft ist, weil er glaubt, dass sich mit Sonne, Wind und Wasser nicht genug bezahlbare Energie gewinnen lässt, findet keine ernst zu nehmende Partei mehr, die seine Meinung vertritt. Er hat niemanden, den er wählen kann.

Wer gegen Wirtschaftswachstum ist, weil er glaubt, dass die Ressourcen der Erde dadurch irgendwann verbraucht sein werden, hat niemanden, den er wählen kann.

Wer gegen Mindestlöhne ist, weil er glaubt, dass sie Arbeitsplätze vernichten, hat niemanden, den er wählen kann.

Demokratie der kleinen Unterschiede

In dieser Demokratie der kleinen Unterschiede kann ich als Bürger wenig verändern. Entweder finde ich gut, was alle großen Parteien gut finden, dann kann ich fast jede von ihnen wählen. Oder ich finde es schlecht, dann kann ich fast keiner Partei meine Stimme geben. Wir Bürger haben unseren Einfluss verloren.

Anders sieht es aus, wenn man die Welt der Parlamente und Parteiprogramme verlässt. Man muss sich nicht weit fortbewegen, es genügt, mal schnell etwas essen zu gehen, zum Beispiel bei Vapiano.

Vapiano ist der Name einer deutschen Restaurantkette, die italienisches Essen anbietet. Es gibt dort nur Köche, keine Kellner, das ist das Besondere. Man stellt sich an einen Tresen, und wenn man an der Reihe ist, schaut man zu, wie der Koch das bestellte Gericht frisch zubereitet. Dann nimmt man es mit zu seinem Tisch. Die Pasta ist hausgemacht, es gibt auch Pizza, Salat und Antipasti, es schmeckt alles ziemlich lecker. Die Wände sind in warmen Farben gestrichen, in jedem Restaurant steht ein Olivenbaum. Ich war lange Zeit Stammkunde bei Vapiano.

Über die Jahre habe ich dort rund tausend Euro ausgegeben. Ich habe mir nicht groß Gedanken gemacht, welche politischen Folgen das haben könnte.

Dann habe ich im Internet diese Nachricht gelesen: Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) erhebt schwere Vorwürfe gegen Vapiano. Das Unternehmen soll in einer seiner Filialen die Gründung eines Betriebsrats massiv behindert haben.

Vapiano bietet seinen Bewerbern oft nur befristete Verträge an. Macht sich ein Koch oder eine Kassiererin unbeliebt, muss der Vertrag nicht verlängert werden. Zahlreiche Mitarbeiter haben Teilzeitjobs, auch ein großer Teil der Vollzeitkräfte verdient nur zwischen 7,71 und 8,55 Euro pro Stunde.

Vapiano bestreitet den Vorwurf, die Betriebsratswahlen behindert zu haben. Unbestritten ist allerdings, dass es lediglich in zwei der 54 Vapiano-Filialen in Deutschland einen Betriebsrat gibt.

Als ich das erfuhr, dachte ich wieder an die Zeit, in der ich zum ersten Mal zur Wahl ging. Das typische bundesrepublikanische Unternehmen der achtziger Jahre hatte einen Betriebsrat, es bezahlte anständige Löhne, und es gewährte seinen Mitarbeitern von Anfang an unbefristete Arbeitsverträge.

Heute gibt es Millionen befristeter Verträge, es gibt einen riesigen Niedriglohnsektor in Deutschland, es gibt Unternehmen wie Vapiano.

Man muss das nicht schlimm finden. Man kann zum Beispiel argumentieren, dass es besser ist, viele Menschen zu niedrigen Löhnen zu beschäftigen als wenige Menschen zu hohen Löhnen – weil dafür dann weniger Menschen arbeitslos sind. Dieser Wirtschaftsliberalismus wurde früher von manchen FDP-Politikern vertreten, er existierte auch bei der CDU. Heute ist er aus den Wahlprogrammen verschwunden, dafür findet man ihn in der Realität, in Fabrikhallen, Großraumbüros – und Restaurantküchen.

