Im November 1938, zwei Wochen nach der Reichspogromnacht, in der überall im Deutschen Reich Synagogen gebrannt hatten, fuhr der neue französische Botschafter auf den Obersalzberg, zum Ferienwohnsitz des "Führers", um Hitler sein Beglaubigungsschreiben zu überreichen. Er habe erwartet, erinnerte sich Robert Coulondre ein Jahrzehnt später, einen donnernden Jupiter in seiner Burg zu finden. Stattdessen traf er "einen einfachen, sanften, vielleicht schüchternen Mann in seinem Landhaus". Coulondre war verwirrt. "Am Radio habe ich die rauhe, schreiende, drohende, fordernde Stimme des Führers gehört und lerne soeben einen Hitler mit warmer, ruhiger, freundlicher, verständnisvoller Stimme kennen. Welcher ist nun der wahre? Oder sind sie beide wahr?"

Eine seltsame Frage, von heute aus betrachtet. Eigentlich wissen wir es doch bis zum Überdruss, wer dieser Mann war, der ganze Völker ermorden ließ und die Welt in einen Krieg stürzte, dem zig Millionen Menschen zum Opfer fielen. Eigentlich haben wir doch alles über ihn gelesen, in den History-Shows des Fernsehens jeden Hitler-Filmschnipsel gesehen, der noch erhalten ist.

Und doch: Ist die Gestalt, bald siebzig Jahre nach dem Tod im Berliner Bunker, nicht längst nur noch ein monströser Schemen? Bloß noch eine Chiffre des absolut Bösen? Oder aber eine Witzfigur, so wie sie in den Comicfilmchen von Walter Moers dargestellt ist und in Timur Vermes’ Überraschungsbestseller Er ist wieder da?

Ganze Bibliotheken sind über die mörderische Herrschaft des Nationalsozialismus, über Krieg und Holocaust geschrieben worden, doch dahinter ist die Person dieses Adolf Hitler zu einem Stereotyp geronnen und damit zugleich auf merkwürdige Weise verschwunden. Denn Hitler war weder das Böse an sich noch ein grotesker Spuk, wie uns der Künstler Jonathan Meese glauben macht, der den Hitlergruß in einer Performance zitierte. Hitler war weder eine reine Projektionsfigur der enthemmten Masse noch eine Marionette eines durch die Erfahrung des Ersten Weltkriegs brutalisierten Zeitgeistes.

Kann man aber die Katastrophe wirklich verstehen, den großen, in der Geschichte einmaligen Zivilisationsbruch, ohne Hitler selbst zu verstehen? Ohne zu erklären, wie er funktioniert hat: seine Herrschaftstechnik, sein Denken – und vor allem: seine Persönlichkeit?

Das mag schwieriger sein als bei anderen Figuren der Geschichte – allein weil der Diktator fast alle persönlichen Dokumente verschwinden ließ. Schon in den dreißiger Jahren ordnete er an, alles zu sichern, was Auskunft geben konnte über seine Linzer Kindheit und Jugend, seine Wiener und frühen Münchner Jahre, seine Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg. Im April 1945, wenige Tage vor seinem Selbstmord, befahl er, alle persönlichen Papiere, die noch in den Panzerschränken der Reichskanzlei, in der Münchner Wohnung und auf dem Obersalzberg aufbewahrt wurden, unverzüglich zu verbrennen. Es blieben wenige Briefe und andere Selbstzeugnisse sowie zeitgenössische Dokumente, die äußerst widersprüchlich sind.

Hitler ist ein Rätsel, er war es sogar für seine nächsten Gefolgsleute.

Eine "undurchsichtige und sphinxhafte Persönlichkeit" nannte ihn Otto Dietrich, Hitlers Pressechef, in seinen Erinnerungen. Und der Münchner Verlegersohn Ernst Hanfstaengl, der in den zwanziger Jahren zur engsten Entourage des NSDAP-Führers zählte, bekannte rückblickend, ihm sei es niemals gelungen, "einen Schlüssel zu dem Untergründigen im Wesen dieses Menschen zu entdecken".

Hitlers Charakter zu entschlüsseln wie einen Gencode – das bleibt vielleicht eine Unmöglichkeit, so unmöglich wie eine nachgetragene Psychoanalyse oder faschismustheoretisch bewehrte Pathogenese. Möglich aber ist, die erhaltenen Fragmente zu einem Persönlichkeitsbild zusammenzusetzen. Es geht nicht um ein voyeuristisches "Hitler privat", sondern darum, zu verstehen, wie diese Person agierte, funktionierte.

Vor allem: wie Hitler so viele Menschen fanatisieren und als begeisterte Komplizen für seine ungeheuerlichen Verbrechen gewinnen konnte. Denn wäre er wirklich nur der "Irre" gewesen, der fanatische Schreihals, der vulgäre Pöbler und groteske Clown, als der er heute bis zum Überdruss nachgepinselt wird – er wäre früh schon von der Bühne verschwunden wie so viele andere völkische Agitatoren, die sich Anfang der zwanziger Jahre im rechtsradikalen Milieu versammelten.