Der Journalist und Autor Dirk von Gehlen © Gerald von Foris

Die Revolution erscheint im klassischen Gewand: Ein gedrucktes Buch, veröffentlicht in einem Verlag, ein schmaler Band, 12,99 Euro. Äußerlich ein Buch wie jedes andere, inhaltlich aber hebt es viele Gewissheiten aus den Angeln, die für Bücher bislang galten: Eine neue Version ist verfügbar heißt das neue Buch des Digital-Experten Dirk von Gehlen. Es ist in seiner Entstehung und in seinen Thesen eine manifest gewordene Kulturrevolution.

Die Buchbranche lernt gerade als letzte große Kulturindustrie, dass ihre Produkte auch ganz anders konsumiert werden können, als es bisher üblich war. Als Erstes hatte es die Musikbranche getroffen, Lieder lösten sich von Tonträgern, wurden zu Dateien und vielfach reproduzierbar. Für viele der Horror. Verkäufe brechen ein, Läden müssen schließen, im Netz ist jedes Kulturprodukt in Sekundenschnelle umsonst zu haben.

Für Dirk von Gehlen, Autor und Social-Media-Chef der Süddeutschen Zeitung, aber ist die Digitalisierung eine große Chance: "Man muss Kultur weniger als Produkt, sondern mehr als Prozess denken, in dem nicht einzig ein robustes Werkstück, sondern die Entstehungsversionen eine Rolle spielen." Weil diese These nur glaubwürdig wirkt, wenn man sie durch Erfahrung beglaubigt, hat von Gehlen ein Buch über die Kulturrevolution geschrieben, das in seinem Entstehungsprozess völlig neue Wege ging (ZEIT Nr. 6/13).

Im Herbst 2012 stellte Gehlen sein Projekt auf einer Crowdfunding-Plattform im Internet vor, er warb um Finanzierungshilfe für sein Buch. Rund 350 Unterstützer meldeten sich, 15.000 Euro kamen in drei Monaten zusammen. Jedes Kapitel, das von Gehlen schrieb, stellte er in diesem Forum zur Diskussion. Er erhielt Anregungen, schrieb um, sandte die neue Version zurück an alle 350. Im Dialog entstand so ein ganzes Buch. Als es fertig war, fand von Gehlen einen Verlag, der es veröffentlichte – und zwar unter einer Creative Commons- Lizenz, die eine legale Weiterverwendung der Inhalte ermöglicht.

Kultur verflüssigt sich

Die Revolution ist geglückt, der Prozess abgeschlossen. Und was ist mit den Inhalten, die der Autor und seine Crowd erarbeiteten?

Sie überzeugen. Weil von Gehlen im Gegensatz zu amerikanischen Digitalisierungspredigern keine Heil bringende frohe Botschaft predigt, sondern mit dem staunenden Blick eines Feldforschers ausprobiert, was möglich ist.

Kultur verflüssigt sich, sagt von Gehlen. Sie war einmal fest wie ein Eisblock, aber die Temperatur steigt durch die Digitalisierung unaufhörlich an, und das Eis kann – wenn überhaupt – nur mit wahnsinnig hohem Aufwand gefroren gehalten werden. Kulturgüter, heißt das, sind keine festen Produkte mehr, sie existieren losgelöst von Datenträgern, werden als fluide Datenströme konsumiert und geteilt und müssen deshalb wie Software behandelt werden: Software besteht aus Modulen, die bestimmte Funktionen erfüllen und nur zusammen funktionieren. Software wird von Programmierern, die meist im Team arbeiten, permanent gewartet und erneuert.

Wenn Kultur in dieser Form entsteht, wenn sie nicht von einem einzelnen Genie erschaffen wird, wenn sie veränderbar bleibt, verschiebt sich der Fokus: Nicht mehr nur das Endergebnis ist entscheidend, sondern der Prozess, der zu ihm führt. Es ist wie beim Fußball: Ein Spiel lebt nicht nur vom Resultat. Das Dabeisein ist das Erlebnis.

Die vergiftete Debatte empirisch geerdet

Dieses Erlebnis sei die eigentliche Chance der Digitalisierung, sagt von Gehlen. Zuhörer können digital im Tonstudio mit dabei sein, Zuschauer beim Drehbuchschreiben und beim Casting, Leser beim Schreibprozess. Ein Einblick in eine verborgene Welt, die bisher höchstens in Interviews über den Prozess der Produktion oder als Rekonstruktion nach dem Tod eines Künstlers öffentlich wird.

Gegen die Ankündigung dieses Paradigmenwechsels lässt sich vieles einwenden: Interessieren sich genügend Menschen für den Prozess? Können Künstler damit Geld verdienen? Ändert sich das Kunstwerk nicht fundamental, wenn es unter Beobachtung entsteht? Ist das Geheimnis der Produktion nicht Teil der Aura des Werkes? Aber von Gehlen ist etwas Eindrucksvolles gelungen: Er hat die vergiftete Debatte um das Urheberrecht mit seinem Selbstversuch empirisch geerdet. Wer seinen Methoden und Ansichten widerspricht, muss nun zeigen, dass es auch anders geht.