Das alte sozialdemokratische Konzept, dass Unternehmen ihre Leute gefälligst ordentlich zu behandeln haben und man Arbeiter und Arbeitslose nicht gegeneinander ausspielen sollte, findet man auch noch, in anderen Fabrikhallen, Großraumbüros und Restaurantküchen. Auch heute gibt es ja noch Unternehmen, die lieber wenige Angestellte gut bezahlen als viele schlecht. Anders als früher existiert heute nicht mehr das typische Unternehmen. Es gibt jetzt verschiedene Realitäten nebeneinander.

Ende der achtziger Jahre war es ziemlich egal, wo und bei wem man ein Auto, einen Fotoapparat oder einen Kleiderschrank kaufte, die Produkte wurden alle unter vergleichbaren Bedingungen hergestellt – selbst wenn zum Beispiel der Fotoapparat gar nicht aus Deutschland stammte. Was nicht in der Bundesrepublik produziert wurde, kam damals größtenteils aus Frankreich, aus Großbritannien, aus Japan, aus Ländern, in denen die Arbeitswelt ähnlich war wie in Westdeutschland.

Heute gibt es immer noch Unternehmen wie die Firma Henkel aus Ernsbach in Nordwürttemberg, die seit neunzig Jahren Möbel baut. In dieser Zeit hatte der Betrieb nie mehr als 50 Mitarbeiter, obwohl das Geschäft gut läuft, obwohl das Unternehmen wachsen könnte. Nur: Zu viel Wachstum ist gar nicht gesund, das ist die Meinung der Eigentümerin Susanne Henkel.

Aber es gibt jetzt eben auch Samsung-Smartphones aus Vietnam, Sony-Flachbildfernseher aus China, Nike-Laufschuhe aus Indonesien. Es gibt Dutzende von Konzernen, deren Geschäftsmodell darin besteht, dass sie in einem Land ihre Waren produzieren, im zweiten Land diese Waren verkaufen und im dritten Land die Abgaben auf ihre Gewinne zahlen, je nachdem, wo die Löhne am geringsten, die Märkte am größten, die Steuersätze am niedrigsten sind.

Vor 50 Jahren war der schwedische Einrichtungskonzern Ikea ungefähr so klein, wie die Möbelfirma Henkel es heute noch ist. Inzwischen hat Ikea 139.000 Mitarbeiter und betreibt 345 Einrichtungshäuser in 40 Ländern. Neben Möbeln verkauft Ikea auch Lampen, Teller, Gläser, Bettwäsche, Bilderrahmen und Kinderspielzeug, insgesamt sind es 9.500 Artikel.

Ikea präsentiert sich gerne als große schwedische Familie, tatsächlich aber reicht die Verwaltungsstruktur des Konzerns bis in die Karibik – mit dem Ergebnis, dass Ikea der Frage, ob eine neu gewählte Bundesregierung womöglich die Steuersätze in Deutschland erhöht, relativ gelassen entgegensehen kann. Ikea zahlt eher wenig Steuern.

Trotzdem ist Deutschland für Ikea sehr wichtig. Es ist der wichtigste Markt des Konzerns. Die Deutschen kaufen das Regal Billy, das Sofa Klippan, den Schrank Pax. Und sie kaufen Fantasidjur.

Fantasidjur ist eine Bettwäsche für Babys, zweiteilig. Kissen und Decke sind weiß mit gelben Sternen, roten Hunden, grünen Krokodilen und vielen bunten Streifen. Fantasidjur ist "hautfreundlich und weich" und kostet bei Ikea in Deutschland 5,99 Euro.

Fantasidjur kommt nicht aus Schweden, sondern aus Bangladesch. Es gibt dort mehrere Tausend Textilfabriken. Sie produzieren Hemden und Hosen für die ganze Welt – und Bettlaken, Waschlappen und Handtücher für Ikea.

