ZEITmagazin: Herr Polt, Sie sind so schlank, haben Sie gefastet?

Gerhard Polt: Nein, nein, ich habe einen Film gemacht und hatte kaum Zeit zum Essen. Der Film heißt "Und, Äktschn!", das ist ein bisschen ironisch, weil eigentlich wenig Action vorkommt. Es sind einfach nur Szenen, wo ein begeisterter Amateurfilmer sehr gespannt und aufgedreht ist und Action will, und dieses Wort Action ist in sein Gemüt übergegangen. Aber das, was er fabriziert, hat mit Action wenig zu tun. Mir liegt diese berühmte Action auch überhaupt nicht, das ist eine Charakterfrage. Es gibt wohl Leute, die Aktivität herzaubern können, die ständig Ideen haben und von einem Event zum anderen sausen. Ich führe aber ein relativ eventloses Leben und bin den Events, noch schlimmer: den Mega-Events, eher etwas abhold. Ich suche sie nicht.

ZEITmagazin: Was suchen Sie denn?

Polt: Die Beschaulichkeit. Das ist ein schönes Wort: beschauen, etwas in Ruhe betrachten. Wenn ich der Katze zuschaue, wie die Katze nichts macht, bin ich praktisch fast mit der Katze auf einer Stufe. Diese unglaubliche Geschwätzigkeit heutzutage hat was mit der Angst zu tun, selber dem Nichts preisgegeben zu sein. Ruhe ist aber nicht nur das Nichts innerhalb des Stillstands. Es kommt auf die Intensität an. Zwischen zwei Tickern der Uhr ist auch Ruhe, aber wirkliche Ruhe hat eine große Dimension.

ZEITmagazin: Ruhen Sie in sich?

Polt: Meine innere Ruhe kann ich nicht beschreiben, darüber denke ich nicht nach, ich genieße sie, aber ich seziere sie nicht. Ich bin beruhigt, dass ich sie habe, und ich habe auch nicht das Gefühl, dass mir die Ruhe ausgeht. Ich kann natürlich hektisch werden, wenn ich bedrängt werde, aber ich kann mich immer wieder zurückbegeben in eine gewisse Ruhe. Manche suchen sich selbst, manche suchen einen Schwammerlplatz, und manche suchen weiß der Teufel was. Für mich wäre das kein Ziel, mich selbst zu suchen. Weil, wenn man sich gefunden hätte, dann könnte man sich zu Ende denken. Die Tatsache, dass man das nicht weiß, rettet einen, da bleibt noch ein bisschen Überraschung, was Mysteriöses. In dem Moment, wo alles definiert wäre, wäre es begrenzt. Dadurch, dass ich nicht darüber nachdenke, wer ich bin, gebe ich mir Freiheit. Das ist meine Rettung. So einfach ist das.

ZEITmagazin: Woher kommt dieser Drang nach Freiheit?

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Polt: Ich kann mich gut erinnern, dass ich als kleines Kind einmal gesehen habe, wie ein Chauffeur seinem Chef mit weißen Handschuhen die Türe geöffnet hat, und als der Chef ausstieg, hat der Chauffeur einen Diener gemacht. So etwas hatte ich vorher nie gesehen, und ich habe mich irgendwie ein bisschen geschämt. Mir kam es unangemessen vor, auch wenn der Chauffeur vielleicht gar nicht in einer Demutshaltung war. Die Frage, woher etwas kommt, ist spannend und macht einen Menschen interessant, aber ganz genau weiß ich es nicht. Wüsste ich es, wüsste ich alles, sogar mein eigenes Ende. Stellen Sie sich das mal vor, wer will das wissen? Es ist ganz banal, glaube ich, dass das Nichtwissen jedem Menschen große Möglichkeiten gibt, sich zu retten, sich nicht einmischen zu müssen.

ZEITmagazin: Sie haben als Kind fürchterliche Ohnmacht erlebt: Sie sind zum Spaß vom Nikolaus in den Sack gesteckt worden.

Polt: Ja, das war grausig. Ich war wie irre vor Angst und habe geschrien. Wie lange ich da drin war, weiß ich nicht, niemand hat die Zeit gestoppt. Irgendwann bin ich wieder rausgekommen, und es gab ein furchtbares Gelächter. Der Nikolaus – das war der Metzgergeselle aus Altötting, wo wir lebten – fand das toll, und die anderen fanden das auch toll, und dann die Idee, den Sack auch noch im Schweinestall aufzuhängen – die waren begeistert! Die fanden das alle sehr komisch, nur ich natürlich nicht. Ich kann heute leicht darüber reden. Aber das wird, solange ich lebe, hängen bleiben.

ZEITmagazin: Wie gehen Sie mit dem Trauma um?

Polt: Ängste gibt’s ja nicht nur in Grimms Märchen, sie sind seit Jahrhunderten Bestandteil der Menschheit. Es gehört dazu, anderen Angst zu machen, Angst zu schüren. Wenn ich heute in einem Bild von Hieronymus Bosch die Höllenangst sehe, die Angst, gequält zu werden oder ins Bodenlose zu stürzen oder gefressen zu werden oder zu verbrennen, verstehe ich das. Ohne Angst, ohne Hölle, gibt’s nur noch Himmel, das ist ja fürchterlich! Wenn es diese Bestrafung, diesen ganzen Katalog mit Sünden und Vergebung nicht gäbe, müsste die Kirche sich schon was überlegen. Ja, was versprechen sie denn, wenn der Sünder vor sich hin sündigt, und immer geht er straffrei aus? Wenn die Kirche jetzt aber die Hölle abschafft, dann braucht doch keiner mehr die Religion.