Es sind rund zwei Dutzend Seiten, und sie ziehen die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Nicht nur, weil sie rasch gelesen sind, sondern auch, weil es um diese etwa 20 Seiten, die Zusammenfassung, so viele Gerüchte gibt. Die vielen Hundert Seiten Bericht, die danach folgen, interessieren deutlich weniger Menschen.

Am kommenden Montag wird Teil eins (Klimawandel 2013 – die naturwissenschaftlichen Grundlagen) des fünften Weltklimaberichts bereitgestellt. Unter der Webadresse www.climatechange2013.org kann ihn sich jeder als PDF-Datei herunterladen. Es wird eine umfangreiche Datei sein, zählte doch die letzte Entwurfsfassung mehr als 2.000 Seiten.

Dieses Mammutwerk ist das Ergebnis wissenschaftlicher Fleißarbeit – international, fächerübergreifend und ehrenamtlich: 209 Leitautoren aus 39 Ländern haben daran mitgearbeitet, außerdem 600 weitere Autoren. Parallel haben 50 Fachleute eine Begutachtung gesteuert, in der knapp 1.100 Experten aus 55 Ländern 54.677 Kommentare zu den Entwurfsfassungen beantwortet haben. Aus der kaum überschaubaren Zahl klimawandelrelevanter Fachaufsätze – circa 15.000 erscheinen jährlich – wurden insgesamt 9.200 Aufsätze ausgewählt und zitiert. Zwei Millionen Gigabyte an Daten aus Klimamodellen und -simulationen flossen ein.

Ein Kraftakt, keine Frage. Da möchte man sich der FAZ anschließen, wenn sie befindet, die Klimaforscher hätten einen Orden verdient: "Sie sind die wahren Helden der Empirie."

Im Nachrichtenrauschen dieser Woche wird das aber praktisch keine Rolle spielen. Beim Blick auf den Bericht dominieren die Faktoren Konflikt und Drastik über die inhaltliche Relevanz. Und das liegt auch an dieser kuriose Reihenfolge: die Zusammenfassung vorab am Freitag, der Volltext nachträglich am Montag.

Denn die Zusammenfassung (summary for policy makers) ist nicht nur die am stärksten verdichtete Passage des Berichts, sondern auch die am intensivsten diskutierte. Nur sie wurde von Montag bis Mittwoch von 195 Regierungsdelegationen Zeile für Zeile abgenommen. Aberhunderte Seiten konnten die Autoren frei verfassen. Und just bei den zwei Dutzend am häufigsten gelesenen Seiten des Berichts schaut die Politik ganz genau drauf? Das schürt Misstrauen.

ZEIT-Redakteur Stefan Schmitt hat mit dem Klimaforscher Hans von Storch über dieses Misstrauen gesprochen:

DIE ZEIT: Herr von Storch, im Verlauf dieser Woche hat die Arbeitsgruppe 1 des Weltklimarats IPCC ihren neuen Bericht fertiggestellt. Über dessen Zusammenfassung haben die Autoren und Delegationen von rund 190 Regierungen beraten – vertraulich.

Hans von Storch: Warum nur die Geheimhaltung? Das ist mir ein Rätsel.

ZEIT: Können Regierungsvertreter hier Einfluss nehmen?

von Storch: Das ist gut möglich. Ich höre Gerüchte, die deutsche Verhandlungsführung vertrete die Position, dass die Temperaturstagnation der vergangenen 15 Jahre nicht von Belang sei. Das wäre schon ein Ding, das die Öffentlichkeit wissen sollte!

ZEIT: Auf der Zielgerade sollen die Delegierten einzelner Regierungen versuchen, etwas am Ergebnis einer wissenschaftlichen Metaanalyse zu drehen?

von Storch: Ja. Andererseits denke ich an solche IPCC-Autoren wie die Meteorologen Jochem Marotzke oder den Umweltphysiker Thomas Stocker, die doch so mancher Einflussnahme widerstehen können. Das sind schon Leute, die ziemlich aufrecht stehen.

ZEIT: Worauf mussten die denn gefasst sein? Dass Streichungen und Relativierungen gefordert werden?

von Storch: An den Verhandlungen mit den politischen Repräsentanten habe ich nie teilgenommen. Das sind übrigens in der Regel Leute aus der Verwaltung, die ihre eigene und die Regierungslinie vertreten; wenn das Unsinn ist, brauchen sie keine Sorge zu haben, sich gegenüber der Öffentlichkeit rechtfertigen zu müssen.

ZEIT: Ist das denn schon vorgekommen?

von Storch: Ich erinnere einen Fall aus der Arbeit am dritten Sachstandsbericht, als der Vorsitzende verlangte, wir sollten schon damals die Regionalmodellierung als potentes Mittel der Beschreibung regionaler Zukünfte darstellen. Wir haben das abgelehnt.