"Caruso, was machst du denn mit deinen Flügeln?" Die Frau in Hellblau versucht, Autorität auszustrahlen. Doch das ist schwierig, wenn man ein Paar Schmetterlingsflügel aus Pappe auf dem Rücken trägt. Dasselbe Modell in klein ist am Halsband ihres Dackels befestigt. Caruso will aber gar kein Schmetterling sein. Schwanzwedelnd windet er sich hin und her und wirft das Pappkonstrukt immer wieder herunter.

Schließlich kramt sie schimpfend eine Hundehäufchentüte hervor und knotet daraus eine Zusatzbefestigung. Ein anderes Kaliber ist der Langhaardackel Chuck Norris. Er trägt seine abgewetzte Jeanskutte mit den abgeschnittenen Ärmeln und darüber eine speckige schwarze Lederweste scheinbar ungerührt. An seiner linken Lende baumelt ein Miniaturrevolver. Sein Besitzer ist ein vierschrötiger Mann mit stahlblauen Augen und tiefen Furchen im Gesicht. "Das Kostüm hat mein Bruder aus Illinois geschickt", sagt er.

Kurz vor Mittag an diesem Septembersonntag haben sich am Krakauer Barbakan bereits Heerscharen von Dackeln mit ihren Besitzern eingefunden, direkt vor dem trutzigen Floriantor, das die Innenstadt begrenzt. Es herrscht ein infernalischer Lärm. Die Blaskapelle übt ihren Marsch. Hunde kläffen und quietschen, fiepen und bellen, in Hunderten Stimmlagen hallt es von den mittelalterlichen Wehrmauern wider.

Jedes Jahr im September findet in der Krakauer Innenstadt die Dackelparade statt, ein Umzug von einem knappen Kilometer Länge, an dem Tausende Hundebesitzer mit ihren kostümierten Dackeln teilnehmen. Eine Art Love Parade für Dachshunde. Seit 1996 richtet ein lokaler Radiosender das Familienvergnügen aus. Doch die Geschichte des marsz jamników, wie die Dackelparade auf Polnisch heißt, reicht zurück in die kommunistische Vergangenheit des Landes. Im Jahr 1973 sollen die ersten kostümierten Dackel durch Krakau marschiert sein, eine subversive Aktion, um die 1.-Mai-Umzüge der Kommunisten zu parodieren. Intellektuelle und Künstler sollen damals das Spektakel inszeniert haben. Doch überprüfbare Informationen verbergen sich im Dickicht der Geschichte wie die Hundemarke in einem Langhaardackelfell.

Um Punkt 12 Uhr, als vom Turm der Marienkirche das stündliche Trompetensignal Hejnal durch die Altstadt schallt, legt die Kapelle am Floriantor los. In Richtung Florianska setzt sich die Parade in Bewegung. Massen von Menschen in Freizeitkleidung säumen die herausgeputzte Prachtstraße mit ihren Souvenirläden und Restaurants in historischen Lokalen, schlecken Eis und fotografieren. Zum ersten Mal wurde in diesem Jahr kein Verkleidungsmotto für die Dackel ausgegeben. Statt des originellsten Kostüms wird der längste Hund prämiert. Dennoch sind viele Tiere aufwendig ausstaffiert. Es gibt Dackelfeen und Hulatänzerinnen, Rotkäppchen und einen Hund mit historischem Grubenarbeiterhut.

Für das größte Aufsehen sorgt allerdings Fruzia. Die sechsjährige Dackeldame bewegt sich mithilfe eines Rollstuhls. Seit sie mit 18 Monaten von einem Auto angefahren wurde, sind ihre Hinterbeine gelähmt. Munter wackelt sie hinter der Kapelle und dem einzigen Transparent dieser Parade her. Es wirbt für den Veranstalter. "Fruzia ist schon zum fünften Mal dabei", sagt ihre Besitzerin, die 26-jährige Dorota. Sie nimmt immer wieder heimatlose Dackel bei sich auf und päppelt sie gesund. "Dackel", sagt Dorota, "sind eine Sucht." Und von manchen kann sie sich dann nicht mehr trennen. Darum gehören neben Fruzia noch die zarte Milka und das wilde Rauhaar Draca zur Familie. Wie Strahlen laufen die drei Leinen in der Hand von Dorotas Mann Grzegorz zusammen. Die Geschichte der Parade kennen die beiden nicht. "Nur unsere: Wir haben uns vor zehn Jahren hier kennengelernt."

