Jedes Jahr Anfang September tritt Rektor Michael Frenkel vor die Erstsemester und schwört sie auf das Leben an seiner Hochschule ein. Im Gewölbekeller, einem altehrwürdigen Raum mit frei liegendem Mauerwerk, spricht er von Leidenschaft, von sozialer Verantwortung und von Leistung. Das sind die grundlegenden Werte der WHU Otto Beisheim School of Management. Auf der Webseite wird daraus, ins Englische übersetzt, der modern klingende Slogan: Passion, People, Performance.

Dieses Jahr musste der Rektor seine Rede allerdings etwas umgestalten. Kurz vor Semesterbeginn war ein Student der WHU in London tot in der Dusche seiner Wohnung aufgefunden worden. Moritz Ehrhardt wurde nur 21 Jahre alt. Er war nach London gereist für ein Praktikum in einer Investmentbank. Deutsche und britische Zeitungen schrieben, er sei an Erschöpfung gestorben – mehrere Tage soll er durchgearbeitet haben, ohne Schlaf. Ob das stimmt, ist nicht bekannt. Seine Leiche wurde obduziert. Ob die Öffentlichkeit das Ergebnis erfährt, entscheiden seine Eltern.

"Ich habe in meiner Ansprache betont, dass jeder Verantwortung für sich, seinen Körper und die Menschen um sich herum hat", sagt Frenkel. Er sitzt in seinem Büro in Vallendar, einer Kleinstadt, zehn Kilometer von Koblenz entfernt. Frenkel wirkt auf den ersten Blick eher unscheinbar. Der Mann, der eine der erfolgreichsten Wirtschaftshochschulen Deutschlands leitet, könnte auch im Controlling einer Sparkasse arbeiten. "Ich will mich nicht an Spekulationen über den Tod von Moritz Ehrhardt beteiligen", sagt er. Trotzdem habe er die Erstsemester davor gewarnt, zu viel zu arbeiten. "Wir wollen den Studierenden bewusst machen, welche Gefahren im Studium, im Beruf und im Praktikum lauern." Sie dürften zwar ehrgeizig sein, aber nicht überehrgeizig und sich nicht überarbeiten. Manche Studenten müsse man vor sich selbst schützen.

"Das sind Leute, die anpacken", sagt der Rektor über seine Studenten

Keine leichte Aufgabe. Ein WHU-Absolvent, der nicht mit Namen genannt werden möchte, charakterisiert seine ehemaligen Kommilitonen so: Wer an die Business School wolle, sei sehr zielstrebig und kompetitiv, jeder wisse genau, worauf er sich einlasse, und nehme die Belastungen in Kauf. "Der Rektor rät zwar immer, es nicht zu übertreiben", sagt er. Aber es sei "schwer, das Mindset der Studenten umzudrehen".

Die Leistungsbereitschaft ist hoch. 45 Stunden pro Woche müssen die Studenten für die Uni arbeiten, schätzt Frenkel. In ihrer Freizeit organisieren sie Vorträge von Unternehmern und Politikern, sie nehmen an Fallstudienwettbewerben teil oder rudern mit Studenten anderer Hochschulen um die Wette. "Das sind Leute, die anpacken", sagt Michael Frenkel. Und die Hochschule kümmert sich darum, dass sich der Einsatz lohnt: Zwei Praktika in hochrangigen Unternehmen bekommen die Studenten schon während des Bachelors vermittelt – für viele ein Freifahrtschein in den Job. Regelmäßig kommen Firmenvertreter an die Uni und präsentieren sich den Studenten als Arbeitgeber. Anschließend geht es zum "Networking-Dinner" in den Gewölbekeller.

Die Wände der Hochschulgebäude sind mit Tafeln behängt, auf denen die Namen ehemaliger Studenten stehen, weil sie etwa Stühle und Tische für Seminarräume gestiftet haben. Stolz verweist Frenkel darauf, dass sich mehr als 90 Prozent der Alumni an der Hochschule engagieren. "Wenn die Leute zurückkommen, sprechen sie von Homecoming. Die Zeit hier prägt, man kommt gern zurück." Frenkel erklärt mit leuchtenden Augen den "WHU-Spirit". Es gehe um vorbildliches Verhalten: "Kooperation statt Konfrontation, selbst wenn man unterschiedlicher Meinung ist." Und: Grüßen, in die Augen schauen, Hilfe anbieten.