Wenn man, zwischen den Straßencafés und den Plastikbahnen, die wie postmoderne Gesichtsschleier vom Dach des Hauses wallen, den Eingang zum Studio Anne Valérie Hash gefunden hat, steht man vor einer Holztür. Nichts bereitet vor auf das, was kommt: Marmortreppen unter majestätischen Bogengängen, die einem riesigen Saal zustreben, den keiner ohne Aufschrei betritt – Säulen, in arabesken Märchenmustern geschnitzt, Goldmosaike, die Spiegel rahmen. Das Maison Anne Valérie Hash mag eines der kleinsten Modehäuser von Paris sein, aber opulenter könnte es sich nicht eingerichtet haben als hier, in diesem alten Prachtbau am Boulevard Bonne Nouvelle.

Der Designerin Anne Valérie Hash wurde 2008 Einlass in den exklusiven Kreis der Haute Couture gewährt, sie ist eine, deren Flugbahn mit Erstaunen zu betrachten ist. Kaum eine Saison natürlich, in der sich dieser Ruhm nicht bewähren müsste, in der vergangenen Woche wieder, als Paris die Prêt-à-porter-Mode zeigte und Anne Valérie Hash ihre neue Kollektion. 20 Kreationen. Hosenanzüge, Ballroben, Blusen, man wird sehen, ob mit Erfolg – oder einer ungewissen Zukunft des Hauses zu rechnen ist.

Anne Valérie Hash ist eine Schönheit von dunkler Üppigkeit. Sehr klein. Wenn sie ihre Kleider von den Ständern nimmt und zeigt, muss sie den Arm mit dem Bügel weit nach oben recken. Ein Abendkleid. Seide, das Oberteil besteht aus Spitzensplittern, wenn es getragen wird, wird es aussehen, als könnten die Splitter in die nackte Haut fahren. "Slash" ist das Motto der neuen Kollektion. Ein kurzes Kleid, in seiner Hülle finden sich Partien, die aussehen, als seien Keile aus noppigem Silikon in den Krepp hineingetrieben – reflektierender Kunststoff. Auf einem geblitzten Foto würde es aussehen, als wären die reflektierenden Segmente des Kleides verschwunden, als entblöße das Kleid die Trägerin.

Die Designerin Anne Valérie Hash © Pierre Verdy/AFP/Getty Images

Edgy – schroff, kantig – so beschreibt Hash ihre Mode. Dabei klingt es so trügerisch sanft, wenn sie erzählt, wie alles anfing, sie sagt: "Ich nahm ein paar Hosen und machte daraus ein Kleid." Herrenmode, verwandelt in Frauenkleider, als spielerisches Crossdressing. Wenn man sie fragt, wie sie den Mut dazu fand, führt sie in die Vergangenheit. Sie ist die Tochter jüdischer Eltern. Die Mutter eine Yves-Saint-Laurent-Dame, elegant, eine, die Handtaschen in die staubfreie Obhut kleiner Säckchen gibt. Der Vater – einer, der seine bunten Pullöverchen liebt, in Pink, in Grün. Eines Tages steht sein Koffer in der Diele. Anne Valérie, 13, glaubt kein Wort, dass er nur auf eine Reise gehe, kaum ist er weg, fliegt sie zu seinem Schrank – ahh, alles noch da! Es wird Jahre dauern, bis die Tochter die zurückgelassenen Hosen des Vaters requiriert – und daraus ein Signature-Dress macht.

Das erste Hosenkleid – 2001. Der lose drapierte Bund gibt den Blick auf die Brüste frei. Man sieht einen sauber gearbeiteten Hosenabschluss und eine Spitzenkante, inmitten dieses männlichen Kleidungsstücks ein Aufblitzen von weiblichem Dessous. Das Futter: Streifen, vom Herrenschneider.

So etwas verkauft sich natürlich nicht wirklich. Es gibt, sagt Anne Valérie Hash, auf der ganzen Welt vielleicht gerade mal 100 Frauen, die Haute Couture tragen. "Okay, sagen wir: 500." Chanel, spottet sie, würde natürlich 10.000 sagen. Ach, eigentlich mag sie diese exklusive Modewelt nicht.

Es gab, nach dem Studium auf der École de la Chambre de la Couture Parisienne, mehrere Versuche, der Modewelt zu entkommen. Ein Jahr Studium der Psychologie. Vier Jahre lang führt sie eine Wolford-Filiale: etwas Vernünftiges machen. Dann, eines Tages, sitzt sie doch in ihrem eigenen Ladenlokal. Im schönen Marais, 60 Quadratmeter. Auf geht’s.

"Das war dann die Zeit von Nichtschlafen", sagt sie mit ihrem Witz. Als die Miete bezahlt war, war das Geld für Stoff fast weg. Aber im Nachhinein scheint es so, als hätte es einfach nicht geklappt, das Nichtmodemachen.

Eine Freundin will von ihr ein Hochzeitskleid haben, und schon wollen deren Freundinnen ein Hochzeitskleid haben. Sie entwirft endlich ein Kleid, das ihren Gefühlen zum Stand der Ehe Ausdruck gibt – es heißt "Merveille", was "Wunder" heißt, aber auch verstanden werden kann im Sinne von "Mère, Mutter, behüte mich", das Kleid trägt auf der Brust ein Bild ihrer Mutter und im zurückfallenden Schleier Fotos ihrer Familie, 100 Bilder, auf Organza gedruckt.

Das Kleid gehört heute dem Jüdischen Museum Paris, das darin eine Imago der jüdischen Mutter-Tochter-Beziehung sah. Andere Kleider werden im Londoner Victoria and Albert Museum ausgestellt, in Stockholms Museum der Moderne. Verkaufen geht anders. Sie bittet ihre Mutter, einen Kredit abzusichern mit der Wohnung, in der sie lebt. Dann, 2006, steigt ein Investor ein. Hash zieht in die wundervollen Räume am Boulevard Bonne Nouvelle. Sie heiratet. Und lernt ein Spiel: mit gewagten Kollektionen das Label zu pflegen – und die Leute zum Kaufen zu verführen, mit weniger gewagten, leichten Modellen. Hat sie je verstanden, warum Leute überhaupt Mode kaufen?

Großes Lachen. Sie ist ja selber ein Fashion Junkie. Einmal, erzählt Hash, habe sie ein Kleid von Yamamoto gekauft. Sie war hochschwanger, sie konnte es nicht mal anprobieren. Es war sowieso zu klein für sie. Also warum? "Es ist ein Kunstwerk, ich wollte es haben, nur um es anzuschauen."

Diese Woche: Paris, 20 Kleider. Versuche von AVH, die Fashion Addicts anzuspitzen.