Kevin Bunk sucht Arbeit, aber er hat keine Chance. Er wird nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Zwei Dutzend Bewerbungen hat er geschrieben, alle vergebens. Kein Arbeitgeber will ihn kennenlernen, er bekommt kein Praktikum angeboten und auch keinen Probearbeitstag. Nichts. Monatelang erhält er nur Absagen. Dabei bewirbt sich Bunk in Stuttgart, in einer Region, in der eigentlich alle Arbeit finden. Von Vollbeschäftigung sprechen jedenfalls die Ökonomen. In Stuttgart sind offiziell nur 5 Prozent aller Menschen arbeitslos und nur 4,2 Prozent aller unter 25-Jährigen. Das sind so niedrige Zahlen, dass Ökonomen sie für normal und unproblematisch halten.

Hinter diesen Zahlen verbergen sich Menschen. Kevin Bunk ist 21 Jahre alt und möchte von zu Hause ausziehen, eine Ausbildung machen, arbeiten, Geld verdienen – so wie andere auch. Bisher kennt er das normale Leben kaum. In einem Alter, in dem andere Kinder von ihren Eltern Hilfe bekommen, damit sie es aufs Gymnasium schaffen, musste er mitsamt der Familie die Wohnung räumen. Sein Vater, ein Alkoholiker, der Kevin, seine Mutter und seine Schwester schlug, hatte die Miete nicht bezahlt. Die Familie zog um und flog bald wieder raus. In einem Alter, in dem andere Kinder von ihren Müttern Vokabeln abgefragt werden, half er seiner Mutter, den Vater aus dem Haus zu werfen. Da war er 14. Und in dem Alter, in dem andere in die Oberstufe wechseln, verließ Kevin ohne Abschluss die Hauptschule.

Er hing herum, war in Schlägereien verwickelt, in Diebstähle und einen Raub. Inzwischen hat er zwar seinen Hauptschulabschluss nachgeholt, aber in seinen Akten steht jetzt auch eine Vorstrafe. Inzwischen will er unbedingt arbeiten, doch der Arbeitsmarkt will ihn nicht. Er ist nicht der Einzige, dem es so geht. Die Geschichten sind verschieden, doch viele junge Leute – mehr, als es die Arbeitslosenstatistik zeigt – haben enorme Schwierigkeiten, eine Stelle oder einen Ausbildungsplatz zu finden.

Im Wahlkampf waren sie kein Thema. Da wurde über den Mindestlohn diskutiert und über Werkverträge, aber nicht über Jugendliche mit Problemen, Arbeit zu bekommen. Die gibt es in Spanien, Portugal oder Griechenland – aber in Deutschland? Hier, so scheint es, geht es der Jugend gut. Die Jugendarbeitslosigkeit ist viel niedriger als in Südeuropa, und es steht keine ganze Generation auf der Straße – aber ein Teil der jungen Generation eben doch. Experten sprechen von bis zu einem Fünftel, von rund 1,8 Millionen Heranwachsenden im Alter von 15 bis 25 Jahren, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen. Weil sie keine Ausbildung haben, weil sie keine Arbeit finden oder nur schlecht bezahlte. Sie können kaum ihren Lebensunterhalt verdienen, zumindest nicht legal und nicht dauerhaft. Ihnen drohen Karrieren als Hilfsempfänger oder Kriminelle.

Für jeden Einzelnen ist das ein trauriges Schicksal, für die Gemeinschaft eine soziale und ökonomische Katastrophe. Eine alternde Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auch nur einen Teil ihrer Jugend aufzugeben. Deshalb wird sich die neue Bundesregierung mit diesen Abgehängten beschäftigen müssen. Sie wird einer Reihe einfacher Fragen nachgehen und sich dann wohl mit komplizierten Antworten auseinandersetzen müssen: Wer sind diese Abgehängten? Warum haben sie solche Schwierigkeiten? Was tun sie selbst – und was könnte der Staat tun, um ihnen zu helfen?

Zu den Abgehängten gehören Jugendliche, die ohne Abschluss von der Schule gehen, die das Arbeitsamt von Maßnahme zu Maßnahme schiebt. Es sind junge Männer, die sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, mit Schwarzarbeit oder kriminellen Geschäften. Und junge Mütter, die es sich mit ihren Kindern in Hartz IV einrichten. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Nur ein paar Anhaltspunkte gibt es: 320 000 unter 25-Jährige sind in Deutschland arbeitslos gemeldet. Dazu kommen jene, die in der Arbeitslosenstatistik nicht auftauchen, deren Perspektiven aber nicht viel besser sind: Eine halbe Million Heranwachsender haben die Arbeitsagenturen in allerlei Schulungen gesteckt, in Ein-Euro-Jobs und in Warteschleifen zwischen Schule und Lehre. Sie gelten nicht als arbeitslos, obwohl sie keine reguläre Arbeit haben. Auch diejenigen, die schwarzarbeiten, erscheinen nicht in der Statistik. Genauso wenig wie viele junge Mütter ohne Berufsperspektive.

Auch Kevin Bunk bekam mal vom Amt einen Ein-Euro-Job, und mal verbrachte er ein paar Monate in einer sogenannten berufsvorbereitenden Maßnahme. Immerhin scheint es für ihn nach seiner langen vergeblichen Arbeitssuche Hoffnung zu geben: Mithilfe der Neuen Arbeit, einem kirchlichen Sozialunternehmen in Stuttgart, hat er inzwischen eine Malerlehre begonnen. Die Neue Arbeit bietet Ausbildungen und Beschäftigung für diejenigen an, die auf dem regulären Arbeitsmarkt scheitern. Bei ihr kümmern sich Sozialpädagogen um die Jugendlichen, und Nachhilfelehrer unterstützen sie beim Berufsschulunterricht. Bezahlt wird Kevins Ausbildung von der Arbeitsagentur. Noch. Es ist ungewiss, ob das so bleibt, weil solche Programme teuer sind und zu jenen Haushaltsposten gehören, an denen die schwarz-gelbe Koalition in den vergangenen Jahren ansetzte, wenn es galt, Geld zu sparen.

Leute wie Kevin haben nichts davon, dass die Wirtschaft gerade wieder wächst und vielerorts Fachkräfte fehlen. "Diese Jugendlichen wollen die Firmen nicht haben, seit Jahren nicht", sagt Heike Solga, Direktorin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. "Das ist ein Riesenproblem für die Gesellschaft." Dieses Problem wird sich nicht von selbst lösen, auch wenn sich die Lage am Arbeitsmarkt weiter verbessert. Das liegt an einem Trend, den Raimund Becker, der diesen Markt als Vorstand der Bundesagentur für Arbeit so gut kennt wie kaum ein anderer, seit Langem beobachtet. Er sagt: "Es gibt immer weniger Arbeit für Geringqualifizierte. Einfache Jobs werden wegrationalisiert oder verlagert."