Er trifft mit einem Rollkoffer am Treffpunkt im Zürcher Hauptbahnhof ein. Der 56-jährige Robin Cornelius, Gründer der Schweizer Kleiderfirma Switcher, ist immer auf Achse. Er lässt seine nachhaltige und ökologische Kleidung in Asien und Portugal herstellen, das allein bedingt schon viele Reisen. Jetzt sitzt er in einem Restaurant und bestellt einen Pfefferminztee. Sein Handy hält er immer in der Hand. Das Display zeigt 578 ungelesene Mails an.

DIE ZEIT: Herr Cornelius, ich habe Ihr neues Buch Das Switcher-Prinzip. Warum uns weniger mehr bringt gelesen, mir Ihre Firmengeschichte angeschaut, und ich frage mich seitdem: Wie konnte ein Wahnsinniger eine weltweit agierende Firma wie Switcher gründen und am Leben erhalten?

Robin Cornelius: Zuerst mal, Peer: Ich bin Robin. Mein Vater nannte mich Robin Hood, für meine Mutter war ich Peter Pan, in meinem Pass stehen fünf Vornamen: Ernst, Bengt, Gunnar, Seson, Robin. Der Nachname ist also egal. Ich duze alle, außer Polizisten und Menschen, die älter sind als ich. Es ist leichter zu siezen. Wer den anderen aber duzt, ist ihm näher, er kann sich nicht so gut distanzieren.

ZEIT: Gut, Robin, du hast also 1981 Switcher gegründet, eine Textilfirma, die nachhaltige, bequeme Kleidung produziert und sich ökologisch und sozial engagiert. Ich frage nochmals: Wie konnte ein Wahnsinniger diese Firma erfolgreich machen?

Robin: Ich bin nicht wahnsinnig, ich bin ein freier Mann. Ich kenne keine Dogmen, sitze in keinem Käfig, begegne allen Menschen vorurteilsfrei.

ZEIT: Du bist, laut deinen eigenen Aussagen, auch eine Frau, auch ein Kind. Weißt du, wer du bist?

Robin: Gute Frage, das berührt mich. Wenn ich wüsste, wer ich bin, das wäre ja der reine Horror. Warum muss man wissen, wer man ist? Ich bin weiblich, kindlich, habe viel Empathie, kümmere mich um meine Mitmenschen.

ZEIT: Du hast geschrieben: "Ich selber habe eine stark ausgeprägte weibliche Seite. Ich funktioniere stark über Beziehungen. Manchmal habe ich das Gefühl, es ist mir wichtiger, mit wem ich etwas mache, als was ich mache."

Robin: Das ist doch logisch. Ich erzähle dir mal zur Illustration eine Geschichte, die ich noch niemandem erzählt habe: Es gab vor ein paar Jahren eine Equity-Firma, die mit 30 Prozent an Switcher beteiligt war. Nach einigen Board-Sitzungen haben die über meine Firma gesprochen, als sei sie irgendeine Firma: "Wir müssen da jetzt mal reorganisieren! Es braucht einen COO, einen professionellen Businessplan! Wir müssen die Marke und die Preise höher positionieren! Robin, du bist ein Kind, du kannst das nicht." Ich kam raus, habe mir die erste Zigarette seit Jahren angezündet und geweint. Wie kann man meine Firma so beurteilen! Ich verstand: Solche Menschen und ich gehören nicht zur gleichen Welt. Ich musste unbedingt aus dieser Situation herauskommen. Aber es ging nicht.

ZEIT: Warum nicht?

Robin: Weil ich gemäß Shareholder-Vertrag die Strategie nicht mehr alleine vorgeben konnte.