Ich weiß nicht, wie die Fabrik heißt, in der Fantasidjur genäht wird, Ikea äußert sich dazu nicht. Ich weiß aber, wie in diesen Fabriken für gewöhnlich gearbeitet wird, ich war selbst dort, in Bangladesch.

Wenn eine Näherin umgerechnet 50 Euro im Monat verdient, ist das viel. Dieser Lohn genügt, um eine Hütte im Slum zu bezahlen und jeden Tag ein paar Schalen Reis mit Gemüse. Die Näherin sitzt dafür neun, zehn Stunden am Tag in einer Halle, die erfüllt ist vom Lärm Hunderter Nähmaschinen.

Man kann nun argumentieren, dass die Textilfabriken in Bangladesch vielen Tausend Frauen überhaupt erst eine Arbeit gegeben haben, von der sie einigermaßen leben können. Würden die Deutschen ihre Bettwäsche oder Kleider bei hiesigen Kleinunternehmen kaufen, wäre den Näherinnen nicht geholfen. Ohne die Aufträge westlicher Konzerne müssten sie sich als Handlangerinnen auf Baustellen durchschlagen oder betteln gehen.

Dem lässt sich wiederum entgegnen, dass dies einem Unternehmen nicht das Recht gibt, die Notsituation dieser Frauen auszunutzen, um die eigene Rendite zu erhöhen.

"Politik ist das, was Politiker machen."

Auf welche Seite auch immer man sich schlägt, man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Wirklichkeit in einem schwäbischen Familienbetrieb wie der Möbelfirma Henkel ziemlich weit entfernt ist von der in einer Näherei in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch.

Ungefähr so weit wie vor 25 Jahren das Wahlprogramm der kapitalismusfeindlichen Grünen ("Hierbei kommt es entscheidend darauf an, den Glauben an ungebrochenes Wirtschaftswachstum zu bekämpfen") von den Ideen der kapitalismusbegeisterten FDP ("Wir Liberalen treten für einen freien Welthandel ein").

Vor 25 Jahren waren Parteiprogramme Papiere des Kontrastes. Die Lebens- und Arbeitswelten aber ähnelten sich. Heute ist es umgekehrt: Die Programme ähneln sich, in der Realität prallen die Gegensätze aufeinander.

In der Schule fragte mich mein Sozialkundelehrer einmal: "Was ist Politik?" Ich antwortete: "Politik ist das, was Politiker machen." Meine Mitschüler lachten, aber im Nachhinein muss ich sagen, dass dieser Satz zur damaligen Zeit passte. Wenn Politik darin besteht, eine Gesellschaft in eine bestimmte Richtung zu steuern, dann war das vor 25 Jahren tatsächlich das, was Politiker machten. Heute ist Politik auch das, was Unternehmen machen, egal, ob es sich um einen Einrichtungskonzern handelt oder um eine Restaurantkette.

Ohne Vapiano gäbe es in Deutschland ein paar Niedriglöhner weniger, dafür vielleicht ein paar Arbeitslose mehr. Man kann das gut oder schlecht finden, das ändert aber nichts daran, dass jeder, der bei Vapiano essen geht, das Geschäftsprinzip dieses Unternehmens stärkt.

Bei der Bundestagswahl 1987 verzeichneten CDU und CSU zusammen rund 17 Millionen Stimmen. Das war ein gutes Ergebnis. Jede Stimme unterstützte die Gedankenwelt dieser beiden Parteien. Im Jahr 2012 verzeichnete Ikea einen Umsatz von 27 Milliarden Euro. Auch das war ein gutes Ergebnis. Jeder Euro unterstützte die Arbeits- und Lebensbedingungen in der Ikea-Welt.

Wenn Konzerne wie Ikea in den Niedriglohnländern dieser Welt einen höheren oder niedrigeren Stundenlohn für ihre Arbeiter durchsetzen, hängen daran die Einkommen Hunderttausender Menschen. Wenn CDU und CSU in Deutschland ein Betreuungsgeld für Eltern durchsetzen, die ihre Kinder nicht in eine staatliche Krippe geben, bedeutet dies einen kleinen Zuverdienst für weniger als ein Prozent der deutschen Haushalte.

