"Oper für alle" war das Opern-Schlagwort im München der neunziger Jahre. Und das, mal ehrlich, war kein schlechter Einfall von mir als Nicht-Deutschem. Er nahm den politischen Geiern von rechts und von links, die mit fanatischem Eifer gegen die subventionierte Kultur geiferten und sie niederzumähen suchten, den Wind aus den Segeln. Für die Geier war Oper exklusiv und teuer. Die wachsende Popularität dieser Kunstform ignorierten sie. Mit Worten wie "künstlerische Integrität" und "Innovation" war das breite Spektrum der Parlamentarier nicht davon zu überzeugen, dass Ressourcen für Live-Vorstellungen ebenso unerlässlich für die Gesundheit einer Gesellschaft sind wie der Kindergarten in ihrem Wahlbezirk. "Zugänglichkeit" jedoch traf einen Nerv – und funktionierte. Eher die Ticketpreise als den Inhalt zu subventionieren und Firmen wie BMW als Unterstützer von Opernübertragungen auf den Plätzen vor den ach so abschreckenden Musentempeln vorzufinden – das wurde fester Bestandteil des europäischen Sommerrituals. Für viele war das attraktiver, als sich um ein teures Ticket zu bemühen und dann festlich verkleidet ins Theater zu gehen. Der Rausch von Musiktheater ohne unbequeme Förmlichkeiten, unter Sternen und als Teil des kollektiven Rituals, mit aller Gladiatorenspannung einer Arena, das war plötzlich eine seriöse Alternative und wurde zugleich zum verführerischen Lockmittel.

Auch jetzt, zwanzig Jahre später, halten sich die Marketingchefs wohlweislich an ihre treuen Fans, die von Oper nie genug kriegen können; zugleich jedoch suchen sie nach immer neuen Ködern, die weitere Neulinge in Scharen zum Opern-Crystal-Meth bringen – um gefragt zu bleiben und Forderungen nach fortgesetzter öffentlicher Unterstützung zu rechtfertigen. "Streaming" ist das neue Zauberwort. Es dringt in unser Zuhause ein, in unsere Laptops, Tablets, Phablets und Smartphones. Im September erreichte das älteste Filmfest der Welt auf diese Weise vom venezianischen Lido aus Filmliebhaber rund um den Globus: durch sein neues "Web Theatre" und das Live-Streaming von Filmen. Oper aber ist nicht Film. Oper wollen wir live erleben: weil Pannen zur Spannung dazugehören und weil die Alchemie, mit Tausenden gemeinsam im Theater zu sitzen, jene einzigartige und iterative Spannung erzeugt, in der die dramaturgische Katharsis eines Menschen dem einen möglicherweise Gift ist und dem anderen intellektuelles und emotionales Heroin.

Live-Oper ist wie Sex: Fantastisch, wenn es klappt – peinlich, wenn nicht

Opernsucht kann gefährlich sein; sie ist, wie jeder Wagnerianer bestätigen wird, höchst ansteckend – und zugleich potenziell lebensfördernd. Live-Oper, bei der jede Produktion und Vorstellung ein Prototyp ist (mit allen Variablen, dem ganzen Potenzial für Desaster, seinen Triumphen und Katastrophen, seinen Querelen und Kontroversen), ist riskant. Unvorhersehbar und abhängig von tausend Einzelheiten bis hin zur Gesundheit von ein paar Zentimeterchen Muskel, bekannt als Stimmbänder, reicht das Ergebnis, vom Gipfel leibgeistigen Hochgefühls bis in die frustrierenden Tiefen der Enttäuschung, aus denen Wut, Hass, Feindseligkeit und gelegentlich sogar Gewalt erwachsen. Sich Live-Oper auszusetzen ist nicht viel anders, als sich sexuellem Kontakt mit einer anderen Person auszusetzen: fantastisch, wenn es klappt; peinlich, ärgerlich und gesundheitsschädlich, wenn es nicht klappt oder, aus welchem Grund auch immer, einfach schiefgeht.

Opern-Streaming ist ein kühner Zug zur Verbreitung des Wortes (oder des Bazillus) unter den noch zu Bekehrenden (oder zu Infizierenden). Ich habe es selbst getestet. Funktioniert es? In gewisser Weise: ja. Wenn man über eine Breitband-Internetverbindung verfügt, außerdem anständige Hardware besitzt, bevorzugt ein Retina-Display und gute Zusatzlautsprecher oder Kopfhörer, dann kann es funktionieren – so wie Masturbation als Ersatz für oder Ergänzung zu Sex mit anderen funktionieren kann.

Die vorrangige Erinnerung an diese Erfahrung ist die eines künstlerischen Wichsens. Man erlebt einen bescheidenen Kick, aber ohne jedes Vorspiel: kein Aufbau, keine Vorfreude, kein vorfreudiges Beben der Sinne, keine flimmernde Furcht. Und man vermisst die Wallfahrt zum Theater und das Geplauder im Foyer, wenn man ohne Vorbereitung direkt in den ersten Ton der Ouvertüre oder, schlimmer noch, direkt in die Lieblingsarie geworfen wird. "Zack, danke, gnä’ Frau!" (oder "der Herr"): künstlerischer Orgasmus auf Mausklick. Das Allerschlimmste aber ist: Man hat keinen "Kontakt", erlebt keine Provokation durch andere Zuschauer, die einen trotz Körpergeruch oder penetranten Parfüms in gemeinsame Wonne oder Ernüchterung hineinziehen und zu Buh- oder Jubelrufen hinreißen – und hinterher auch keine Debatten, gemildert durch postkoitale Verlorenheit oder entzündet durch Empörung und Provokation.