Kaum etwas liebt der Mensch der Gegenwart so sehr wie die Kunst, und das ist keine gute Nachricht. Sie wird gefördert, verehrt, in großen Ausstellungen gefeiert, mit hohen Preisen bedacht, sie ist, was sie nie war: ein Volksvergnügen. Doch bleibt der Erfolg nicht ohne Folgen, er hat den Charakter der Kunst weitgehend ruiniert. War sie in der Moderne stets fordernd aufgetreten, kämpferisch und widerborstig, lebte sie aus dem Streit, aus der Verneinung, aus der Hoffnung auf eine Gegenwelt, hat sie sich heute zumeist arrangiert. Sie ist handzahm geworden, ein Stimmungsaufheller in dunklen Zeiten und viel mehr nicht. Aus der einst radikalen ist eine konservative Kraft geworden, zur Verblüffung vieler.

Naturgemäß sehen die Händler und Kuratoren das anders. Sie schwärmen von ihren "innovativen", "radikalen", "kompromisslosen" Künstlern, schließlich gehört es gewissermaßen zur Geschäftsgrundlage der Kunst, dass sie das große andere verkörpert und vorandrängt in neue, staunenswerte Welten. Nur das legitimiert die Aufmerksamkeit und legitimiert auch die staatliche Förderung durch Museen und Hochschulen. Niemand würde sich für eine lauwarme, biedere, selbstbezogene Kunst interessieren, schon gar nicht für eine, die in nostalgischen Gefühlen schwelgt. Genau diese Gefühle aber bestimmen weite Teile der Kunstlandschaft – und jetzt ist diesem Hang zur Retro-Seligkeit sogar eine eigene Ausstellung gewidmet, zu sehen in der Kunsthalle Kiel (bis zum 26. Januar 2014).

Gezeigt wird dort feinste Miniaturmalerei, wie vor Jahrhunderten üblich. Es gibt verträumte Landschaften, von alten Postkarten inspiriert. Zeichnungen im Stil des Film noir der fünfziger Jahre. Eine Kunst von heute, die gemütlich im Vorgestern nistet.

Niemand wirft die Regeln über den Haufen, es gibt ja keine Regeln mehr

Und wenn der eine oder andere Künstler doch einmal augenzwinkernd die eigene Altertümlichkeit befragt, dann so wie der Schotte David Shrigley mit seiner ausgestopften Katze, die quicklebendig aus ihren Glasaugen schaut und zugleich ein Schild in der Pfote hält, das allen kundtut, diese Katze sei doch tot. Äußerlich vital und innerlich erloschen – das beschreibt polemisch, aber doch recht gut den Zustand der Gegenwartskunst.

Vorbei ist die Epoche der "frohlockenden Ungeheuer" (Nietzsche), der ungebändigten Künstlernaturen. Niemand von den Jüngeren scheint Rauschenberg, Picasso, Baselitz und all den anderen Recken nachfolgen zu wollen. Niemand mag sich mehr als Genie begreifen, das die Kunst aufbricht, umpflügt, neu erfindet. Niemand wirft die Regeln über den Haufen, weil es keine Regeln mehr gibt. Und das heißt auch: Der brennende Zwist, der die Moderne so lange vorantrieb – hier die Avantgarde, dort die Restauration –, ist friedlich beigelegt. Keine ästhetischen Scharmützel mehr, keine Reibungshitze: Man lässt sich gegenseitig in Ruhe – und den Rest der Welt ebenso.

Die Künstler des 20. Jahrhunderts waren berüchtigt für ihre Manifeste, haltlos und machtbewusst. Heute ist diese Form des Aufbegehrens ebenso aus der Mode, wie es die Sezessionisten sind oder die klassischen Künstlerbündnisse, in denen Gleichgesinnte zusammenfanden, um Kunst und Welt zu revolutionieren. Kein Bauhaus, keine Brücke, kein Fluxus, keine größeren programmatischen Strömungen gibt es heute. Und es ist diese Programmlosigkeit, die seit je zum Kennzeichen des Konservatismus gehört. Ein Nichteinmischungspakt mit der Wirklichkeit.