Die Politik von Ikea hat also mitunter weitreichendere Auswirkungen als die Politik deutscher Regierungsparteien. Weshalb Einkaufszettel heute eine größere Wirkung haben können als Stimmzettel. Die Staatsgewalt mag immer noch vom Wähler ausgehen, die neue Wirtschaftsmacht aber geht vom Käufer aus, ganz egal, ob er mit seinem Geld einen Teller Nudeln bezahlt oder eine Bettwäsche für Babys.

Oder ein Atomkraftwerk.

Seit der Kernschmelze von Fukushima hat die Atomenergie in Deutschland viel mit dem Transrapid gemein. Sie gilt als Technologie von gestern. Der Unterschied ist: Magnetschwebebahnen will auch im Rest der Welt niemand haben, Atomkraftwerke schon. Trotz Fukushima werden weltweit 68 neue Meiler gebaut. Aus einer globalen Perspektive muss man sagen: Bis jetzt ist die Atomkraft stärker als die deutschen Parteien.

Das hat auch mit den deutschen Verbrauchern zu tun. In den vergangenen Jahren haben sie sich viele neue Computer angeschafft, zum Beispiel Notebooks des japanischen Unternehmens Toshiba. Sie haben auch viele Flachbildfernseher gekauft, zum Beispiel vom japanischen Hersteller Hitachi. Sie haben dabei vermutlich nicht an die Kernenergie gedacht. Toshiba und Hitachi aber sind große Konzerne, die nicht nur Computer und Fernsehgeräte bauen, sondern auch: Atomkraftwerke. Von Toshiba und Hitachi stammen fünf der sechs Reaktorblöcke in Fukushima.

Am 17. August 2008 trat die Fußballmannschaft des 1. FC Nürnberg gegen den FC Augsburg an. Es war der erste Spieltag in der Zweiten Bundesliga, auf den Hemden der Nürnberger prangte ein neuer Schriftzug: Areva, der Name des neuen Sponsors.

Auch Areva baut Atomkraftwerke. Anders als Toshiba und Hitachi stellt der französische Konzern keine Produkte her, die sich in deutschen Kaufhäusern finden. Trotzdem stehen zahlreiche Bundesbürger in einer Art Geschäftsbeziehung mit Areva. Genauso wie mit dem kanadischen Bergbauunternehmen Cameco, dem weltgrößten Produzenten des Atomenergie-Rohstoffs Uran, und dessen australisch-britischem Konkurrenten Rio Tinto.

Der Grund liegt darin, dass die Bundesbürger in den vergangenen Jahren nicht nur viel Geld in neue Elektrogeräte investiert haben, sondern auch in eine möglichst rentable Altersvorsorge.

Damals, als ich zum ersten Mal wählen war, verließen sich die Deutschen auf die Rente vom Staat. Inzwischen sorgen wir privat vor. Die Bundesbürger haben heute zwölfmal so viel Geld in Investmentfonds angelegt wie noch vor 25 Jahren. Besonders beliebt sind Fonds der DWS (ein Tochterunternehmen der Deutschen Bank), der Union Investment (Volks- und Raiffeisenbanken) sowie der Deka (Sparkassen). Wie alle anderen großen Fondsgesellschaften der Welt investieren sie das Kapital ihrer Anleger unter anderem in Unternehmen, die ihre Rendite mithilfe der Kernenergie erwirtschaften. So kommt es, dass deutsche Verbraucher zwar keine Atomkraftwerke besitzen, wohl aber Aktien von Konzernen, die mit Atomkraftwerken gute Geschäfte machen.

Die deutschen Parteien mögen inzwischen allesamt gegen Atomkraft sein, ziemlich viel deutsches Geld aber ist dafür.

Als Wähler habe ich in den vergangenen 25 Jahren Macht verloren, als Konsument aber habe ich Macht gewonnen. Das Einkaufen ist politisch geworden. Es erscheint mir daher nur logisch, lieber mit Geld zu wählen als mit Stimmzetteln.

