Ein Zaun aus Eisen markiert die Besonderheit des Ortes. Am Neuen Friedhof liegt er, an der Endstation der Straßenbahnlinie 3 und 6, gerade noch innerhalb des Tarifzonengebiets von Rostock. Vom Eingangstor aus führt ein Weg auf sechs sanierungsbedürftige Häuser zu. Hier, am Rande der Gesellschaft, auf einem ehemaligen Polizeigelände, leben rund 240 Asylsuchende. Im mittleren Haus haben Sozialarbeiter ihr Büro. Es ist einer der ersten kühlen Tage im September. Draußen riecht es nach Herbst, drinnen nach Ärger.

Ihre Arbeitswoche hat eben erst begonnen, doch Birgit Witte ist schon ganz aufgebracht. Am Wochenende hat ein Jugendlicher versucht, bei einem Nachbarn einzubrechen. Dreimal hatte die Sozialpädagogin den Wachdienst des Heims am Telefon. Die Beschreibung ist eindeutig, es war der Sohn einer Flüchtlingsfamilie, die sie betreut. "Das geht so nicht", sagt Witte, sie lehnt an der Heizung und tastet nach Wärme. "Ich will nicht, dass das gute Verhältnis zu den Nachbarn gestört wird. Ich hab keine Lust auf Bürgerwehren oder andere absurde Dinge."

So ein Satz ruft zurzeit Bilder hervor von NPD-Mitgliedern und Berliner Bürgern, die gegen das neue Flüchtlingsheim in Marzahn-Hellersdorf protestieren. Die meisten Deutschen haben wenig Ahnung, wie der Alltag in einer Asylbewerberunterkunft aussieht. Solche Einrichtungen werden gewöhnlich nur dann zum Thema, wenn jemand meint, sie rückten zu nah an die Gesellschaft heran, und Ärger macht.

Was sich drinnen abspielt? Welche Sorgen und Nöte die Bewohner haben? Wer sich um sie kümmert? Ein Tag mit Birgit Witte in der Rostocker Gemeinschaftsunterkunft kann Antworten geben und Ängste nehmen.

Rund 20 Quadratmeter misst das Büro im Erdgeschoss, das sich die Sozialpädagogin mit vier Kollegen und einer Praktikantin teilt. Das ist eng mit den sechs Schreibtischen, aber nebenbei bemerkt Witte, dass der Raum immer noch größer sei als die Zimmer für die Flüchtlinge. Zu dritt wohnen darin Familienmitglieder und einander völlig fremde Menschen. Sie sind aus Afrika, dem Nahen Osten und Osteuropa vor Krieg, politischer Verfolgung und Armut geflohen. Nach Deutschland kommen sie, weil sie Asyl suchen, in dieses Büro, weil sie Hilfe dabei brauchen.

Es ist, als kämen die Aufgaben hier in Wellen angerollt, die den Lärmpegel steigen lassen. Auf dem Höhepunkt finden vier, fünf Gespräche gleichzeitig statt, während die nächsten Bewohner im Raum stehen und warten. Manche wollen nur ihre Post holen. Andere aber sind auf Beratung angewiesen, weil sie sonst an Alltäglichkeiten scheitern würden. So nennt Witte die Vorgänge, bei denen sie die Flüchtlinge unterstützt: Sie füllt Anträge aus, sucht Ärzte und Kindergartenplätze, bestellt Dolmetscher, nimmt Anrufe von Lehrern entgegen, kommuniziert mit Anwälten, Behörden und Institutionen.

An der Tür hängt eine Karte, auf der steht: "Hilf dir selbst, sonst hilft dir ein Sozialarbeiter." Witte lacht darüber, sie lacht überhaupt oft. Ihre Augen unter dem blonden Pony werden dabei zu Halbmonden, die 42-Jährige hat dann etwas sehr Junges, Freches. Doch was auf dem Schild ironisch nach Drohung klingt, knüpft an die Kernfrage sozialer Arbeit an. Wie hilft man Menschen so, dass sie ihre Probleme selbst lösen können? Auf solche Fragen antwortet Witte mit einer Konzentration, die bemerkenswert ist in einem Arbeitsrhythmus, an dem Unterbrechungen das Verlässlichste sind.

"Sozialpädagogik dient dazu, Menschen, die am sogenannten Rand der Gesellschaft stehen, gesellschaftsfähig zu machen", sagt sie. Sie selbst stehe durch das, was sie sei – gebildet, weiß, deutscher Pass, angestellt –, in der Mitte der Gesellschaft. Deswegen müsse sie bei ihrer Arbeit immer wieder hinterfragen: Ist das der richtige Weg? Wäre es nicht auch in Ordnung, die Leute so zu akzeptieren, wie sie sind? "Das ist wichtig, um nicht zu viel Druck aufzubauen auf Menschen, die völlig anders sozialisiert sind. Und um der Umwelt gewisse Dinge erklären zu können, sie um Zeit für Entwicklung zu bitten."

Lehrern muss sie zum Beispiel klarmachen, dass die Kinder einer Roma-Familie erst lernen müssen, wie wichtig Hausaufgaben und Pünktlichkeit hier sind. Die Eltern haben nie eine Schule besucht. Woher sollen sie wissen, was ein Heft in Lineatur F6 ist? Witte muss ja selbst erst fragen, wenn ihr Achtjähriger mit solchen Aufträgen aus der Schule kommt. Ihre Geduld hört allerdings auf, wenn der älteste Sohn der Familie einen Einbruch versucht.

Trotz ihrer zugewandten ruhigen Art wird sie recht deutlich im Gespräch mit dem Vater und dem Onkel des Jungen. Die Männer heben die Stimmen, wechseln vom Deutschen ins Serbokroatische, gestikulieren, sind ratlos. Sie fürchten, der Sohn könne durch seine Aktion vom Wochenende ihre Chance auf Aufenthalt gefährden. Witte verabredet weitere Gespräche. Miteinander reden ist ihr Job, Maßregelungen gehören nicht dazu. Die Polizei ist bereits verständigt, mehr kann sie nicht tun. Das heißt aber nicht, dass ihr Ärger schon verflogen ist.

In anderen Heimen würde man den Vorfall vielleicht als normal empfinden. Im Asylbewerberhaus Rostock, das seit einigen Jahren vom Verein Ökohaus betrieben wird, bespricht das kleine, demokratisch organisierte Team in der Mittagspause noch mal alles bei selbst gekochter Bolognese. Man ist stolz darauf, wie friedlich es hier ist. Es gibt kaum Zwischenfälle, aber Sommerfeste, zu denen Nachbarn eingeladen werden, eine Kletterwand, an der auch Kinder von außerhalb trainieren, und Ehrenamtliche, die bei Hausaufgaben helfen.