Plötzlich, während des Interviews, steht Sikorski auf. "Sorry, John Kerry ruft an", sagt er. Fünf Minuten später ist Sikorski wieder da. Worum es ging in dem Gespräch mit dem US-Außenminister? "Kapitel 7", ob man Syrien Gewalt androhen werde. Und, wird man? Kerry spreche noch mit dem Russen: Sikorski ballt die Fäuste und lässt sie aufeinanderprallen.

DIE ZEIT: Herr Außenminister, in den achtziger Jahren waren Sie auf Recherche für britische Medien in Angola und Afghanistan. Würde der Reporter Sikorski heute nach Syrien gehen?

Radosław Sikorski: Kriegsreporter, das ist etwas für einen jungen Mann. Übrigens wird ein polnischer Reporter in Syrien zurzeit als Geisel gehalten. Das zeigt, wie anders die Lage heute ist. Zu meiner Zeit reiste ich mit Widerstandskämpfern, die mich schützten und von der Breite der Bevölkerung unterstützt wurden, viele Monate sicher durchs sowjetisch besetzte Afghanistan. Der polnische Reporter hingegen wurde von denselben Leuten gekidnappt, denen er helfen wollte. Das ist in Syrien ein regelrechtes Geschäft geworden, wie schon in Mali und Somalia.

ZEIT: Polen hat früh für eine diplomatische Lösung des syrischen Chemiewaffenproblems geworben. Hat die Initiative der beiden Außenminister Kerry und Lawrow eine Chance?

Sikorski: Meine Experten sagen, es sei unglaublich komplex und langwierig, ein Arsenal dieser Größe zu vernichten – und dies selbst unter besten Voraussetzungen. Der Zeitplan ist extrem optimistisch.

ZEIT: Chemiewaffen sind grausam, aber leidet Syrien nicht mehr durch konventionelle Waffen im Bürgerkrieg?

Sikorski: Wir haben aber hier ein Moment, das allen Interessen dient. Zunächst denen der Syrer, nicht durch Giftgas zu sterben. Aber auch denen des Regimes, nicht angegriffen zu werden. Die Russen erscheinen erstmals konstruktiv im Syrienkonflikt. Und die Amerikaner haben einen Weg gefunden, Präsident Obamas Versprechen einer roten Linie zu erfüllen. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, das Kernproblem zu lösen: den Bürgerkrieg.

ZEIT: Will das Regime sich nicht bloß selbst retten?

Sikorski: Sie werden das natürlich versuchen.

ZEIT: Man kann das Arsenal nicht ohne Assad zerstören. Hat er sich geschickt vom Gegner in einen Partner verwandelt?

Sikorski: Es ist unsere Aufgabe, ihm das nicht durchgehen zu lassen. Darum ist es wichtig, die ultimative Drohung der militärischen Gewalt aufrechtzuerhalten, für den Fall, dass er betrügt.

ZEIT: Muss die angestrebte Syrien-Resolution des UN-Sicherheitsrates also diese Drohung beinhalten?

Sikorski: Assad muss den Druck spüren, dass wir bei einem Bruch der Abmachung völkerrechtlich zum Einsatz von Gewalt berechtigt sind. Ich glaube, das ist ein Test der guten Absichten aller Mitglieder des Sicherheitsrates.

ZEIT: Sie glauben, Russland wird dem zustimmen?

Sikorski: Russlands Glaubwürdigkeit steht mit auf dem Spiel. Russland hat den Deal mit Assad vermittelt, und es hat Truppen für das Kontingent versprochen, das ihn durchsetzen soll. Ein Scheitern dieser Operation wäre auch Putins Scheitern.

ZEIT: Muss Assad nun Teil der Lösung sein? Der Westen hat lange gefordert, er müsse abtreten, weil er illegitim geworden sei.

Sikorski: Der Westen hat dies vor zwei Jahren verlangt, und inzwischen ist die Liste seiner Verbrechen gegen sein Volk noch länger, den Giftgasangriff inbegriffen. Es ist schwer vorstellbar, wie er je wieder vom Volk als legitim betrachtet werden könnte. Aber wir haben schon früher mit Leuten verhandelt, die einen blutigen Bürgerkrieg gewonnen haben, sogar in Europa, denken Sie nur an Lenin oder Franco. Die Syrer müssen das unter sich ausmachen. Die Alternative zur Einigung wäre ein Bürgerkrieg wie im Libanon, der schreckliche 15 Jahre gedauert hat, nur im noch größeren Maßstab.

ZEIT: Wie erklären Sie sich den Wandel der russischen Position – von totaler Blockade in der UN zu dem konstruktiven Ansatz der letzten Wochen?

Sikorski: Die Gewalt des Arguments ist in der Regel dem Argument der Gewalt vorzuziehen. Aber in diesem Fall hat die unmittelbare Drohung eines amerikanischen Militärschlags die Russen jene Alternative ergreifen lassen, die Außenminister Kerry in London erwähnt hatte. Man muss anerkennen, dass sie flexibel genug waren, ihre Position zu verändern.