Ein Reihenhäuschen im Stuttgarter Norden. Im Wohnzimmer ein Flügel, ein fein gedeckter Kaffeetisch – und, unübersehbar, die Spuren eines Hundes: Bälle, Stofftiere, verstreute Leckerlis. Die Hausherrin lächelt zärtlich.

Adriana Hölszky: Sie müssen entschuldigen, das gehört Sancho. Ich habe ihn nach nebenan zu meiner Zwillingsschwester gebracht, er würde es nicht mögen, wenn wir uns unterhalten, ohne ihn zu beachten. Rehpinscher sind sehr wach und neugierig und wollen permanent beschäftigt werden.

DIE ZEIT: Ein Hund im Elfenbeinturm.

Hölszky: Komponieren ist ein einsames Geschäft. Man braucht viel Ruhe, Konzentration und Stärke. Man muss vor sich selbst bestehen können, das ist oft schwieriger, als sich in einem Rudel zu behaupten. Doch manchmal erinnert Sancho mich daran, dass es auch noch das Rudel gibt.

ZEIT: Sie gehören einer doppelten Minderheit an: Sie sind in Bukarest geboren und haben ungarisch-deutsche Wurzeln, mit Anfang 20 übersiedelten Sie und Ihre Familie nach Deutschland.

Hölszky: Ich weiß, wie es ist, wenn man sich fremd fühlt. Aber ich würde das nicht biografisch interpretieren, für mich ist es mehr eine Frage des Temperaments. Auch meine Mutter war sehr schüchtern, als Chemikerin und Leiterin eines Forschungslabors musste sie nicht viel sprechen. Das haben meine Schwester und ich geerbt. Schon im Kindergarten hatten die anderen Kinder immer alle Puppen, und wir hatten nichts. Wir saßen da und weinten. Die anderen waren so flink und haben sofort begriffen, wie sie einen Vorteil nutzen konnten – und wir blieben, wie wir waren. Das ist bis heute so, auch was Kompositionsaufträge angeht.

ZEIT: Aber Sie sind in dieser Saison doch bestens im Geschäft: ein Ballett für Düsseldorf, eine Dostojewski-Oper für Mannheim!

Hölszky: Wissen Sie, was kommt, das kommt, und oft ist es genau das, was ich machen will. Ich wollte schon lange für Tanztheater schreiben, weil die Ströme dort schneller fließen. Sänger brauchen Zeit, sie müssen atmen. Bei Tänzern geht es zack, zack. Dadurch wird die Interaktion zwischen Körper, Raum und Klang schärfer. Gleichzeitig sind die einzelnen Ebenen unabhängiger voneinander, freier. Es wird an diesem Abend kein gegenseitiges Bebildern geben, es ist vielmehr so, dass Rosalie, die den Raum entwirft, der Choreograf Martin Schläpfer und ich uns, wie soll ich sagen, umzingeln. Und auch mal aus den Augen und Ohren verlieren.

ZEIT: Hat das Stück ein Thema?

Hölszky: Nicht konkret, nein. Es sind zehn Phasen, und ich stelle mir dazu zehn Einstellungen des Hubble-Teleskops vor, wie sein Riesenauge tiefer und tiefer ins Universum vordringt. Erst sieht man nichts, dann immer mehr Sterne, und schließlich pulverisiert sich alles, das ganze Drama der Menschheit, die Geschichten vom Leben und Sterben, die Sprache, alles wird Universum, Geheimnis.