Die Insel São Miguel

Wenn eine Landschaft zärtlich sein kann, dann diese hier. Weit ausgebreitet liegen Wiesen unter einem blassen, hohen Himmel. Dahinter glänzt die weiße Gischt des Atlantiks. Die Luft ist weich und etwas diesig, sie macht die Kontraste mild. Ich stehe auf der Azoreninsel Faial in einem Garten voller Farn und Rosenbüsche. Dahinter lugen zwei sauber gestrichene Holzhäuser hervor. Sie gehören Francisco Ribeiro, einem Insulaner von Mitte 40 mit schwermütigen Augen und einem fröhlichen Lächeln. Bis er 17 Jahre alt war, hatte er die Azoren nie verlassen. Einmal war er mit seinen Freunden auf der Nachbarinsel Pico gewesen und hatte dort den gleichnamigen Berg bestiegen. "Vom Gipfel aus sah ich Faial zum ersten Mal als Ganzes. 172 Quadratkilometer. Das ist also der Ort, wo du herkommst, dachte ich. Ein unbedeutendes Spiegelei im Atlantik. Das hat mich traurig gemacht." Francisco zog nach Lissabon, um Landwirtschaft zu studieren. Vor zwölf Jahren kam er zurück, übernahm das Haus seines Großvaters, kaufte zwei Nachbargrundstücke dazu und eröffnete zusammen mit seiner Frau Susana ein Gästehaus. Aus Erinnerung an die einst bäuerliche Nutzung des Grundes, von der noch immer ein halbmondförmiger Steinsockel im Garten zeugt, nannten sie es Quinta da Meia Eira – Landhaus zum halben Dreschkreis. Inzwischen sind drei Söhne herangewachsen. Die finden den neuen rosafarbenen Anstrich des Familienhauses peinlich. "Sie meckern, rosa sei eine Mädchenfarbe", sagte Francisco. "Aber ich wusste, dass sie das Grün des Gartens zum Leuchten bringt."

Die Azoren gehören zu Portugal und liegen auf halbem Weg zwischen Europa und den USA. Vulkanausbrüche am Meeresboden haben insgesamt neun steinerne Flecken in den Atlantik gesetzt, die erst seit ein paar Hundert Jahren bewohnt sind. Auf der größten Insel São Miguel leben heute etwa 100.000 Einwohner, auf den übrigen Inseln noch weitere 150.000. Weil das feuchte Klima und die vulkanischen Hänge für üppige Vegetation sorgen, kommen die meisten Besucher zum Wandern. Ich habe meine Trekkingschuhe allerdings zu Hause gelassen. Seit Kurzem ermöglicht es ein Netz von Privatunterkünften, bei Einheimischen zu übernachten. Ich habe vor, mir einige der Casas Açorianas, der azorischen Häuser, anzusehen und dabei ihre Besitzer kennenzulernen. "Viele wissen nichts von uns", sagt Francisco. "Sogar manche Festlandportugiesen denken, dass auf den Azoren Wilde leben." Er kichert über diesen Unsinn. Als echter Insulaner ist ihm Besuch immer willkommen. "Er bringt uns die Welt ins Haus."

Als Francisco und seine Familie längst schlafen, streife ich noch einmal durch den Garten und lege mich in den Swimmingpool. Er befindet sich in einer Art Treibhaus, wo die Sonne tagsüber das Wasser aufwärmt. Draußen bimmeln die Glocken von Franciscos zwölf Kühen, die Katze maunzt, und der Golden Retriever Kunigunde hält Wache. Mir fällt kein Ort ein, der vom Rauschen der Welt weniger behelligt wäre. Später, im restaurierten Bett von Oma, summt mich der Inselwind in einen tiefen Schlaf.

Gestochen scharf heben sich auf Pico am nächsten Tag die kalkweißen Mauern vom schwarzen Tuffstein und dem vollen Grün der Weiden ab. Mit der Fähre habe ich übergesetzt. Pico ist die zweitgrößte Azoreninsel, keine zehn Kilometer von Faial entfernt. Im Dorf Praínha wohne ich in einem unverputzten Häuschen, das ganz aus klobigen Steinen gebaut ist. Es liegt an einem Hang aus anthrazitfarbener Vulkanerde. "Hier wurde früher Wein gelagert", heißt es in der Broschüre auf dem Küchentisch. Zur Begrüßung hat mir die Besitzerin, wie jedem Gast, einen Fresskorb mit Milch, Käse, Brot und Eiern in die enge Küche stellen lassen. Morgen früh treffe ich sie persönlich. Heute sehe ich mich alleine um. Im oberen Stock stehen zwei altmodische Bettgestelle aus Schmiedeeisen. Von zwei Schaukelstühlen aus kann man durchs Fenster schauen. Die Schlafkammer mit ihren rohen Felsblockwänden wirkt archaisch, aber behaglich. In solchen niedrigen, feuchten Behausungen haben früher vielköpfige Familien zum Teil mit Tieren gelebt, das habe ich gelesen. Und es ist immer noch ziemlich klamm in diesen Mauern. Nach einer Weile brauche ich Sonne und Luft, darum mache ich mich auf zum Berg Pico im Landesinneren.

Die menschenleere Heidelandschaft liegt in glitzerndem Licht. Die Erikabüsche am Straßenrand sehen aus wie gigantische Brokkolistauden. Mit 2351 Metern ist die Spitze des Pico der höchste Punkt Portugals. Leider wird er heute von Nebel umhüllt, der in kühlen Schlieren den Berg hinabzieht. Die Luft riecht nach Thymian. Der Blick über die terrassierten Wiesen hinunter zum Meer ist ergreifend. Außer Faial ist nur Wasser zu sehen.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne durchs Fenster. Ich bin auf der anderen Seite der Insel im Hafenstädtchen Lajes mit der Hausbesitzerin Maria Serpa verabredet. Im Restaurant O Lavrador, das berühmt ist für seinen spektakulären Blick übers offene Meer, hält sie Hof. Ihr gehören zwölf solcher Steinhäuser in Praínha, und es sollen noch mehr werden. Maria sitzt in einer türkis leuchtenden Bluse am Tisch, und fast jeder, der hereinkommt, wechselt mit ihr ein paar Worte. "Sweetie, schön, dass du mein Gast bist", ruft sie mir zur Begrüßung zu und küsst mich, als sei ich ihre lange vermisste Lieblingsnichte. Einst war Maria Lehrerin im Dorf. Dann wanderte sie in den siebziger Jahren mit ihrem Mann nach Kalifornien aus. Für den Lebensabend kehrte das Paar zurück, und Maria begann, verlassene Emigrantenhäuser aufzukaufen. "Mir ist langweilig, wenn ich nichts zu tun habe", sagt sie. "Außerdem wollte ich die Erinnerung an die Armut wachhalten, in der wir hier früher lebten. Aber auch an die große Gastfreundschaft, die immer selbstverständlich war."