Es ist etwas passiert. Es hat sich etwas verändert. Sie hat sich verändert. Wer der österreichischen Mezzosopranistin Elisabeth Kulman vor zwei oder drei Jahren begegnet ist, als sie gerade mit einer starken, eigenwillig arrangierten, sozusagen den Nestroy im Jahrhundertwendeweltschmerz ahndenden Interpretation von Mahler-Liedern für Aufsehen sorgte, der erlebte eine lebenskräftige, schwarzmähnige Person mit Paprika im Blut (sie stammt aus dem Burgenland, da sind Ungarn und Kroatien nicht weit). Eine, auf die das Etikett von der "Diva ohne Starallüren" zutraf, ohne dümmlich zu wirken oder gelogen zu sein. Weil sie sich etwas traute, stimmlich, künstlerisch; weil sie einem das Gefühl gab, dass ihr vieles wurscht war: das Sängergeschäft mit seinen hässlichen Gepflogenheiten, der Opernbetrieb in seiner Eitelkeit, das ganze Talmi-Getue, von dem behauptet wird, es gehöre dazu (als seien ausgerechnet auf der Opernbühne keine Knochenarbeiten zu verrichten, sondern Erbsen zu zählen). Glaubhaft wurscht.

Jetzt sitzt Elisabeth Kulman in einer Salzburger Galerie und sieht aus, als fröstele sie. Sommer 2013, draußen hat es 38, 39 Grad im Schatten, und wer irgend kann, flieht aus der Stadt. Kulman kann das nicht, schon morgen steht sie wieder als Mrs. Quickly in der Neuproduktion von Verdis Falstaff auf der Bühne des Kleinen Festspielhauses, und außerdem hat sie eine Mission. Schmal ist sie geworden, wirkt fast alabastern, die Haare kürzer, das Gesicht heftig geschminkt. Ist das der Preis für die große Karriere, dass einem irgendwo zwischen Salzburg, Tokio und Valencia alles Bodenständige, Patente abhandenzukommen scheint? Dass man gar nicht mehr anders kann, als sich auszusetzen, an der Rampe sowieso, aber auch vor immer mehr Kameras und Mikrofonen, auf Facebook, Twitter und der eigenen Homepage – und sich intuitiv doch immer stärker panzert gegen all solche Zudringlichkeiten? Sie sei gelernte Österreicherin, wird Kulman ein paar Minuten später sagen, selbstverständlich in einem anderen Zusammenhang, sie wisse, wie schnell man "die Hacke im Kreuz" habe. Deshalb sei sie auf der Hut.

Elisabeth Kulmans Mission ist rasch erzählt (und ohne Facebook, ohne den Schutz der Anonymität in einem Sozialen Netzwerk, schlicht nicht denkbar). Also: Im Frühjahr dieses Jahres ruft der Musicalproduzent und Lehrer Johannes Schatz aus Hagen eine Facebook-Seite ins Leben, die einen so kruden Namen trägt, dass man sie für einen Karnevalsscherz hätte halten können: "Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse". Audition meint Vorsingen und Vorspiele, also jene Situationen im Leben junger darstellender Künstler und Musiker, in denen man sich seit je triezen, quälen und demütigen lassen muss – nicht selten mit traumatischen Folgen für den Rest des Lebens. Die Seite fand einen irren Zuspruch, innerhalb kürzester Zeit tummelten sich Tausende in dem Forum, heute blickt man stolz auf fast 14.000 "Likes", und knapp 5.000 User beteiligen sich regelmäßig an den Debatten. Für eine Branche, die sozusagen vom Gegenteil lebt, von der Exklusivität des Live-Ereignisses, ist das beachtlich. Als habe sich ein Ventil geöffnet.

Qualität setzt sich durch? Der alte Spruch gilt nicht mehr

Die Geschichten, die hier erzählt werden – mehrheitlich anonym, wie gesagt –, mögen Profis und Insidern nicht neu sein. Neu ist, dass man sie mit einer breiten und offenbar ziemlich ahnungslosen Öffentlichkeit teilt; neu ist, dass der künstlerische Nachwuchs, der sich naturgemäß nichts sehnlicher wünscht, als sein Können zeigen zu können und dafür angemessen behandelt und bezahlt werden will, aus seinem Herzen plötzlich keine Mördergrube mehr macht. Geredet, von Angesicht zu Angesicht, wurde über diese Dinge selbstverständlich nie oder nur hinter vorgehaltener Hand, in der schwiemeligsten Ecke der Kantine, so wie man über Geld nicht spricht. Weil es sich nicht schickt und weil derjenige, der es trotzdem tut, Gefahr läuft, abgestraft zu werden, und zwar prompt. Die Kulmansche "Hacke", sie fährt den Jungen, noch Namenlosen sehr viel leichter, schneller und tiefer ins Kreuz.

