Ein gutes Jahr bleiben die Flüchtlinge im Schnitt in der Gemeinschaftsunterkunft, danach werden sie in Wohnungen untergebracht. Seit Kurzem gibt es in Rostock zwei Sozialpädagogen für die dezentrale Betreuung. Die Stadt hat eine recht positive Einstellung zur Aufnahme von Migranten. Das ist wohl auch dem Umstand geschuldet, dass der Name Rostock seit 21 Jahren fest verbunden ist mit rassistischen Ausschreitungen im Stadtteil Lichtenhagen. "Lichtenhagen ist immer dabei", sagt Witte. Als zehn Kilometer entfernt von hier eine Menschenmenge ein Asylbewerberheim in Brand steckte, arbeitete sie als Heimerzieherin an der Ostsee. Mit Freunden fuhr sie zur Gegendemonstration, doch die Polizei stoppte die Gruppe, zu links hätten sie ausgesehen. Wenn Witte lächelt, blitzt noch manchmal ihr Lippenbändchenpiercing hervor.

Zwischen ihrer Arbeit damals und heute liegen ein erziehungswissenschaftliches Studium mit Schwerpunkt Sozialpädagogik und interkulturelle Erziehung, ein paar Semester Philosophie, entwicklungspolitische Arbeit und die Gründung von Lobbi, einem Verein für Betroffene rechter Gewalt. Als sie ihre Diplomarbeit zum Thema "Migration als kritisches Lebensereignis" schrieb, ahnte Witte noch nicht, dass sie mit Menschen arbeiten würde, die unvorstellbare Gewalt erleiden mussten. Die ihre Familie verloren haben und mit nichts ankommen im fremden Land.

Sie herzlich zu empfangen ist Witte wichtig. Für Neuankömmlinge sucht sie im Lager des Hauses Bettwäsche, Geschirr und Putzzeug zusammen. Im Zimmer selbst achtet sie darauf, dass die Fenster geputzt und die Gardinen gewaschen sind. So ein leerer Raum mit drei Betten und einem Tisch in der Mitte wirkt dennoch trist. "Meine Hochachtung vor allen Leuten, die es schaffen, hier ohne größere Konflikte und Gewalt so beengt zu leben", sagt Witte, "ich muss ja nicht nur mit anderen Menschen in einem Zimmer wohnen. Ich verstehe die Sprache hier nicht, ich kann nicht arbeiten, ich vermisse meine Familie, ich muss das alles bewältigen ..." Sie wechselt oft die Perspektive und sagt "ich", statt über Menschen zu reden. Es klingt nach Mitgefühl, nicht nach Mitleid.

In der Gemeinschaftsküche steht ein Arzt, der vor wenigen Tagen aus Syrien gekommen ist, und schnippelt Gemüse. Er lädt Witte zum Essen ein. Sie bedankt sich freundlich und lehnt ab. Die Menschen hier sind keine Freunde, sondern Klienten. Anfangs hat sie Schicksale so nah an sich herangelassen, dass sie nachts nicht schlafen konnte. Inzwischen hat sie gelernt, sich abzugrenzen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ihre Arbeit hinter dem Zaun endet. Sozialpädagogik hat für Witte eine politische Dimension. Es reicht ihr nicht, die Situation der Flüchtlinge hier im Haus zu verbessern, sie möchte auch in die Gesellschaft hineinwirken. Deswegen macht sie Bildungsarbeit in Schulen, geht zu Treffen mit dem Flüchtlingsrat, mit der Opferberatung, mit Fraktionen und Vereinen. In ihrem Alltag berühren sich große Fragen (Wie können wir in Rostock eine Krankenkassenkarte für Flüchtlinge durchsetzen?) mit konkreten Anliegen (Mein Kind hat Halsschmerzen, woher bekomme ich ein Medikament?).

Gegen Ende des Tages schwatzt sie noch mit einer Familie, die loszieht, um Gummistiefel zu kaufen. Bei Regen verwandelt sich der Weg raus aus dem Gelände nämlich in einen Pfützenparcours, den man kaum umgehen kann. Ein beiläufiges Gespräch, doch vielleicht ist es wichtig für die Familie, dass Witte Interesse an ihrem Alltag zeigt. Es sieht aus, als würde es ihr leichtfallen.

Sie hat ihren Beruf gewählt, weil sie sich bereichert fühlt von Menschen, die Dinge anders sehen und erleben als sie. Wenn es nach ihr ginge, wäre der Zaun längst weg. Die Eisenstäbe wirkten schließlich, als müsse jemand geschützt werden, drinnen oder draußen, in jedem Fall sei das ein verkehrtes Signal. Andererseits passt der Zaun zu diesem sensiblen Ort, wahrscheinlich ist er deswegen noch da – obwohl diese Grenze nicht selbst gewählt ist, weder von den Bewohnern noch von den Betreibern. Sie ist ein Relikt des früheren Nutzers.

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