Das Gut von Landwirt Marco Hintze im brandenburgischen Krielow ist umzingelt – von "Groß-Agrariern", wie sie Hintze abschätzig nennt. Im vergangenen Jahr hat er eine 10 Hektar große, seit 20 Jahren gepachtete Weidefläche direkt neben seinem Kuhstall an einen Investor verloren. Und das, obwohl sich Hintze eigentlich mit dem Grundstücksbesitzer bereits über den Kaufpreis einig war. Der Rivale konnte schlichtweg einen höheren Preis zahlen, als es sich Bauer Hintze leisten konnte.

Auch auf weiteren Äckern in benachbarten Dörfern wie Derwitz oder Plötzin haben verschiedene Großbetriebe zugeschlagen. Ganz ähnlich wie Hintze geht es auch Sönke Thiesen in Stoltebüll, Kreis Flensburg. Der Ökobauer hat kürzlich acht Hektar Ackerfläche von 23 Hektar Pachtland an den Betreiber einer Biogasanlage verloren.

Beide Landwirte sind Opfer einer Entwicklung, die im Jahr 2006 ihren Anfang nahm. Zuvor war Ackerland wenig wert. "Noch in den 1990er Jahren riet man jedem Berufseinsteiger davon ab, in die Landwirtschaft zu gehen", sagt Reinhard Jung vom Bauernbund Brandenburg, der die bäuerlichen Familienbetriebe vertritt. Doch seit einigen Jahren steigen die Preise für Ackerflächen extrem.

So sind laut Statistischem Bundesamt die Kaufwerte für landwirtschaftliche Flächen von 2005 bis 2012 um rund 66 Prozent gestiegen. Vor allem in den neuen Bundesländern zogen die Preise von durchschnittlich knapp 4.000 Euro pro Hektar im Jahr 2005 auf 9.600 Euro in 2012 an. Damit sind die Höchstpreise in den westdeutschen Top-Regionen allerdings noch lange nicht erreicht. In Nordrhein-Westfalen oder Bayern kann ein guter Acker auch schon mal fast 40 000 Euro pro Hektar kosten.

Vor allem für die Ökobauern wird das Überleben immer schwerer

Mit den steigenden Flächenpreisen gehen auch die Pachtgebühren in die Höhe. Ein Landwirt hat meist ein eigenes Grundstück, auf dem sein Wohnhaus, seine Ställe und Garagen für Traktoren und Erntemaschinen stehen. Der größte Teil des Weide- oder Ackerlands wird dann je nach Art des Betriebes dazugepachtet. Üblich sind im Umkreis von Krielow 80 bis 100 Euro pro Hektar und Jahr. Im Mittel werden für Ackerböden hierzulande rund 200 Euro je Hektar bezahlt. Doch in einigen Regionen gibt es inzwischen bereits Spitzenwerte von 1.000 Euro.

Die Preisexplosion ist einem Gesetz geschuldet – dem Erneuerbare Energien Gesetz, kurz EEG genannt. Es sieht so großzügige Subventionen vor, dass ein Landwirt mit einer Biogasanlage mehr als 2.000 Euro pro Hektar und Jahr anstatt der üblichen 350 Euro mit klassischer Landwirtschaft verdienen kann – abgesichert für die nächsten 20 Jahre. Gefüttert werden solche Gäranlagen zur Gasgewinnung meist mit Mais, denn der hat sich als das effizienteste Substrat herausgestellt.

So ist es auch kein Wunder, dass sich die Anzahl der Biogasanlagen vervielfacht hat: von 2004 bis 2011 von rund 2.000 auf 7.300. Entsprechend dehnten sich überall im Lande die Maisfelder aus. Laut dem Deutschen Maiskomitee hat sich der Anbau seit 2006 um 50 Prozent auf rund zwei Millionen Hektar ausgebreitet. "Diese Steigerung geht klar auf das Konto von Biogasmais", erklärt Gerald Wehde vom Anbauverband Bioland. Wegen der stattlichen Förderung können Biogasbetreiber auch mehr Pacht bezahlen als kleine und mittelständische Bauern. In Schleswig-Holstein ist ein Plus von 20 bis 30 Prozent drin. Ein Biogasbetreiber im Münsterland beispielsweise kann 900 Euro Pacht pro Hektar Ackerfläche aufbringen – das Doppelte von dem, was ein Biobauer in der gleichen Region bezahlen kann.

Die Folge: Bullenmäster, Milchviehhalter, Stärkekartoffel- und Getreidebauern werden verdrängt, belegt eine Studie der Universität Göttingen. Und für die Ökobauern wird es immer schwerer. Wegen der Flächenkonkurrenz zu Maisfeldern ist der Bioanbau im Jahr 2012 nur um 1,8 Prozent gewachsen – der niedrigste Zuwachs der vergangenen Jahre. "Viele Biobetriebe kommen wirtschaftlich massiv unter Druck", beklagt Wehde.

Zwar ist der Boom seit der EEG-Novelle im Jahr 2012 etwas abgeflaut. Weil damit etwa der Maiseintrag gedeckelt wurde und die Förderung stärker auf kleinere Anlagen konzentriert wird. So wurden in Nordrhein-Westfalen vergangenes Jahr kaum noch Neuanlagen gebaut. "Aber der Druck auf die Pachtpreise bleibt bestehen", meint Wehde. Dafür schießen in Ostdeutschland zunehmend Biogasanlagen aus dem Boden. Doch es regt sich Widerstand: Im brandenburgischen Reetz engagiert sich der "Verein zur Förderung der ökologischen Landwirtschaft und Landschaftspflege" gegen den weiteren Bau großer Biogasanlagen durch zwei Gesellschaften: die Lindhorst-Gruppe, die nicht nur Landwirtschaft, sondern auch Geschäfte mit Immobilien und der Seniorenpflege betreibt. Sowie die Steinhoff-Holding, einen weltweit aktiven Möbelhersteller. "Sie haben das Land um die Dörfer der Gemeinde weitgehend gekauft oder gepachtet. Die Bodenpreise sind dadurch so hoch gestiegen, dass es Ökobauern nicht mehr möglich ist, hier Landwirtschaft zu betreiben", sagt Willi Lehnert vom Bündnis Junge Landwirtschaft. Die Folge ist die sogenannte Vermaisung der Landschaft, ökologisch wertvolles Grünland geht verloren. Bioland-Sprecher Wehde fordert darum eine nochmalige Überarbeitung des EEG.