"Der Konsument hat über den Staatsbürger gesiegt."

Ich bin nicht der Erste, der diesen Gedanken hat, im Gegenteil. Inzwischen gibt es eine wachsende Anzahl von Menschen, die Gefallen finden an ihrer Macht als Konsumenten. Wenn ich in den achtziger Jahren durch eine westdeutsche Stadt lief, begegnete ich Leuten, die Wollsocken trugen und kleine Anstecker an den T-Shirts, auf denen irgendetwas Politisches stand. "Atomkraft? Nein danke" zum Beispiel, "Schwerter zu Pflugscharen" und "Gib Nazis keine Chance". Aus heutiger Sicht haben diese Anstecker etwas Naives, fast Kindliches. Damals jedoch entwickelten sie mitunter eine provokative Kraft. In Regensburg etwa wurde eine Gymnasiastin von der Schule verwiesen, weil sie sich weigerte, im Unterricht einen "Stoppt Strauß"-Button abzunehmen.

Wer heute einen Drang zur Weltverbesserung spürt, heftet sich keinen Anstecker mehr ans T-Shirt, sondern kauft ein T-Shirt aus Biobaumwolle. Es gibt Bücher mit Titeln wie Shopping hilft die Welt verbessern und Die Einkaufsrevolution, die beschreiben, wie Kunden Politik machen. Es gibt die Internetseite utopia.de ("Unser Konsum verändert die Welt"), auf der 75.000 eingetragene User (zum Vergleich: Die Grünen haben 60.000 Mitglieder) darüber diskutieren, welche Grillkohle aus Tropenholz hergestellt wird, welche Computerkonzerne chinesische Arbeiter ausbeuten und warum man also diese Marke unterstützen und jene meiden sollte. Es gibt die Internetseiten karmakonsum.de, einfachnachhaltig.de, ecoshopper.de und konsumguerilla.de, deren User sich ebenfalls über genau diese Dinge austauschen. Es gibt eine Fairtrade-Limonade, die mit dem Slogan wirbt: "Trinken hilft", es gibt ökologisch korrekte Fahrräder aus Holz und sogar "ethisch korrekten Pelz", von Füchsen, die nur deshalb geschossen wurden (und nicht mit Bleikugeln), weil es in dem jeweiligen Wald zu viele von ihnen gab.

Konsum war immer schon mehr als nur Warenverbrauch: Wer sich Ende der achtziger Jahre einen Mercedes anschaffte, wählte mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die CDU, Anhänger der Grünen fuhren Ente. Produkte dienten damals dem Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, jeder Einkauf war in diesem Sinne egozentrisch.

Heute erwirbt man bestimmte Produkte nicht bloß, um seine Sicht auf die Welt auszudrücken, sondern gleich um die Welt selbst zu verändern. Der Konsum hat eine altruistische Komponente bekommen. Man kauft eine Ware nicht mehr ausschließlich, um selbst etwas davon zu haben, sondern auch um anderen etwas Gutes zu tun. Der britische Politologe Colin Crouch drückt es so aus: "Der Konsument hat über den Staatsbürger gesiegt."

Ich glaube, Crouch hat nicht ganz unrecht. Wären die weltverbessernden Konsumenten eine Vereinigung, müsste man sagen, die etablierten Parteien haben ziemlich viele Mitglieder an diese neue Organisation verloren. Wenn ich Ende der achtziger Jahre mit meinen Klassenkameraden über die Frage diskutierte: "Wen wählst du?", musste keiner von uns lange nachdenken. Wir nannten die Namen von Parteien und Politikern, gefolgt von Argumenten, gegen Abtreibung oder für Abrüstung, gegen die Volkszählung oder für das Tempolimit. Nichtwähler gab es auch, aber das waren die, denen Politik gleichgültig war.

