Hinter Kassel beginnt die Walachei. Machen Sie sich unbeliebt, dann werden Sie ernst genommen. Es gibt Dinge, über die spreche ich nicht einmal mit mir selber. Die zehn Gebote sind deshalb so eindeutig, weil sie nicht auf einer Konferenz beschlossen wurden. Die einen kennen mich. Die anderen können mich.

Das waren jetzt alles Sprüche von Konrad Adenauer, dem ersten Bundeskanzler. Es ist unglaublich, wie offen und angstfrei die Menschen sich damals geäußert haben.

Jeder Satz ein Shitstorm. Ich liebe das.

Vor der Wahl war ich Gast einer literarischen Veranstaltung und hörte eine Rede. In dieser Rede, die recht kurz war, wurde 23 Mal das Wort "sozusagen" verwendet. In dem Fernsehduell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück habe ich ebenfalls gezählt, sieben Mal "sozusagen" bei Merkel, null Mal "sozusagen" bei Steinbrück, Respekt. Merkel äußerte, zur Lage in Griechenland, sozusagen Bedauern, forderte den amerikanischen Geheimdienst auf, Informationen sozusagen herauszurücken, und erwähnte, dass Deutschland bei etwas sehr Schönem, das ich leider schon wieder vergessen habe, sozusagen die höchste Steigerungsrate besitzt.

Das Wort "irgendwie", welches sich im deutschen Sprachraum lange Zeit großer Beliebtheit erfreute, ist irgendwie auf dem Rückzug. Sozusagen ist das neue Irgendwie. Beide Wörter sind, was den Sinn eines Satzes betrifft, in der Regel überflüssig, sie dienen der Distanzierung der sprechenden Person von dem, was sie gerade sagt. Sozusagen zu sagen heißt: Ich sage jetzt was, aber es ist vielleicht nicht ganz richtig, ich meine es nicht ganz so, ihr dürft mich um Gottes willen nicht darauf festlegen. Ich sage etwas, weil in gewissen Situationen des Lebens Schweigen unmöglich wäre, zum Beispiel in einer Rede oder in einer Fernsehdiskussion. Eine wortlose Rede ist ein Ding der Unmöglichkeit, aber es mögen doch, bitte sehr, die Zuhörer keinesfalls auf den Gedanken kommen, dass ich das, was ich sage, tatsächlich sage, ich sage es nur sozusagen. Der Sozusagensagende verwendet deshalb meistens auch gerne das ungefährliche Wörtlein "man", wo das gefährliche Wort "ich" angebracht wäre. Man gönnt sich ja sonst nichts.

In Ostdeutschland hat man nach der Wende oft die entschuldigende Formulierung "sag ich jetzt einfach mal" gehört. In der DDR konnte ein offenes Wort riskant sein, insofern hatte diese Formulierung ihren Sinn. Inzwischen sind das ostdeutsche "sag ich jetzt einfach mal" und das westdeutsche "irgendwie" zum gesamtdeutschen "sozusagen" verschmolzen. Wobei ich nicht den Sprachpapst spielen möchte, das sollen andere machen. Eine Sprache ganz ohne sinnfreie Füllwörter, die Rhythmus geben, wäre auch irgendwie langweilig, das wäre sozusagen eine Plattenbausprache. Ein bisschen Stuck, eine Säule, hin und wieder ein Sozusagen oder ein Erker, warum nicht.

Das Sozusagen hat sich aber zu einer Volkskrankheit entwickelt. Sozusagen ist die sprachliche Hongkong-Grippe der Ära Merkel. Von Helmut Kohl bleiben "Bimbes", "absurd" und "geradezu abwegig", von Gerhard Schröder bleibt "Gedöns". Von Angela Merkel wird "sozusagen" bleiben. Was ich mir aber für die Zukunft erhoffe, ist ein wenig mehr Abwechslung in der freien Rede, ein bisschen mehr Farbe, mehr Adenauer, ja? Etwa so: Die, falls Sie, meine Damen und Herren, mir den Ausdruck gestatten, die einen, und Sie verstehen mich da hoffentlich richtig, kennen einen gewissermaßen, die sozusagen anderen aber kann man irgendwie gleichsam, und zwar hinter Kassel.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio