1. Hat die CDU die Linke als ostdeutsche Volkspartei verdrängt?

Die CDU ist jedenfalls auf dem besten Weg dahin, die Linke zu verdrängen. Dort, wo bei der Bundestagswahl 2009 noch die Linke triumphierte, sicherte sich diesmal die CDU satteste Mehrheiten (siehe Karten). Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern gewann die CDU nach Erst- ebenso wie nach Zweitstimmen; und in Brandenburg gewann sie alle Wahlkreise bis auf einen einzigen. Das ist auch der Angela-Merkel-Effekt.

Die Linke dagegen, die doch immer so vor Kraft strotzte im Osten landete in Sachsen-Anhalt bei 25,4 Prozent, in Sachsen nur noch bei 20 Prozent. Und woher soll der Erfolg kommen? 2007 gehörten der Linken stolze 71 711 Mitglieder an, 2012 waren es bloß noch 63 761 – ein besonders rapider Verfall. In Sachsen hat die CDU inzwischen mehr Mitglieder. Die Linke vergreist, ihre Mitglieder sind älter als die jeder anderen Partei. Vielleicht braucht der erstarkende Osten, dem es wirtschaftlich immer besser geht, der inzwischen mit vielen Stimmen spricht, die Linke nicht mehr als beherrschende Stimme.

Ein Hoffnungsschimmer für die Partei: Sollte Angela Merkel doch mit einer Großen Koalition regieren müssen, wäre Gregor Gysi, der Filou, plötzlich Oppositionsführer im Bundestag – allemal eine wirkungsvolle Rolle.

2. Hat die AfD die NPD-Wähler für sich gewonnen?

Im Frühjahr bekam es die NPD mit der Angst zu tun. Da plakatierte die Alternative für Deutschland (AfD) gerade "Mut zur Wahrheit – Raus aus dem Euro!" und "Wir sind nicht das Weltsozialamt!" Die Rechtsradikalen konterten: "Vertrauen Sie dem Original", schrieben sie auf ihre Plakate.

Tatsächlich gewann die "Professorenpartei" AfD vor allem im Osten viele Stimmen. Mit Ausnahme von Sachsen-Anhalt kam sie in allen neuen Ländern locker über die Fünfprozenthürde und holte in Sachsen mit 6,8 Prozent ihr bundesweit bestes Ergebnis. Im ostsächsischen Dürrhennersdorf (Landkreis Görlitz), immerhin Geburtsort von Sachsen-Anhalts langjährigem Regierungschef Wolfgang Böhmer, hat die AfD mit knapp 16 Prozent gar ihre Hochburg.

Damit ist sie deutlich stärker, als es die NPD bei Bundestagswahlen im Osten je war. Aber anders als vermutet, geht ihr Ergebnis kaum zulasten der NPD. In Thüringen und Brandenburg holten die Rechtsextremen mit 3,2 und 2,6 Prozent das gleiche Ergebnis wie 2009. Und die AfD, die im Westen vor allem der FDP Wähler abluchste, hat in den neuen Ländern ironischerweise ausgerechnet 110.000 frühere Wähler der Linken für sich gewonnen.

3. Regieren die Nichtwähler den Osten immer noch?

Zur Wahrheit gehört, dass die standhaftesten Nichtwähler noch immer in den neuen Ländern leben. Und nirgends gibt es anteilig mehr Wahlverweigerer als in Sachsen-Anhalt. Zwar jubelte man hier bei dieser Bundestagswahl über 62 Prozent Partizipation. Aber nur, weil 60,5 Prozent vor vier Jahren den geringsten Wert bedeutete, der jemals in einem deutschen Bundesland gemessen wurde. Wählt der Osten weniger gern?

Vermeintliche Defizite des Sozialstaats werden in den neuen Ländern sensibler wahrgenommen als in den alten Ländern, sagen Forscher. Wer findet, dass die Sozialsysteme ihn nicht hinreichend umsorgen, bestraft die Parteien. So läuft das in Mecklenburg-Vorpommern, dem Land mit der hinter Sachsen-Anhalt zweitgeringsten Wahlbeteiligung (2013: 65,4 Prozent), in Thüringen (68,2), in Brandenburg (68,4), in Sachsen (69,7 Prozent).Die Nichtwähler bleiben im Osten eine Macht.

4. Wo sind die Parteien am schwächsten?

Im Osten findet politisches Engagement oft außerhalb der Parteien statt, am allermeisten ist das in Sachsen so. In der Kommunalpolitik dominieren die Parteilosen schon lange. 231 der 436 sächsischen Bürgermeister sind nicht mehr auf Vorschlag einer Partei gewählt, sondern als Einzelbewerber oder von Wählerbündnissen nominiert ins Amt gekommen. Von 1.000 Sachsen über 16 Jahren sind bloß neun Mitglied einer Partei, so wenige wie in keinem anderen deutschen Flächenland. Nur wenig besser sieht es – in dieser Reihenfolge – in Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen aus. Zum Vergleich: Den Rekord in der Bundesrepublik hält das Saarland, das kleinste Flächenland, mit circa fünfmal so vielen Parteigängern wie in Sachsen: Etwa 50 von 1.000 Saarländern über 16 Jahren sind Mitglieder einer Partei.

Der Politik-Professor Everhard Holtmann aus Halle kennt mindestens zwei Gründe für diese Parteien-Skepsis Ost. Erstens: Der SED-Überdruss "führte nach der Wende zu einem spontanen Anti-Parteien-Affekt". Zweitens: "Es fehlen die Traditionsmilieus, aus denen die Parteien im Westen noch immer ihre Leute rekrutieren. Das konservativ-katholische oder das sozialdemokratisch-gewerkschaftliche."

5. Wer schickt die meisten Ostdeutschen in den Bundestag?

Kürzlich beklagte Wolfgang Thierse in der ZEIT, dass die Zahl der Ostdeutschen im Bundestag immer kleiner werde. "In allen Parteien sind auch die Kandidaten aus Ostdeutschland häufig Westdeutsche", sagte Thierse bedauernd. Was viele Zugezogene, die schon lange in den neuen Ländern leben, beleidigend fanden. Dabei sind es gar nicht so viele Westdeutsche, die für einen ostdeutschen Wahlkreis im neu gewählten Bundestag sitzen werden. Am größten ist deren Anteil noch in Brandenburg (7 von 20 Abgeordneten), gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern (4 von 13) und Sachsen (8 von 33). Am wenigsten Zugereiste sitzen für Thüringen (3 von 18) und Sachsen-Anhalt (3 von 19) im Parlament. Die Parteien mit den meisten westdeutschen Bundestagsabgeordneten aus dem Osten sind übrigens die CDU und – die Linke.

6. Dominieren Westdeutsche die ostdeutschen Landesregierungen?

Nein, ganz und gar nicht, die Tendenz ist genau andersherum. Es gibt im Jahr 2013 nur noch einen Ministerpräsidenten mit West-Herkunft in Ostdeutschland: Erwin Sellering (SPD) aus Sprockhövel in Nordrhein-Westfalen regiert Mecklenburg-Vorpommern. In seinem Kabinett sitzen nur zwei weitere Westdeutsche – und sechs Ostdeutsche.