Längst ist der Klassikmarkt – riesiges anderes Thema! – übersättigt: So viele Sänger, Tänzer, Regisseure, Bühnenbildner, Dirigenten und Orchestermusiker, wie derzeit ausgebildet werden, weltweit und auf höchstem Niveau, vor allem im asiatischen Raum, kann die unter Sparzwängen und Legitimationsproblemen ächzende deutschsprachige Theaterlandschaft, in die traditionell alles drängt, beim besten Willen nicht fassen. Die Konsequenz: kannibalistische Zustände. Ein wachsendes Bühnenprekariat. Und hinter jedem Neinsager warten mindestens 100 Jasager (die nicht schlechter sein müssen, es aber leider oft sind). Erfolg hat der Willige, der Fügsame, derjenige, der funktioniert. "Früher hieß es, Qualität setzt sich durch", sagt Elisabeth Kulman. "Dieser Spruch gilt definitiv nicht mehr." Und was wird dann aus Mozart-Verdi-Wagner? Was wird aus einer Gesellschaft, die die künstlerische und menschliche Arbeitsleistung nicht mehr zu schätzen weiß, jedenfalls nicht so, dass sich damit ein gewolltes und sozial halbwegs verträgliches Leben bestreiten lässt?

Geschichten also. Geschichten, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Über Vorsingen, die in letzter Sekunde abgesagt werden – per SMS und selbstverständlich nach erfolgter langer, kostspieliger Anreise; über Dumping-Gagen von 1.000 Euro monatlich an großen Häusern für die Kernpartien eines Fachs; über Engagements, die für zwei Proben und ein Konzert sagenhafte 75 Euro bringen; über ungeheizte Probebühnen, unmoralische Angebote, nicht eingehaltene Pausenzeiten und Altersarmut. Von den gesundheitlichen Risiken vor allem des Sängerstandes, von der zwischenmenschlichen Ausbeutung, die eine Ansammlung neurotischer Persönlichkeiten wie das Theater nun einmal mit sich bringt, von skrupellosen Agenten und Kartellabsprachen unter Veranstaltern ganz zu schweigen. Und immer gibt es jemanden, besonders in der freien Szene, der es für noch weniger Geld und zu noch miserableren Bedingungen macht. Wie auf dem Bau überall in Europa, wo die polnischen Schwarzarbeiter inzwischen durch bulgarische, ukrainische oder moldawische abgelöst wurden.

Den Aktivisten schlägt jede Menge Arroganz und Ignoranz entgegen

Ohne Elisabeth Kulman wären alle diese Stimmen längst wieder verhallt und verstummt. Aus der Anonymität allein lässt sich keine Revolution anzetteln. Ob es die geben wird, ob sich wirklich etwas ändert an der grassierenden Geringschätzung der Kulturschaffenden, ist nicht gewiss: Während sich die meisten Intendanten bedeckt halten und auf die geltenden Tarifverträge verweisen (wonach ein Anfänger im Festengagement zwischen 1.650 und 1.800 Euro brutto verdient), schlägt den Aktivisten vonseiten der Politik jede Menge Arroganz und Ignoranz entgegen. Ausnahmen wie Österreichs Kunstministerin Claudia Schmied, (SPÖ), oder Oliver Scheytt, der SPD-Mann für die Kultur-Kompetenz, bestätigen hier nur eine traurige Regel. In jedem Fall ist einiges in Bewegung geraten, seit Kulman sich mit den "Traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnissen" solidarisierte – namentlich, versteht sich, mit dem ganzen Gewicht ihrer Identität und ihres Renommees.

Die Mezzosopranistin rief ihrerseits zu einer "Revolution der Künstler" auf: teils weil sie sich durch Alexander Pereira provoziert fühlte, den Intendanten der Salzburger Festspiele, der fortan nur noch Abendgagen und keine Probengelder mehr bezahlen will (was dem Künstler ein hundertprozentiges Risiko aufbürdet), teils weil sie sich bei ihrem Gewissen gepackt fühlte. Und sicher hat sie, die sich als furchtlos bezeichnet, auch das alte Paprikapulver in ihrem Blut gespürt. Kunst und Kultur können Vorreiter sein, sagt Kulman, um das Gegeneinander in der Gesellschaft zu überwinden: "Mir geht es darum, eine Gesprächsbasis zu schaffen, Transparenz. Und zwar für alle und mit allen Beteiligten, den Intendanten, Dirigenten, den Politikern und Agenten, den betroffenen Künstlern. Es geht nur, wenn wir zusammenhalten." Auch Superstars wie Jonas Kaufmann und Edita Gruberova sind inzwischen dieser Meinung.

Und so ist aus einer mehr oder weniger spontanen Empörung auf Facebook der gemeinnützige Verein art but fair entstanden, der einen Corporate-Governance-Kodex entwickeln und ein Gütesiegel vergeben will. Fair hergestellte Kunst wie fair gehandelter Kaffee? Man könnte meinen, hier würde in der üblichen Hans-guck-in-die-Luft-Manier gejammert und gejault, auf hohem Niveau. Natürlich darf sich die Kunst der Zukunft nicht in Mindestlohndebatten und Artenschutzprogrammen erschöpfen. Nie zuvor aber war so klar, dass das Opernbusiness auf dem besten Wege ist, seine Kinder zu fressen.