Heute überlege ich, nicht zu wählen. Einige meiner Freunde nicken zustimmend, wenn sie das hören. Für Politik interessieren sie sich immer noch, aber mit Rot, Grün, Schwarz oder Gelb fühlen sie sich kaum verbunden. Stattdessen leisten sie für ihren Urlaubsflug Kompensationszahlungen bei Atmosfair. Ich antworte dann, dass ich darauf achte, Äpfel aus der Region zu kaufen. Gespräche über Politik sind heute Gespräche über Konsum.

Das gilt manchmal sogar dann, wenn Politiker reden. Egal, ob es um Massentierhaltung, Tropenholz oder Stromerzeugung geht, immer stellt sich irgendein Minister oder Fraktionssprecher vor die Kameras und sagt, es komme bei diesem Thema auch auf den mündigen Verbraucher an. Der müsse eben darauf achten, was er kaufe.

Der Sieg des Konsumenten über den Staatsbürger erschien mir zunächst als gute Nachricht, als Weiterentwicklung der Demokratie. Internationale Konzerne können Fabriken schließen, Zentralen verlagern, Arbeiter entlassen. Uns Konsumenten aber können sie nicht hinauswerfen. Sie brauchen uns. Wenn wir also endlich anfingen, beim Großteil unserer Kaufentscheidungen politisch zu denken, wäre das Machtgleichgewicht wiederhergestellt. Der Münchner Soziologe Ulrich Beck sagte schon vor Jahren, es gehe darum, "den schlafenden Riesen" zu wecken. Er meinte den Konsumenten.

Die Frage ist, wie stark ist dieser Riese wirklich oder, genauer, wie klug? Können wir wirklich wissen, was mit dem Geld geschieht, das wir ausgeben?

Im Bundestagswahlkampf 1990 versprach Helmut Kohl, die Einheit "aus der Portokasse" zu finanzieren, für die Bürger würden keine zusätzlichen Kosten anfallen. Kohl gewann die Wahl, ein paar Monate später erhöhte er die Steuern – wegen der Einheit. Es war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass ein Politiker die Macht der Wähler zum eigenen Vorteil missbrauchte. Trotzdem würde ich behaupten, dass ich als Wähler in etwa weiß, welches Gedankengut ich fördere, wenn ich einer bestimmten Partei meine Stimme gebe.

Auch als Konsument weiß ich, was ich unterstütze, manchmal. Die Firma Henkel ist anders als Ikea. Aber was ist mit der Pizzeria, die kürzlich bei mir um die Ecke eröffnet hat ("echte süditalienische Küche")? Bezahlt sie ihre Leute besser als Vapiano? Vielleicht noch schlechter? Soll ich vor dem Essen bei der Gewerkschaft anrufen oder den Kellner in einem ruhigen Moment zur Seite nehmen?

Als vor Jahren in Deutschland die Ökolimo Bionade ("Das offizielle Getränk einer besseren Welt") auf den Markt kam, schien das eine eindeutige Alternative zu Coca-Cola zu sein. Heute gehört Bionade zur Brauerei Radeberger, die wiederum Teil des Oetker-Konzerns ist, dem der Ökogedanke eher fernliegt. Dafür wirbt Coca-Cola damit, Flusswasser in Ghana und Liberia zu säubern ("Es gibt unzählige Gründe, auch in schwierigen Zeiten an eine bessere Welt zu glauben").

Der Atomkonzern Areva baut inzwischen auch Windkraftanlagen. Der Discounter Lidl verkauft Fairtrade-Schokolade. Und im Portfolio eines Investmentfonds der MEAG, dem Vermögensverwaltungsunternehmen der Versicherungen Munich Re und Ergo, finden sich laut aktuellem Halbjahresreport auch Aktien des US-Unternehmens Halliburton. Das ist deshalb interessant, weil dieser Fonds als sogenannter Nachhaltigkeitsfonds firmiert, er investiert das Geld seiner Kunden ausschließlich in "Unternehmen, die ihren finanziellen Erfolg mit Rücksicht auf Umwelt und Gesellschaft erzielen". Es gibt inzwischen sehr viele Nachhaltigkeitsfonds, fast alle großen Finanzunternehmen haben sie im Angebot.

