Die Professorin und Autorin Barbara Vinken in einem ihrer Lieblingsstücke, einem kurzen Kleid von Thierry Mugler © Sigrid Reinichs

DIE ZEIT: In Ihrem Buch entfalten Sie eine starke These – dass es nur weibliche Mode gibt und keine für Männer. Warum ist das so?

Barbara Vinken: Weil die Mode zu Beginn des 20. Jahrhundert mit Weiblichkeit synonym geworden ist. Der reife Europäer unterstreicht, wie Nietzsche sagt, durch seine Kleidung, dass er darauf keinen Gedanken verschwendet. Männer haben in den modernen Republiken diese Rhetorik des Authentischen zu pflegen; im Interesse der objektiven Macht ihres Geschlechtes haben sie phallische Zurschaustellung zu opfern. Die hoffnungslos rückständigen Frauen, völlig geistlos, haben hingegen nichts im Kopf als die reizende Inszenierung des Fleisches.

ZEIT: Geopfert wurden das Pluderhöschen, das der Mann am Tudor-Hof trug, das elegant bestrumpfte Bein, das man in Versailles sah.

Vinken: Und natürlich die Schamkapsel der Renaissance, die das nützlichste Glied der menschlichen Gesellschaft eindrucksvoll vergrößerte. Den Frauen wurde der weibische Part der entmachteten Aristokratie übertragen: das Frivole, das Spielerische, das Überflüssige, das Äußerliche, das Zurschaustellen, alle theatralische Künstlichkeit.

ZEIT: Arme Männer! Ihre Mode ist seit 1830 konstant.

Vinken: Ja – bis auf die Mode der Dandys, der Punks, der Teds, der Mods, der Hipsters natürlich. Die wirklichen, immer männlichen Antimoden ziehen ihre Kraft daraus, dass sie eine klare Norm, nämlich den Anzug, zersetzen. Es gibt in der Moderne zwei Erzählungen der Mode, eine disphorische und eine euphorische. Fast allen Theoretikern der Moderne ist die weibliche Mode ein Graus. Ob das Friedrich Nietzsche ist, ob Adolf Loos oder Thorstein Veblen – alle finden die Mode schrecklich, eine Art orientalische Kolonie im Herzen des Westens, so barbarisch wie dekadent. In dieser Perspektive verdinglicht die Mode die Frau. Veblen hat es schön gesagt: Der Mann stelle in der Frau seine Vermögen aus. Wie der Kwakiutl-Häuptling seine Trophäen zeigt, so paradiert er seine Frau auf der Fifth Avenue. Die modische Frau, offensichtlich unfähig zur Arbeit, ein Luxusobjekt, repräsentiert die Kreditwürdigkeit des Haushalts.

ZEIT: Eine Frau, die modisch auftritt, verweist nie auf sich selbst, sondern stets auf etwas anderes?

Vinken: Auf das Vermögen des Mannes, im schönsten Sinne des Wortes. Aber es gibt auch eine euphorische Geschichte der Mode: Frauen haben sich das angeeignet, was die Männer im eigenen Interesse ablegen mussten: das selbstbewusste Zurschaustellen eines erotischen Körpers. Die Entwicklung der weiblichen Mode lässt sich auch so erzählen: Die dreidimensionalen Kleider wurden von zweidimensionalen abgelöst, die die Geschmeidigkeit des Körpers betonen. Das Korsett, das den Körper in Form brachte, wurde durch Diät und Sport ersetzt. An die Stelle raumgreifender Oberflächendekoration ist eine schlanke Zweidimensionalität getreten. Audrey Hepburn etwa, eine Arabesque im Raum. Vielleicht müssen die Männer aber nicht alle Hoffnung aufgeben. Vielleicht stehen wir an einer Wende. Die neue schlanke Linie der Männeranzüge, Dior, Jil Sander, macht ebendiese schmiegsame Arabeske auch für die Männer möglich. Zum ersten Mal sind Schnitttechniken aus der weiblichen Haute Couture in den Herrenanzug eingewandert. Diese eng sitzenden Bleistiftanzüge sehen bestimmt nicht mehr so schrecklich aus, wie Hegel – kein Freund des Anzugs – das von den Anzügen seiner Zeit sagte: mechanisch hin- und hergezogene Falten, eine Katastrophe!

ZEIT: Und was wäre die moderne Variante für die Frau?

Vinken: Pioniere der Moderne sahen ihre Aufgabe darin, die Frauenmode vom Stigma des Modischen, des Weibisch-Weiblichen, zu befreien. Chanel hat gesagt: "Mein Leben lang habe ich Männermode in Frauenmode übersetzt." Diese Übersetzung hat aber das Grundprinzip der Männerkleidung nicht übertragen: den Umgang mit dem Körper. Im Gegensatz zum Herrenanzug konturiert das kleine Schwarze messerscharf.

Für ZEIT Literatur öffnet Barbara Vinken ihren Kleiderschrank und zeigt ihre Lieblingsstücke. Hier ein Kleid von Alaïa © Sigrid Reinichs

ZEIT: Das kleine Schwarze ist aber immer auch ein wenig traurig.

Vinken: Vielleicht hat alle Mode en passant etwas Trauriges. Sie ist so hinreißend schön, weil sie den Tod nicht verdrängt. Sie zeigt das, was Männermode auslöscht: die Schönheit, die Verletzlichkeit, die Vergänglichkeit dieses Körpers im Moment des Hier und Jetzt.

ZEIT: Aber nur in Paris oder auf der Madison Avenue – die einzigen Orte, wo Frauen reiferen Alters wirklich modisch auftreten.

Vinken: Und am Comer See! Die alten Damen dort, sie sind so schön!

ZEIT: Aber der alternde Frauenkörper ist ein Tabu.

Vinken: Ich würde mit Yves Saint Laurent sagen: Eine Frau hat kein Alter. Anders herum: Sie zeigt, dass man Alter tragen kann. Das ist in Deutschland natürlich nicht sehr verbreitet, aber doch in allen romanischen Kulturen, in den jüdischen Kulturen, deshalb sehen Sie es auf der Madison Avenue oder in Paris. Da geht es nicht primär um sexuellen Marktwert. Es ist eher der gekonnte Umgang mit Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit, das eigensinnige Behaupten von Form im Angesicht der Vergänglichkeit. Deswegen, glaube ich, wird Mode immer wichtiger. Das Transzendente ist uns entrückt; die Mode umhüllt unsere Vergänglichkeit schmerzlich, zärtlich, berückend. Sie gibt ihr Form: Diese Form mag überraschen oder schockieren, aber jedenfalls ist es eine Form.