Kleists Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege berichtet von der Kühnheit eines preußischen Reiters, und sie endet mit dem Ausruf: "So einen Kerl habe ich zeit meines Lebens nicht gesehen!" Marcel Reich-Ranicki war weder Preuße noch Reiter, und doch gilt der Satz auch für ihn, denn erstens war ihm kein Klassikerzitat fremd, erst recht nicht von Kleist, und zweitens war er ein Kerl, wie ihn dieses Land noch nicht gesehen hat und vermutlich nie wieder sehen wird. Er machte Karriere in einem Beruf, von dem ein größeres Publikum zuvor gar nicht gewusst hatte, dass es ihn gab. Er wurde Deutschlands mächtigster, bekanntester Literaturkritiker. Präsidenten empfingen ihn, Kanzler hielten Lobreden auf ihn.

Seine Kenntnis literarischer Fakten, seien es Autor, Werk oder Jahreszahl, Wortlaut eines Zitats oder Auftritt einer dramatischen Person, war schlechthin einmalig, und er liebte es, sein unwissendes Gegenüber selbst dann noch mit dem Satz zu verblüffen, als die alten Tankstellen allmählich verschwanden: "Das weiß doch jeder Tankwart!" Auf dem Höhepunkt seiner Popularität war es tatsächlich so, dass ihn "jeder Tankwart" kannte und dass Boulevardmedien, ob Bild oder Bunte, ihn befragten und zitierten. Auch mit seinen literaturkritischen Büchern, seinen Anthologien und schließlich mit seinem Literaturkanon hat er Auflagen erreicht, die vordem undenkbar schienen.

Als Reich-Ranicki 1958 von Polen in die Bundesrepublik übersiedelte und zunächst für die FAZ und die Welt, dann (von 1963 an) für die ZEIT regelmäßig Rezensionen schrieb, veränderte er die Literaturkritik des Landes allmählich aufs Gründlichste. Bisher bestand sie, von Ausnahmen abgesehen, aus einem Gespräch unter Kennern, sie richtete sich an literarisch interessierte und informierte Leser, nicht selten an die Verleger und die Lektoren, an die Kollegen und die Autoren.

Reich-Ranicki hingegen hatte nur ein einziges Ziel: dass seine Texte von vielen, nach Möglichkeit von allen gelesen würden. In einem buchfüllenden Gespräch mit dem Germanisten Peter von Matt hat er gesagt, jeder Kritiker müsse daran denken, "dass der Leser absolut nichts über das Buch, das der Kritiker bespricht, wissen will. Aber die Kritik sollte so geschrieben sein, dass er sie zu lesen beginnt und auch tatsächlich weiterliest."

Dieser Devise ist MRR, so sein Kürzel, mit äußerster Konsequenz gefolgt, und ich erinnere mich daran, dass er, als wir 1973 bis 1980 in der Literaturredaktion der FAZ zusammenarbeiteten, eingegangene Manuskripte laut vorzulesen pflegte. Allein aus dieser Rezitation ergab sich schon, ob der Text Rhythmus und Melodie hatte, ob die Sätze eingängig und plausibel waren. Mit seinen eigenen Texten pflegte er es ebenso zu halten und sie so lange zu bearbeiten, bis alle Umständlichkeiten, Undeutlichkeiten beseitigt waren. Seine Kritiken gewannen dadurch eine rhetorische Dynamik, die allzu Subtiles nicht vertrug. Ironische Anspielungen, verdeckte Hinweise an die Adresse des Connaisseurs vermied er unbedingt, und Ambivalenzen, die den Kritiker oftmals plagen, versuchte er in die Klarheit eines Urteils münden zu lassen. Es war, als hätte er, der Agnostiker, sich einem einzigen Satz jedenfalls aus dem Neuen Testament verpflichtet: "Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel."

So gelangte er in den Ruf des Scharfrichters. Er wurde berühmt für seine Verrisse, unter anderem für dieses Verdikt: "Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman", schrieb er 1976 über Martin Walsers Jenseits der Liebe, "es lohnt sich nicht, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen." Zwei Jahre später feierte er Walsers Novelle Ein fliehendes Pferd als Meisterwerk. Apodiktische Urteile fällte er gerne, um der Entschiedenheit und Wirksamkeit willen. Wirksam wollte er sein. Er suchte und eroberte die Feuilletons mit großer Verbreitung, und als ihm Joachim Fest, der 1973 Herausgeber der FAZ wurde, die Leitung des Literaturressorts übertrug, bekam er ein Instrument in die Hand, das er mit Inbrunst spielte und zum Klingen brachte. Es gelang ihm, die Literaturkritik in der FAZ zur wirkungsvollsten Instanz des Landes zu machen, und unermüdlich ergänzte er die herkömmliche Rezension um andere Darstellungsformen: die Umfrage unter Schriftstellern, die Revision von Klassikern, die Interpretation von Gedichten. Seine Frankfurter Anthologie, 1974 begonnen, war und ist ein Geniestreich. Bis heute sind dort annähernd 2000 Gedichte vorgestellt und interpretiert worden.

Dass Eitelkeit dem Kritiker nicht fremd sei, hat Reich-Ranicki immer zugegeben, und so waren seine öffentlichen Auftritte und Interventionen auch von dem Wunsch beseelt, die eigene Sichtbarkeit und damit Wirkungsmöglichkeit zu vergrößern. Den Klagenfurter Literaturwettbewerb, den er 1977 miterfunden und zehn Jahre geleitet hat, machte er zum literaturkritischen Spektakel, über das keiner hinweggehen konnte. Und schließlich schaffte er, was niemand für möglich gehalten hätte: Literatur ins Fernsehen zu bringen. Vierzehn Jahre lang, von 1988 bis 2002, leitete, befeuerte er das Literarische Quartett im ZDF. Die Sendungen, die nicht selten zum Eklat wurden, lieferten Gesprächsstoff für die ganze Fernsehnation. Nie wieder nach ihm ist es gelungen, derlei auch nur annähernd zu wiederholen.

Bei alldem aber konnte MRR immer darauf verweisen, dass sein Engagement nicht allein ihm selber nutze, sondern der Sache, der er sich von Jugend an verschrieben hatte: der Literatur. Und in der Tat hat er schriftstellerische Erfolge befördert wie keiner vor ihm. Dass er sie gelegentlich auch verhindert hat, versteht sich von selbst. Seine literaturkritische Liberalität, das ist oft kritisiert worden, hatte ihre deutlichen Grenzen. Auf Peter von Matts Frage, welche Aufgabe er der Literatur vor allem zuweise, eine philosophische ("die Wahrheit"), eine pädagogische ("das richtige Leben") oder eine epikuräische ("das Vergnügen, die Lust"), hat er entschieden geantwortet: das Lesevergnügen.

Eine Literatur, welche die Grenzen der Sprache und des Denkens erweitert, vielleicht gar ins Dunkle hinein überschreitet, erachtete er nur dann für gut, wenn sie zugleich unterhaltsam wäre. Von Robert Musil hielt er nicht viel, von Botho Strauß sehr wenig und von Peter Handke gar nichts. Angenommen, Reich-Ranicki hätte über Stifters Nachsommer, über Melvilles Moby Dick oder über den Ulysses von Joyce als Erster geschrieben, es wäre wohl eher zu Verrissen gekommen. Sein Sinn für das Experimentelle, das Rätselhafte und Innovative war nicht übermäßig ausgeprägt.