Die Spanische Treppe ist für römischen Fußgänger eigentlich nicht besonders wichtig. Natürlich ist sie der schönste Weg hinauf zur Kirche Trinità dei Monti und zur Villa Medici, und wer von dort weiterweiß, läuft zum Pincio hinüber und betritt den Park Villa Borghese mit seinen Joggern und Flanierern. Wer aber in Rom tatsächlich zu Fuß von Westen nach Osten will, wird einen kürzeren Weg nehmen.

Auf der Spanischen Treppe sitzt man zumeist und macht gar nichts. Es ist ein statisches Erlebnis. Abends schaut man in die Abendsonne, die einem direkt entgegenkommt, nachts schaut man in den Brunnen, die Fontana della Barcaccia. Oder man schaut insgesamt auf die Menschenmassen vor der Treppe. Manchmal geht unten Madonna irgendwo einkaufen, dann ist es auf den Stufen besonders voll.

Genau genommen, dient die Spanische Treppe jedoch der gezielten, kunstvollen Lenkung von Bewegung. Sie ist als Sitzgelegenheit heutzutage also etwas zweckentfremdet.

Man stelle sich eine große Menge riesiger Murmeln vor und lasse sie vom obersten Punkt der Treppe hinunterrollen. Auf ihrem Weg nach unten werden sie mal getrennt, mal wieder zusammengeführt, mal stauen sie sich an konkaven Zwischenmauern, mal kugeln sie an Rundungen wieder nach links und rechts auseinander.

Der Spanischen Treppe liegt der Gedanke eines Wasserspiels zugrunde, was ja ein beliebtes römisches Motiv ist. Es wird gehemmt und gestaut und wieder fließen gelassen.

Wenn ich in Rom bin und joggen gehe, ist sie immer ein Bestandteil meiner Route. Kommt man von unten, kann man die Treppe mit Schwung nehmen, läuft man sie von oben hinunter, wird man selbst zu einer dieser Murmeln, und die Treppe lenkt einem die Bewegung.

Man gelangt als bewegtes Element durch die Sitz-Statik hindurch, ohne dass das je zu Problemen führt. Die Treppe akzeptiert jeden, egal ob er sitzt oder hindurchfließt. Zwar besiedeln natürlich zumeist Touristen die Treppe, dennoch ist sie für mich auch immer ein Abbild des römischen Verkehrs.

Ich bin früher regelmäßig mit dem Fahrrad vom Quirinalspalast hinunter in einer Art Sturzflug mitten in den Kreisel an der verkehrsumtosten Piazza Venezia eingefahren, wofür mich in Deutschland jeder Autofahrer erschossen hätte. In Rom machen sie einfach Platz. Man kann übrigens auch über den Kreiselverkehr gehen. Keiner wird hupen. Alle werden einfach um einen herumfahren.

Wer die Angst verloren hat, und man muss keinerlei Angst in Rom haben, vor dem teilt sich der Verkehr der Stadt wie das Rote Meer vor Moses. So kann man auch die voll besetzte Treppe mit Tempo nehmen, ohne irgendwie störend aufzufallen. Läge die Spanische Treppe in Deutschland, würde es sofort Ausschreitungen geben. In Rom nicht.

Auch wenn die Stadt meist unglaublich trubelhaft daherkommt, ist dort dennoch alles friedlicher als bei uns. Keiner ist Gegner des anderen. Das teilt sich sogar den Touristen auf der Treppe mit.