Nirgendwo ist der Reformstau vor der Bundestagswahl so groß geworden wie auf dem Feld der Energiepolitik. Nun, nach der Wahl, eint die Freunde der Öko-Energien und die Betreiber der konventionellen Kraftwerke eine Hoffnung: Sie wollen endlich klare Investitionsbedingungen.

Dass sie die Karten in puncto Energiewende schnell neu mischen will, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits angekündigt. Aber wie? Nimmt sie demnächst Tempo aus dem Jahrhundertprojekt? Wird es gar ausgebremst?

Kommt darauf an. Weil die FDP, der größte Bremser des Vorhabens, abgewählt worden ist, könnte die Energiewende sogar der eigentliche Gewinner der Wahl sein, meint Claudia Kemfert, die Expertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Allerdings hängt das auch von der zukünftigen Regierungskoalition ab. Verbünden sich die Grünen mit der Union, könnte Kemferts Hoffnung Realität werden; Schwarz-Grün wäre andererseits "eine Katastrophe für die RWEs dieser Welt", sagt ein Manager aus den Reihen der Stromriesen. Am günstigsten für sie wäre eine Große Koalition von Union und SPD, heißt es in einer Branchenanalyse: Beide Parteien betonten die Kostenaspekte der Energiewende und die Mitverantwortung der grünen Energien für eine stabile Stromversorgung. Der Handlungsdruck, die Wende von ihren Problemen zu befreien, sei "enorm".

Ende der Woche wird der Druck noch einmal wachsen. Dann wird der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) seine Forderungen anmelden. Die Geschäftsführerin der Lobby, Hildegard Müller, war einst Staatsministerin im Bundeskanzleramt und gilt noch immer als Vertraute von Angela Merkel. Deshalb hat besonderes Gewicht, was der BDEW will – zumal sein Gegenspieler, der Bundesverband Erneuerbarer Energien (BEE), sich der Reformdebatte bisher weitgehend versperrt.

Von "bedrohlicher Orientierungslosigkeit in der energiepolitischen Debatte" ist in dem BDEW-Positionspapier die Rede – und davon, dass der Handlungsdruck nicht einmal "Verzögerungen durch langwierige europäische Abstimmungsprozesse tolerierbar" mache. Der Verband fordert, mit einem Wort, schnell mehr Markt.

Das Marktcredo teilen inzwischen viele. Doch was genau der BDEW darunter versteht, das könnte nicht nur den Ausbau der grünen Energien drosseln, sondern die Wende sogar teurer und bürokratischer werden lassen.

"Unmittelbar nach der Bundestagswahl" soll eine Reihe von "Sofortmaßnahmen" den Reformprozess einläuten. Grünstromanlagen sollen obligatorisch fernsteuerbar werden, die Privilegien bei der Umlage nach dem EEG neu geregelt und die Direktvermarktung des grünen Stroms soll verpflichtend gemacht werden. Das Preissignal von der Strombörse lenkte dann die Grünstromerzeuger, auch wenn vorerst laut BDEW die gleitende Marktprämie beibehalten werden soll; sie sorgt dafür, dass der Betreiber einer Windmühle oder einer Solaranlage die Differenz zwischen dem Monatsmittelwert des Börsenpreises und der garantierten Einspeisevergütung ersetzt bekommt. Deshalb nehmen schon heute viele freiwillig an der Direktvermarktung teil.

Anfang 2016 soll die Förderung grundlegend verändert werden, fordert der BDEW. Dann soll es für alle Neuanlagen nur noch eine fixe Prämie geben. Das schlägt zwar auch das Öko-Institut vor; anders als das Öko-Institut plädiert der BDEW aber dafür, die Höhe der Prämie per Auktion zu ermitteln. Das setzt voraus, dass ein "Zubaupfad für Erneuerbare Energien" definiert wird – und genau da wird der Vorschlag, den in ähnlicher Form schon der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) gemacht hat, problematisch. Es müsste nämlich festgelegt werden, wie viel von welchem Grünstrom in welcher Region erwünscht ist. Das wäre nicht nur – von wegen mehr Markt – ein bürokratisches Unterfangen, sondern obendrein eins, das "dem freien Spiel der Lobbyinteressen ausgesetzt" wäre, so der WWF und Germanwatch.

In puncto Versorgungssicherheit fordert der BDEW kurzfristig die Einrichtung einer "Strategischen Reserve" von Kraftwerken; die Stromfabriken in dieser Reserve bekämen Geld für die Leistungsbereitstellung, sollen aber nur dann Strom erzeugen dürfen, wenn der Preis an der Börse extrem hoch ist. Der Vorteil, aus Sicht der Versorger: Alle, auch die Betreiber von Braunkohle- und Atomkraftwerken können sich für die Reserve bewerben. Der Nachteil: Die Stromkunden müssen nicht nur Kraftwerke finanzieren, die am normalen Strommarkt gar nicht teilnehmen; sie müssten obendrein zeitweise sehr hohe Strompreise in Kauf nehmen. Kritiker meinen, das sei ineffizient.

Aus Sicht des BDEW ist das aber ohnehin nur eine Etappe auf dem Weg zu einer umfassenderen Lösung: zu einem "Markt für Versorgungssicherheit". Die Stromlieferanten will der BDEW zum Kauf von "Versorgungssicherheitsnachweisen" verpflichten, die am Ende "börsentauglich und handelbar" sein sollen. Für die Stromerzeuger, auch für die Betreiber von Braunkohle- und Kernkraftwerken, bedeutete das eine zweite Einnahmequelle, neben dem Verkauf von Kilowattstunden. Der BDEW meint, dies sei die "beste Option", die Rund-um-die-Uhr-Versorgung zu gewährleisten.

Wirklich? Im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums haben zwei Forschungsinstitute das Modell bereits zerpflückt. Es sei nicht nur komplex; langfristig sichere Preissignale für Investoren seien so "kaum zu generieren".

Dass der BDEW trotzdem dafür ist, zeigt, wie viel bei der Energiewendereform auf dem Spiel steht. Der Streit ist eröffnet.