Die Hypo Real Estate wurde 2009 nach Milliardenverlusten verstaatlicht © Reuters

Es ist Viertel vor eins in der Nacht, als das Mobiltelefon von Josef Ackermann klingelt. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist dran, sie möchte vom Chef der Deutschen Bank eine Einschätzung. Es ist die Nacht auf Montag, den 29. September 2008. Der Bank Hypo Real Estate (HRE) droht die Pleite, weil ihr Tochterinstitut Depfa an den Finanzmärkten kein Geld mehr bekommt. Ackermann ist bei den Rettungsgesprächen in Frankfurt, doch diese stehen vor dem Scheitern.

Ackermann befürchtet, dass eine Pleite der HRE Panik an den Finanzmärkten auslöst und am Morgen der Zahlungsverkehr in ganz Europa zusammenbricht. Stillstand in der Wirtschaft, Panik bei den Bürgern – alles scheint in diesem Moment möglich.Der Banker und die Kanzlerin feilschen kurz, dann, nach Rücksprache mit der Rettungsrunde in Frankfurt, einigen sich beide darauf, dass Deutschlands Banken sich zusammen mit dem Bund an der HRE-Rettung beteiligen. Deal! Sagt Angela Merkel.

Es war für Deutschland der gefährlichste Moment der Finanzkrise, Merkels Deal bewahrte die Republik vor Chaos – doch der Preis für die Rettung der HRE war hoch. Auf die Stabilisierung der Bank folgten deren Verstaatlichung sowie Kapitalspritzen, um sie am Leben zu halten. So hat die HRE als größter deutscher Schadensfall der Krise den Staat bisher 19,1 Milliarden Euro gekostet. Das sind 237 Euro für jeden Bürger, ob Baby oder Greis, ob Putzfrau oder Arbeiter. Das ist fast so viel, wie die Bundesregierung in diesem Jahr pro Kopf für Bildung, Forschung, Technologie und Wirtschaft zusammen ausgibt.

Heute, fünf Jahre nach dem teuren Telefonat, möchte der Bund das ungeliebte Eigentum gerne wieder loswerden. Seit Kurzem steht die Depfa zum Verkauf, bis Ende 2015 muss dann ein weiterer Teil der alten HRE wieder in private Hände gegeben werden. So will der Staat sein Geld zurückbekommen und die Steuerzahler entlasten.

Doch wer immer in ein paar Jahren Finanzminister sein wird: Er wird den Deutschen eröffnen müssen, dass die Erlöse lächerlich niedrig ausfallen. Die Gesamtrechnung hat mehrere Variablen, auch will kaum ein Beteiligter offen darüber reden, doch nach heutigem Ermessen wird der Steuerzahler unterm Strich rund 14 Milliarden Euro verlieren. Die Rettung der HRE – finanziell wird sie als Desaster enden.

Beginnen muss man die Rechnung mit einem Blick auf die heutige Struktur der Bank. Die Depfa in Irland und die HRE in Deutschland haben nur wenig mit den Banken gleichen Namens gemein, die Merkel 2008 mit ihrem Telefonat vor dem Kollaps bewahrt hat. Fast die Hälfte des alten Konzerns – vor allem dessen wertlose Finanzprodukte sowie vom Ausfall bedrohte Kredite und Staatsanleihen – wurde 2010 abgespalten und in eine öffentliche Anstalt verschoben. Diese Resterampe soll die Problemfälle mit möglichst geringen Verlusten abwickeln.

Die gesunden Geschäfte verblieben in der Holding HRE, unter deren Dach die auf Immobilien spezialisierte Deutsche Pfandbriefbank weiter besteht sowie das, was von der Depfa übrig geblieben ist. Diese zwei Häuser soll der deutsche Staat möglichst schnell privatisieren. Das zählt zu den Auflagen der Europäischen Union. Auf keinen Fall soll der Bund länger als nötig Banken unterhalten.

Bei der Depfa ist maximal ein niedriger dreistelliger Millionenbetrag drin

Erster Verkaufskandidat ist die Depfa in Dublin. Ihre Bilanzsumme umfasst aktuell 62 Milliarden Euro und damit fast nur noch ein Viertel ihrer alten Größe. Sie darf kein neues Geschäft tätigen, solange sie dem Bund gehört. 350 Mitarbeiter betreuen vor allem staatliche Kunden: Länder, Regionalregierungen und öffentliche Institutionen, denen die Bank Geld geliehen hat. Dazu zählen auch Kunden, bei denen das Risiko eines Zahlungsausfalles in den vergangenen Jahren größer geworden ist. In Spanien etwa schulden staatliche Kunden der Depfa noch 3,3 Milliarden Euro. In diesem Jahr hat die Bank bisher nur einen Gewinn vor Steuern von drei Millionen Euro erzielt.

Bis Ablauf einer ersten Frist am 12. September haben mehrere Finanzinvestoren Interesse an der Depfa bekundet, nach Informationen der ZEIT aber auch Banken. Für den deutschen Staat als Verkäufer ist das eine gute Nachricht, weil die Finanzaufsicht bei einem Verkauf an Finanzinvestoren skeptisch sein dürfte und Banken unter Umständen mehr Geld auf den Tisch legen. Bis es so weit ist, werden allerdings noch viele Monate vergehen: Die HRE hat Informationsmemoranden an die Interessenten verschickt. Diese werden wohl bis Mitte Oktober unverbindliche Angebote abgeben und dann die Depfa eingehend prüfen, sodass im Januar finale Angebote vorliegen und Verhandlungen beginnen könnten. Läuft alles wie erhofft, könnte der Verkauf Ende März besiegelt werden. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht: Mehr als ein niedriger dreistelliger Millionenbetrag wird für den Bund dabei nicht drin sein.

Erste Orientierung bietet der Wert, mit dem die Depfa bei der HRE in den Büchern steht. Dieser entspricht dem Kapital, das der HRE zuzurechnen ist, und das beträgt eine Milliarde Euro. Doch jemand, der es wissen muss, sagt, dass die Depfa "nie zum vollen Buchwert, auch nicht zum halben Buchwert laufen" werde. Fakten stützen dies: Als 2012 ein Konsortium ernsthaftes Interesse an der Depfa zeigte, lag das Gebot bei nur 20 bis 40 Prozent des Buchwerts. Seitdem hat sich der Markt für angeschlagene Adressen eher verschlechtert. Banken in vergleichbarer Situation haben große Probleme: Westimmo, BHF, Kommunalkredit – für viele Häuser wurden zuletzt Eigentümer gesucht, aber nicht gefunden.