Halliburton aber ist einer der weltgrößten Ausrüster von Ölfeldern. Der Konzern war an der Bohrinsel Deepwater Horizon beteiligt, die vor drei Jahren im Golf von Mexiko versank. Ein riesiger Ölteppich legte sich damals auf das Wasser. Später musste Halliburton einräumen, Dokumente vernichtet zu haben, Beweise für die Mitschuld des Unternehmens an der Katastrophe.

Ich kann mir vorstellen, dass der Käufer eines Nachhaltigkeitsfonds nicht unbedingt erwartet, dieses Unternehmen zu unterstützen.

Die Sache mit dem politischen Konsum ist kompliziert geworden. Seit die Unternehmen begriffen haben, welche Macht wir Konsumenten haben, sind sie auf einmal alle irgendwie gut. Weltrettung wird jetzt verkauft wie Waschmittel. Allerdings ist es schon bei Waschmitteln schwer genug, die Tricks der Unternehmen zu durchschauen, bei der Weltrettung ist es noch viel komplizierter. Und trotzdem sollen wir mit unserem Geld darüber entscheiden, welche Arbeitsbedingungen in einem Land herrschen oder woher der Strom kommt?

Das ist die globale Konsumentenklasse, das sind wir

Machtgewinn gilt meist als etwas Positives, etwas, das man genießt, manche berauschen sich sogar daran. Je länger ich aber darüber nachdenke, desto mehr fühle ich mich von meiner Macht als Konsument überfordert.

Ich glaube fast, es war ein Fehler, dass wir diese Macht überhaupt erlangt haben. Der politische Einfluss ist uns Konsumenten ja nicht zugefallen. Er wurde uns gegeben. In den achtziger Jahren standen die Regierungen fast aller westlichen Industrieländer vor dem Problem wachsender Arbeitslosigkeit und steigender Staatsschulden. Als Antwort verschafften sie dem Markt mehr Raum.

Sie senkten Zölle und Importquoten, was ein Grund dafür ist, dass heute so viele Produkte aus Ländern wie Bangladesch und Vietnam kommen. Sie förderten die private Altersvorsorge, weshalb Millionen Bürger einen Teil ihres Geldes in Aktien investierten. Sie änderten das Arbeitsrecht, wodurch auch in Ländern wie Deutschland Niedriglohnsektoren entstanden. Sie begannen untereinander einen Wettbewerb um die niedrigsten Unternehmenssteuern, sodass es Konzernen heute leichtfällt, Abgaben an den Staat zu umgehen. Der Chef des Internetunternehmens Google, das kaum Steuern zahlt, hat erst vor wenigen Wochen gesagt, Google folge lediglich "Anreizen, die Regierungen uns angeboten haben".

Der Kölner Soziologe Wolfgang Streeck fasst diesen Prozess in seinem Buch Gekaufte Zeit so zusammen: Die westlichen Regierungen hätten in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich "politische Verantwortung" an den Markt abgegeben. Der Markt aber, das sind die Unternehmen und die Konsumenten, also wir. So bekam das Einkaufen seine politische Bedeutung. Man kann auch sagen, die Regierungen haben die Macht privatisiert.

Es gibt eine interessante Internetseite namens globalrichlist.com. Man kann dort eingeben, wie viel Geld man pro Jahr verdient. Es wird dann eine lange Schlange kleiner schwarzer Männchen angezeigt, das ist die Weltbevölkerung. Ein Männchen leuchtet golden, das ist man selbst. Je nachdem, wo das goldene Männchen in der Schlange steht, kann man erkennen, an welcher Stelle man mit seinem Einkommen in der Welt rangiert. Ich stehe ziemlich weit vorne. Fast alle Bundesbürger stehen ziemlich weit vorne. Mit dem deutschen Durchschnittseinkommen von netto 18.000 Euro im Jahr gehört man zu den reichsten drei Prozent der Welt.

