Einsam kniet sie da, fragil, verunsichert, der Mann hat leichtes Spiel. Was ihr denn fehle. Da, der Brief, ihr Verlobter hat geschrieben, sie reicht ihm das Blatt, und von da ist es nicht mehr weit zur Entladung der Spannung, die im Orchester knistert, in kleinen Akzenten, im Funkenflug zwischen Intervallsprüngen und flüsterndem Flageolett. Marie will nur spielen, necken, kindlich fast, und der Mann spielt mit ihr, aber anders, zynisch und geil. Zugleich sehen und hören wir hinten den tapsigen Verlobten, der nun gleich gehörnt wird, und seine Mutter und auf der anderen Seite die Großmutter des Mädchens, die singt eine Moritat. Derweil hat sich durch Zwölftonzacken etwas schier Unfassbares genähert.

Während hier der Rock hochrutscht und mit ihm die Hand, dort ein Sohn nicht von der Mutter loskommt, da eine moribunde Alte das Gestell mit dem Tropf schiebt, inmitten atonaler Umgebung, verdichten sich Bläsertöne zum Bachchoral: "Ich bin’s, ich sollte büßen." Völlig irre. Im Licht dieser alten Harmonien, die sich bald wieder wegdrehen ins Universum, ist nichts gemildert. Wir sehen nur deutlicher, wie diese Menschen in ihren Situationen gefangen sind. Wir sehen es mitleidender. Wir hören die Verzweiflung im Sex und die Einsamkeit der Alten, wir blicken auf die Menschenwelt und erblicken sie für Momente ganz, und es gibt wohl nur eine Oper, in der das so möglich ist, nämlich Zimmermanns Soldaten.

Natürlich kann man das Werk, mit dem Bernd Alois Zimmermann berühmt wurde, auch ganz anders inszenieren. Die Alte mit dem Tropf, die fragile Marie, der ödipale Verlobte, das sind Probeneindrücke aus der jüngsten Inszenierung von Calixto Bieito. Sie hatte jetzt am Zürcher Opernhaus Premiere und wandert von dort weiter an die Komische Oper Berlin. Ebenfalls in dieser Spielzeit entsteht an der Bayerischen Staatsoper eine Produktion mit dem Dirigenten Kirill Petrenko und dem Regisseur Andreas Kriegenburg. Drei Häuser also spielen in einer Saison Die Soldaten. Das gab es seit der Uraufführung 1965 noch nie, kein Wunder: Es ist eines der aufwendigsten und komplexesten Einzelwerke der Operngeschichte.

"Das mit Abstand Schwerste, was ich bisher in den Fingern hatte", bekennt Marc Albrecht, der die Zürcher Produktion dirigiert und sich durch die Opern Alban Bergs und Arnold Schönbergs immerhin "mit ein paar Wassern gewaschen" fühlt. Wer sich als Besucher ins Wildwasser der Proben stürzt, erlebt einiges von den Herausforderungen, denen sich in einem halben Jahrhundert 17 Teams und noch mehr Häuser gestellt haben, alle großen deutschen Bühnen, einige kleinere, dazu Basel, Wien, Salzburg, London, Paris, New York. Das ist viel. Ein Repertoire-Renner kann ein Werk mit 256 Instrumenten und 17 Solisten schon aus logistischen Gründen nicht werden.

Von den "2597 Taktwechseln" mal ganz abgesehen. So viele sind es gefühlt für Marc Albrecht. Er hat durchaus Verständnis für die Kölner Oper, die das Werk bestellt hatte, es dann aber als "unaufführbar" ablehnte. Erst als Zimmermann seine übereinandergelagerten Zeitschichten mit neuen Taktstrichen etwas spielbarer gemacht hatte und mit Michael Gielen ein unerschrockener (weil selbst komponierender) Dirigent gefunden war, der die skeptischen Musiker in – alles mitgezählt – 565 Proben fit machte, konnte "ein ernst zu nehmender, weit über die meisten heutigen Versuche hinausgehender Beitrag zur Musikbühne" (Die Welt) vors Publikum kommen. Und neben Buhs sogar Bravos ernten.

Die Geschichte ist einfach: Mädchen aus solidem Bürgerhaus wird von intrigantem Baron verführt, fallen gelassen und im Soldatenmilieu nach unten weitergereicht, bis sie Hure ist. "Da haben wir’s. Mit euch verfluchten Arschgesichtern!" So drastisch schrieb 1775 keiner wie Jakob Michael Reinhold Lenz, dessen Soldaten vor allem formal Zukunftsmusik waren: Er entwarf filmschnittartig rasante Szenenwechsel und sprengte die Einheit von Zeit und Ort. Und er beeindruckte Georg Büchner, der im Woyzeck Lenzsche Techniken aufgreift und den Namen Marie. Daraus wiederum machte Alban Berg seine Oper Wozzeck, an die Zimmermann deutlich anknüpft.

Für Zimmermann war das Stück von Lenz ein Großfund. 1918 geboren, hatte er in der Wehrmacht aktiv am Krieg teilgenommen, an West- wie Ostfront. Umso interessanter sein Hinweis, das, was ihn an den Soldaten interessiere, sei, "wie alle Personen unentrinnbar in eine Zwangssituation geraten, unschuldig mehr als schuldig ..." Die eigene Erfahrung des Grauens komponierte er nun in einen Text hinein, der weniger den Krieg als den "Soldatenstand" beschreibt, durchaus aber die (Selbst-)Zerstörungskraft der Menschen. "Zeit: gestern, heute und morgen", steht vorn in der Partitur, sie endet mit der "Wolke des Atompilzes". Und sie potenziert alles, was Alban Berg vier Jahrzehnte zuvor komponierte.