Der erste Kontakt für diesen Artikel. Am Telefon Max Scheidegger, Geschäftsführer der Dachorganisation HR Swiss, der Schweizerischen Gesellschaft für Personalwesen. Ja, sagt er, natürlich sage ihm das Thema etwas – und erzählt dann nicht von Verbandsmitgliedern, sondern zuerst von sich selbst: "Heute Morgen, da ging es mir wohl wie vielen, als ich meine E-Mails las. Ich hatte eine Nachricht von meinem Vorgesetzten im Posteingang. Verschickt um 00.53 Uhr."

Dass Scheidegger seine Mails erst auf dem Weg ins Büro abruft, ist heute ein Verhalten, das ausstirbt. Würde der Arbeitnehmer in den USA leben, wäre er die große Ausnahme. Laut einer Studie lesen dort 80 Prozent der Befragten ihre E-Mail-Nachrichten, wenn sie noch im Bett sind.

Dank E-Mail und Smartphones sind wir heute rund um die Uhr erreichbar. Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, die früher die Stempeluhr markiert hat, löst sich auf. Das schafft neue Freiheiten, aber auch neue Probleme. Allen voran: mehr Stress.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt beruflichen Stress zu den "größten Gefahren des 21. Jahrhunderts". Dass Stress auch in der Schweiz nicht nur eine Handvoll ruhelose Spitzenmanager betrifft, sondern breite Massen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, zeigt die Stressstudie 2010 des Schweizer Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco): Jeder dritte Erwerbstätige fühlt sich bei der Arbeit chronisch gestresst, sieben Prozent so sehr, dass sie die Überforderung schlecht oder gar nicht bewältigen können. Das entspricht einer Zunahme von 30 Prozent innerhalb von nur zehn Jahren. Zeitdruck, lange Arbeitszeiten, unklare Anweisungen und Arbeiten, die in der Freizeit erledigt werden müssen, machen immer mehr Menschen zu schaffen.

Dass Max Scheidegger sich von den nächtlichen Mails nicht stressen lässt, hat er sich und seinem Chef zu verdanken. Sich selbst, weil er diszipliniert genug ist, nächtens keine E-Mails zu lesen. Und seinem Chef, weil dieser nicht erwartet, dass seine Nachrichten sofort beantwortet werden. Trotzdem ist für Scheidegger klar: "Spätestens der Fall Carsten Schloter hat gezeigt, dass es ein Umdenken braucht, dass es Zeit ist, nicht nur über Beschleunigung, sondern auch über Entschleunigung nachzudenken." Der Suizid des Swisscom-CEO hat die Rund-um-die-Uhr-Arbeiter in der Schweiz aufgerüttelt. Er war einer von ihnen, einer, den sie alle bewunderten. Wenn es ihn trifft, könnte es alle treffen.

Ein Unternehmen, das seit zwei Jahren versucht, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu mehr Erholung zu zwingen, ist Volkswagen. Beim größten Autohersteller Europas wird der E-Mail-Zugang der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen über Nacht unterbrochen. Eine halbe Stunde nach Arbeitsschluss ist Schluss, dann werden keine Nachrichten mehr auf Smartphones weitergeleitet. Durchgesetzt hat die Regelung der Betriebsrat. Er will damit den Arbeitnehmern zu ihrem Recht auf Erholung verhelfen – und sie vor ihren ruhelosen Chefs schützen. Denn für diese gilt die E-Mail-Sperre nicht.

Für den Zürcher Arbeits- und Gesundheitsforscher Georg Bauer vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin an der Universität Zürich hat eine solche Maßnahme vor allem symbolische Bedeutung. Der überbordende Umgang mit E-Mail und Smartphone ist für ihn nur die Spitze des Eisberges. Verdichtung und Beschleunigung der Arbeit sind für ihn die großen Gesundheitsrisiken einer modernen, dienstleistungsorientierten Arbeitswelt: "Immer weniger Leute müssen in immer kürzerer Zeit immer mehr Aufgaben bewältigen." Welche volkswirtschaftlichen Kosten gestresste Erwerbstätige verursachen, wenn sie krank werden, wurde in der Schweiz zuletzt vor 13 Jahren erhoben. Die Kosten wurden damals auf jährlich 4,2 Milliarden Franken geschätzt.

Im Arbeitsgesetz steht, dass der Arbeitgeber "alle Maßnahmen treffen muss, die nötig sind, um den Gesundheitsschutz zu wahren und zu verbessern und die physische und psychische Gesundheit zu gewährleisten". In der Praxis tun sich die Unternehmen damit allerdings schwer. Auch darum, so Bauer, "weil Stress trotz seiner großen Verbreitung viel zu sehr als Problem des Einzelnen und nicht als Teil einer Unternehmenskultur betrachtet wird". Darum sucht man die Lösung beim Mitarbeiter und nicht bei der Firma.

Wie also gehen große Schweizer Unternehmen mit dem E-Mail-gefluteten Alltag im Büro um? Welche Instrumente kennen sie, um ihre Mitarbeitenden vor Stress und sich selbst vor Arbeitsausfällen zu schützen? Wen man auch fragt, ob Migros, Credit Suisse, UBS oder die Bundesverwaltung: Die Antworten der Verantwortlichen gleichen sich und lassen nicht darauf schließen, dass das Thema Stress hohe Priorität genießt.