Sieben Milliarden Menschen leben auf der Erde. Etwa eine Milliarde verfügt über genug Geld, um sich Möbel von Ikea, Pasta von Vapiano und Sportschuhe von Nike zu kaufen. Das ist die globale Konsumentenklasse, das sind wir. Wir sind es, deretwegen es Werbespots, Imagekampagnen und Supermodels gibt.

Ich habe kein schlechtes Gewissen wegen meines Wohlstandes, ich schäme mich nicht. Aber mir leuchtet nicht ein, weshalb mir mein Reichtum erlauben sollte, zu bestimmen, was um mich herum passiert, während die übrigen sechs Milliarden keine Möglichkeit haben, durch ihre Einkäufe die Welt zu verändern, weil sie nämlich kein Geld haben oder zu wenig.

Es gab schon einmal ein Dreiklassenwahlrecht. Warum sollte es jetzt erneut gelten?

Ich glaube, es ist an der Zeit, die Macht wieder ein Stück weit zu verstaatlichen. Die Arbeitsbedingungen verbessern, die Steuervermeidung reduzieren, das können letztlich nur Gesetze. Der Staatsbürger muss wieder über den Konsumenten siegen.

Staatsbürger aber üben ihren Einfluss mit dem Stimmzettel aus. Deshalb habe ich meine Meinung geändert: Ich werde doch zur Wahl gehen. Die SPD will den Mindestlohn per Gesetz bei 8,50 Euro festschreiben. FDP und Union bevorzugen branchenspezifische Lohnuntergrenzen, die Beträge wären wohl niedriger. Für die Mitarbeiter von Vapiano würde das einen Unterschied machen. Die Linken wollen den Hartz-IV-Satz von 382 Euro auf 500 Euro erhöhen. Die Grünen wollen nach dem Atomausstieg nun den Kohleausstieg. Die FDP will die private Altersvorsorge weiter stärken. Die Union lehnt Steuererhöhungen ab. Ein paar Differenzen zwischen den Konzepten gibt es doch. Bei genauerem Hinsehen sind sie gar nicht so klein.

Vermutlich erschienen sie sogar noch größer, wenn die Parteien wieder damit anfingen, uns Wähler als Staatsbürger anzusprechen. Und nicht als Konsumenten, denen man nichts zumuten darf.

Vor rund 25 Jahren lief im deutschen Fernsehen ein kurzer Film. Gleich im ersten Bild sah man den damaligen Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg, einen Mann von der Küste. Stoltenberg ging in einem Hafen langsam an einem großen Segelschiff entlang und sprach in die Kamera. Er redete von Preissteigerung, Staatsfinanzen, Arbeitslosenzahlen. Bald blieb er stehen, im Hintergrund lag immer noch das Schiff. Das Bild änderte sich jetzt nicht mehr, Stoltenberg aber redete weiter. Es war ein Film, der durch Worte wirkte, das Bild war nur da, weil Fernsehen nicht ohne Bilder auskommt. Man kann sagen, dass dieser Film sich wenig um die Regeln der Produktwerbung kümmerte. Er war ein Werbespot der CDU zur Bundestagswahl am 25. Januar 1987.

In diesem Sommer lief im Fernsehen ein kurzer Film, in dem erst einmal niemand redet. Ein Wecker klingelt, Menschen erwachen, Kinder springen auf dem Bett ihrer Eltern herum, Klaviermusik. Dann eine Stimme: "Jeden Morgen beginnt ein neuer Tag." Man sieht zufriedene Gesichter, eine junge Frau im Bad, ein älteres Paar mit viel Liebe in den Augen. Die Stimme sagt: "Wir alle haben Ideen und Wünsche, Hoffnungen und Träume." Es könnte der Werbespot einer Bank sein, vielleicht einer Versicherung, bis dann am Ende die Kanzlerin im Bild auftaucht. Sie sagt nichts, trinkt nur Kaffee, wie die Familie am Frühstückstisch. Es ist ein Film, der die Regeln der Produktwerbung genau beachtet. Ein Werbespot der CDU zur Bundestagswahl am 22. September 2013.