Ein Upgrade beschert mir die Kardinalssuite. Wobei die reizende Sara von der Rezeption es nicht so nennt, sie sagt "ein besseres Zimmer". Dann geht sie voran, durch die Lobby aus den zwanziger Jahren, vorbei an der Art-déco-Bar, hinaus in einen kleinen, glyzinienumrankten Garten und wieder hinein in einen prächtigen Palazzo, wo sie im ersten Stock eine geschwungene Holztür aufschließt – dahinter ist es: ein Gemach von düsterer Großartigkeit. Mit einer sehr hohen Kassettendecke, gold-grünen Brokatvorhängen und, richtig, rot gestrichenen Wänden. Das große Bett aus dunklem Holz hat ein geschnitztes Kopfstück und sieht aus, als hätte schon ein Borgia darin übernachtet, die mächtige Kommode ist aus dem 17. Jahrhundert. Ein bisschen komme ich mir vor wie im Museum. Doch aus der Bar unten dringt Ray Charles herauf, The Right Time. Eigentlich ist es fantastisch.

Das also ist das berühmte Locarno. Oder sagen wir so: ein Teil des berühmten Locarno, das Filmschauplatz war und Künstlerbleibe. Das historische Hotel, das ich sehe, wenn ich die geraffte Gardine vor meinen Bleiglasfenstern hochziehe, wurde 1925 von einem Schweizer Ehepaar eröffnet. Der Maler Anselmo Ballester entwarf das suggestive Werbeplakat, das heute noch in der Rezeption hängt. Das Hotel ist darauf ein nächtlich erleuchteter Kasten im Hintergrund der Piazza del Popolo.

Während des Zweiten Weltkriegs besetzten die Nazis das Locarno, und danach nutzten die Amerikaner es als Flippersalon. In den sechziger Jahren war es zu einer schäbigen Pension heruntergekommen; aus den oberen Stockwerken hatte man Wohnungen gemacht. Da entdeckte Maria Teresa Celli das Hotel: Das Locarno von heute ist das Werk dieser Frau. Sie ist mittlerweile 80, doch nach allem, was man hört, noch voller detailversessener Leidenschaft für ihr Haus.

Celli rettete, was zu retten war, kaufte dazu, renovierte. Das Foyer und die Bar wurden aufwendig restauriert und die Zimmer mit ausgesuchten Antiquitäten eingerichtet, die zum Teil älter sind als die Belle Époque. Nach und nach erwarb Celli auch die oberen Stockwerke. Eine Familie lebt noch immer hier, im fünften Stock links, man kann ihre Mitglieder mit Einkaufstüten beladen im Aufzug treffen. Der Palast, in dem ich residiere, wurde 1905 für eine venezianische Adelsfamilie gebaut und gehört erst seit etwa 15 Jahren zum Locarno.

In der Entstehungszeit des Hotels war die Gegend voller Werkstätten und Ateliers, weshalb das Locarno von Anfang an eine künstlerische Klientel anzog. Auch in Teresa Cellis Zeit waren Regisseure, Schauspieler, Maler und Schriftsteller wieder geläufige Gäste. Als ein bekannter italienischer Journalist, der hier in den achtziger Jahren mehr oder weniger wohnte, an einem verregneten Sonntag zum Portier hinunterging und fragte, "Gibt’s in diesem Hotel denn niemanden für ein Interview?", erwiderte dieser: "Ich glaube, gestern ist ein Nobelpreisträger angekommen." Es war Joseph Brodsky.

Der Journalist, Alain Elkann, hat später einen Roman geschrieben, den er Hotel Locarno nannte. Am Abend versuche ich ihn zu lesen, doch scheint mir die Geschichte eines alternden australischen Kunstkritikers und seiner Frauen nicht besonders gut erzählt zu sein. Ganz sicher schlecht ist das Licht in der Kardinalssuite, so ist das mit dem echten historischen Ambiente. Aber warum sollte man auch lesen wollen, bei dieser Bar unter dem Fenster?

Geschwungene Jugendstillinien, glänzendes dunkles Holz, Chaiselongues aus rotem Samt, halb blinde Spiegel. Die ganze Eleganz einer vergangenen Epoche, getaucht in das warme Licht von Tiffanylampen. Das Schönste aber ist, dass die Römer sie ebenfalls schön finden: Einem Hotel, das die Stadt zu sich hereinholt, kann man nur dankbar sein.

Vor dem Waschbecken der Toilette werfen junge Italienerinnen die Mähnen und ziehen die Lippen nach, und draußen im Garten, der zur Bar gehört, ist es voll bis auf den letzten Platz. Also mache ich es ein paar jungen Leuten nach und fahre hinauf auf die Dachterrasse. Der hölzerne Aufzug in seinem Metallgitterschacht ist angeblich einer von nur dreien aus dieser Epoche, die in Rom noch in Betrieb sind. Er klingt etwas angestrengt. Gut, dass ein Angestellter mir am Vormittag versichert hat, es sei zwar fast alles original an dem Aufzug, aber nicht die mechanischen Teile.

Aber dann: dieser Blick! Kuppeln, Kirchtürme, ein Wald aus Antennen, der Pincio mit der leuchtend weißen Villa Medici, in der anderen Richtung schimmert zwischen den Bäumen ein Fleckchen vom Tiber, zu dem sind es nur ein paar Schritte.

Am nächsten Morgen überflute ich das Badezimmer. Es ist ebenfalls ein Original, marmorn, mit einer smaragdgrünen Wanne auf weißen geschwungenen Beinen. Die tut zwar so, als wäre sie auch zum Duschen gedacht – jedenfalls ragt da eine Stange mit Duschkopf auf –, doch es gibt keinen Spritzschutz. Hat man Anfang des vergangenen Jahrhunderts so geduscht?

Das Frühstücksbuffet, biologisch, ist in der Bar aufgebaut. Ob an den Tischen jemand sitzt, der zum Interview taugen würde? Aussehen tun wir alle wie Touristen, ein paar amerikanische Familien sind da, gesetzte Ehepaare; leider sind die Outfits nicht ganz auf der Höhe des Dekors. Doch dann kommt doch eine Dame, die hier hineinpasst. Sie trägt einen weißen Männerhut mit schwarzer Krempe, unter dem lange blonde Haare herausschauen, selbst im Halbdunkel der Bar bleibt die Sonnenbrille im nicht mehr jungen Gesicht, und als Erstes geht sie zum Buffet und nimmt sich ein Glas Champagner. Jetzt ist die Szene perfekt.