Reporter der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza, die seit Jahren nach den Wurzeln des Krakauer Happenings forschen, haben immerhin herausgefunden, dass die erste Dackelparade nach der Wende bereits 1990 stattfand. Damals veranstaltete die Stadt zum 60. Geburtstag des polnischen Dramatikers und Karikaturisten Slawomir Mrozek ein zweiwöchiges Festival. Mrozek, eigens angereist aus dem mexikanischen Exil, wurde damals nicht nur zum Ehrenbürger ernannt, er soll auch eine Parade von 101 Dackeln angeführt haben. Doch auf wessen Initiative? Und warum? Das kann niemand mehr so genau sagen. Fest steht nur, dass Mrozek ein großer Dackelliebhaber war. Und dass er seit den fünfziger Jahren unter anderem für Polens einzige oppositionelle Zeitschrift Przekrój zeichnete, in der irgendwann auch eine Satireserie mit dem Titel "101 Nutzen für einen Dackel" erschienen sein soll. In der Florianskastraße, wo die Parade stattfindet, war Mrozek 1949 in der Wohnung eines Freundes erstmals mit der Krakauer Künstlerszene in Kontakt gekommen. Das steht in seiner Autobiografie. Vor wenigen Wochen starb Mrozek im Alter von 83 Jahren in Nizza.

In diesem Jahr führt Karol Surówka die Parade an. Mit einem Megafon – im polnischen Volksmund passenderweise szczekaczka, Bellanlage, genannt – schreitet der junge Radiojournalist voran und erklärt die Spielregeln für den Längenwettbewerb. Freiwillige Helfer gehen durch die Menge und verteilen Teilnahmezettel an Hundebesitzer, deren Tiere ihnen besonders lang vorkommen. Nach einer knappen Stunde hat die Parade den Rathausturm erreicht. Auf einer Bühne beginnt nun die Wahl des Siegerdackels.

Nacheinander werden die 13 qualifizierten Hunde vor ein Metermaß gehoben. Mit munteren Kalauern kommentieren Surówka und seine Kollegen die Vermessung. Die Besitzer von Rambo sind den ganzen Weg aus Norwegen angereist – "Ziehen wir den Hund also lang wie einen Fjord". Das Frauchen von Muniek versucht zu schummeln, indem sie das Schwänzchen des Tieres streckt, um zusätzliche Zentimeter zu schinden. "Aber was zählt, ist nur der Po." Über Mrozek, dessen Asche wenige Tage nach der Parade im Nationalpantheon in Krakau bestattet werden wird, verlieren sie kein Wort.

Surówka gehört zur jungen Generation polnischer Journalisten, die den Alltag in der Diktatur nicht mehr aus eigener Erfahrung kennen. Die historischen Hintergründe der Dackelparade sind für ihn nachrangig. "Wir wollen den Leuten Unterhaltung bieten, keine Geschichtslektion", sagt Surówka. Das Publikum ist damit zufrieden. Als der Spaß nach zwei Stunden zu Ende ist, verschwinden Menschen und Dackel in den Seitenstraßen und genießen das restliche Wochenende. Chuck Norris hat es diesmal nicht bis ins Finale geschafft, und auch Caruso mit seinen Schmetterlingsflügeln war zu kurz. Gewonnen hat die 82,5 Zentimeter lange rothaarige Langhaardackelin Nadim. Zur Siegerehrung ließen ihre Besitzer sie in einem weißen Babybody über die Bühne wackeln, auf dem Kopf ein Heiligenschein aus Draht mit weißen Marabufedern. Die Zeiten in Polen haben sich geändert. Aber Engel gehen immer.

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