Natürlich sieht sie makellos aus. Makellos wie immer. Sitzt in einem Riesensessel vor dem Panoramafenster, 29. Stock, Tower Suite, hoch über den Dächern Berlins. Die blonden Haare offen, goldglitzernder Pullover, schwarze Hose. Helene Fischer, die Königin des deutschen Schlagers, strahlt. So wie sie eigentlich immer strahlt.

Frau Fischer, alle finden Sie perfekt. Sind Sie es?

"Klar möchte ich in meinem Beruf so perfekt wie möglich sein. Trotzdem bin ich kein Kunstobjekt, sondern ein Mensch."

Ihr Oberkörper ist kerzengerade, nur manchmal beugt sie sich im Gespräch leicht nach vorne. Diese Stellung wird sie die nächsten 45 Minuten lang beibehalten. Eine Frau mit einer wahnsinnig gesunden, wachen Stimme. Fischer ist bestens vorbereitet auf dieses Interview, obwohl sie Interviews nicht mag. Oder weil sie Interviews nicht mag? Eigentlich müsste sie jetzt ein bisschen genervt sein, aber das würde sie nie zugeben, vielleicht noch nicht einmal vor sich selbst. Stattdessen sagt sie: "Grundsätzlich bin ich kein Freund von Interviews. Wenn ich mich in einem Interview selbst analysieren soll, dann ist das nicht unbedingt mein Ding."

Helene Fischer wurde als Russlanddeutsche in Sibirien geboren, kam mit vier Jahren nach Wöllstein in Rheinland-Pfalz, mit 23 ging sie auf ihre erste Tour. Heute ist sie 29 und 1,58 Meter groß und hat in der deutschen Musikbranche alles erreicht. Ihr letztes Album Für einen Tag verkaufte sich eine Million Mal, ihre neue Single Fehlerfrei präsentiert sie Anfang Oktober bei Wetten, dass..? Zu ihren Konzerten in den letzten beiden Jahren kamen über 400.000 Menschen. Sechsmal gewann sie den Echo, viermal die Krone der Volksmusik, einmal die Goldene Kamera, seit 2011 gibt es die Helene Fischer Show, natürlich von ihr selbst moderiert. Beim Traumschiff spielte sie eine Reiseleiterin, sie ist das Werbegesicht einer Beauty-Creme, und ihre Wachsfigur steht bei Madame Tussauds in Berlin – weil die Besucher auf die Frage, wer im Kabinett noch fehle, am häufigsten ihren Namen aufschrieben.

Kein Zweifel: Helene Fischer hat es geschafft. Mehr als das, viel mehr.

"Wenn ich das Gefühl habe, alles wird mir zu eng, gehe ich in die Berge"

Ein Star, schrieb der französische Philosoph Roland Barthes, sei ein "gelebter Mythos". Eine Figur, an der Urerzählungen festgemacht werden können, Sehnsüchte, Projektionen, ein kollektives Begehren.

"Ein Star zu sein, das ist für mich beengend", sagt Helene Fischer, "Starsein kann ja auch etwas mit Unnahbarkeit zu tun haben. Das bin ich nicht, und das will ich auch gar nicht sein."

Helene Fischer, die Nahbare. Die Berührbare. Um jeden Preis, und ohne dass man ihr je wirklich nahe käme. Wer dahinter eine Strategie vermutet, eine besonders abgefeimte Kampagne, ein Image hoch zwei, ist selber schuld. Und sucht vergeblich danach. Es gibt nur eine Helene Fischer – und die lässt keinerlei Brüche, keine Ambivalenzen zu, nichts Griffiges. Das muss man wohl akzeptieren.

Es ist ein warmer Juniabend in der Arena auf Schalke, als Helene Fischer vor 40.000 Menschen von der Decke schwebt. "Du bist ein Phänomen", singt sie, "Du kannst die Erde dreh’n / Du – dich fängt niemand ein / Der Wind trägt deinen Namen." Unten auf der Bühne legt Fischer die Hand aufs Herz und verbeugt sich tief in alle Richtungen. Nach zwei weiteren Liedern sagt sie: "Ihr Lieben, wir wollten euch nicht beim Feiern stören, deshalb haben wir gleich drei Songs hintereinandergespielt." Damit das schon einmal klar ist: Die Fans geben hier den Ton an, niemand sonst.

Andere Sänger brüllen ins Mikrofon: "Gelsenkirchen, wo seid ihr?" Helene Fischer sagt’s persönlich: "Ich freue mich wahnsinnig, heute bei euch in Gelsenkirchen zu sein." Andere rufen: "Danke, dass ihr da seid!", Helene Fischer macht eine Botschaft daraus: "Ihr gebt mir das Gefühl, dass es richtig ist, diesen Weg weiterzugehen, dafür danke ich euch zutiefst."

Schon als kleines Mädchen hat sie sich auf Familienfesten und Hochzeiten verkleidet und ist aufgetreten. In der Realschule von Wörrstadt war sie die Erste, die sich für Theater-AGs und Musical-Kurse meldete. Sie wollte auf die Bühne. Für drei Jahre ging sie nach Frankfurt, machte dort eine Musical-Ausbildung, lernte singen und tanzen. Dann schickte ihre Mutter dem Manager Uwe Kanthak eine Demo-CD. Kanthak hat Michelle groß gemacht, Helene fand er großartig. Sie dachte: Schlager kenne ich nicht, aber die Songs sind schön, versuch ich’s doch mal. Und tingelte bald von Dorffest zu Dorffest. 2005 trat sie das erste Mal im Fernsehen auf, beim Hochzeitsfest der Volksmusik, an der Seite von Florian Silbereisen, ihrem heutigen Lebensgefährten. Prompt ließ der erste Plattenvertrag nicht lange auf sich warten.

Fischers Auftritte erinnern ein bisschen an Las Vegas, jedenfalls für deutsche Augen und Ohren. Lieber Big Band als Quetschkommode. Lieber im geschlitzten Glitzerkleid als im Dirndl. Zwischen ihre eigenen Lieder schiebt sie das Beste aus der Welt des Mainstream-Pop. Let me entertain you von Robbie Williams oder An Tagen wie diesen von den Toten Hosen. Und natürlich verneigt sie sich auch vor den Größen des Schlagers: Ein Bett im Kornfeld, Griechischer Wein, Biene Maja, Über den Wolken, Volare. Mitgrölhits, aber nicht ohne Stil.