Kleid von Prada, Jacke von Sonja Rykiel © Sigrid Reinichs

ZEIT: Sie adressieren Ihr Buch an ein Publikum, das in den protestantischen Denkmustern lebt, die mit der Mode nichts anfangen können. Und schreiben ein Buch, das viele der Vorwürfe, die man an die Mode richtet, entkräften soll. Zuletzt ist aber wahr, dass die Mode die Frau zum Objekt des Blickes der Männer macht. Gibt es ein Entkommen?

Vinken: Die Frau kann sich zum Subjekt ihrer Inszenierung machen und diesen Blick ver-rücken. Mode hat ein fantastisches ironisches Potenzial. Weil ich in der Mode wie in der Literatur genau dieses Moment der Ironie finde, des Verschiebens, des Ver-rückens, des Lachens, habe ich ein Lob auf die Mode geschrieben.

ZEIT: Die meisten weichen nicht aus ins Raffinement, sondern in robuste Freizeitmode. Da steht der Vater des Täuflings mit kariertem Hemd vor dem Altar, als sei das ein Grill und er werde gleich die Steaks auflegen.

Vinken: Der amodische Impuls der Moderne ist so stark, dass es vielen Leuten vor allem darum geht, nicht angezogen in einem emphatischen Sinne zu sein. Nackt wäre man am authentischsten, in paradiesischer Unschuld. Kleider werden als Firlefanz gesehen, der unser Selbst verstellt. Ein bisschen narzisstisch, wen interessiert schon das authentische Selbst?

ZEIT: Zur Mode gehört auch die Lächerlichkeit. Dass man gerne modisch sein will, aber es falsch macht. Liegt darin auch der Reiz der Mode?

Vinken: Und die Gefahr. Ich würde sagen, dass jede interessante Mode Mut zum Wagnis des Lächerlichen haben muss.

ZEIT: Ein Bereich, der von modischen Ambitionen am wenigsten berührt ist, ist die akademische Welt. Wie bewegen Sie sich in ihr?

Vinken: Auf dem letzten Uni-Fest habe ich zu einer Bekannten gesagt: Diese Männer hier – und es sind ja fast nur Männer – sind so von sich eingenommen, dass sie es sich leisten, auf Charme und Eleganz zu verzichten. Sie hat sich totgelacht und gesagt: Hallo, das merkst du jetzt erst? Ich glaube, ich bin immer wieder aufs Neue schockiert.

ZEIT: Könnten Sie einer deutschen Universität als Stilberaterin dienen?

Vinken: Schätze ich jetzt mal als wenig aussichtsreich ein.

ZEIT: Erzählen Sie uns über sich, wie Sie sich anziehen.

Vinken: Ich möchte Weiblichkeit behaupten. Also Kleider tragen. Wie kann jemand im Kleid Autorität haben? Das ist das Problem, mit dem sich seit Chanel alle beschäftigen. Deswegen gibt es so viele Kleider, die auf altmodische Autoritätsfunde zurückgreifen und Talare, Richterroben, sakrale Gewänder zitieren; Céline ist darin sehr geistreich, Jil Sander vielleicht zu sakral pathetisch. Mein privates, ästhetisches Ideal ist die Passantin Baudelaires, eine üppige, tiefschwarze Trauer tragende Frau mit Rüschen, Spitzen. Den Tod wie die sizilianischen Frauen unter der heißen Sonne zu tragen. Du trägst Trauer, weil du, vom Tod umgeben, selbst zum Tode geworden bist, und du trägst lebendig diesen Tod im gleißenden Licht dieses Südens. Das ist meine Vorstellung von Mode.