Die Besucher aus Deutschland besichtigen den Raum wie ein Ikea-Musterzimmer – ein Ikea-Zimmer für Menschen mit Demenz. Die rote Eingangstür ähnelt der eines Landhauses. "Schlafzimmer" steht auf einem Schild, daneben das tellergroße Symbol eines Betts. Drinnen steht ein gemütlicher Opasessel in der Ecke, Nachttischlampen wie vom Flohmarkt, zwei eiserne Bettgestelle. Der Raum wirkt wie aus der Zeit gefallen.

Die deutschen Gäste machen Fotos. Sie stehen im Vorzeigeraum des Dementia Services Development Center (DSDC) an der schottischen Universität Stirling, 60 Kilometer nordwestlich von Edinburgh. Hier wird gezeigt, wie demenzfreundliche Pflegeheime aussehen sollten. Dass es dabei nicht nur um Wohnlichkeit geht, sieht man auf den zweiten Blick: Der Opasessel ist mit antibakteriellem Stoff bezogen, die Nachttischlampen sind aus Plastik, die Bettgestelle ebenso. Und in allen Ecken steckt Technik: Die Matratzen sind mit Drucksensoren ausgerüstet, Bewegungsmelder piepen, sobald jemand die Tür öffnet. So werden Pflegekräfte alarmiert, sollte ein Patient aus dem Bett fallen oder unbeaufsichtigt den Raum verlassen. Mit GPS-Armbändern lassen sich umherirrende Patienten auf einem Computer sogar ständig orten. Das angrenzende Badezimmer ist behindertengerecht ausgebaut, die Spezialtoilette hat einen roten Sitz.

Das Zimmer ist so gestaltet, dass Menschen mit Demenz dort besser zurechtkommen. Es inszeniert eine Wirklichkeit, in der sich die Betroffene am besten zurechtfinden – und in der Pflegekräfte auf subtile Art stets die Kontrolle behalten. An dem Raum lässt sich ganz konkret betrachten, was das DSDC seit über zwei Jahrzehnten als weltweit führendes Zentrum erforscht und lehrt: wie sich das Lebensumfeld von Betroffenen möglichst demenzfreundlich gestalten lässt – zu Hause, im Pflegeheim und im Krankenhaus. In diesen Tagen präsentiert das DSDC eine neue Onlineplattform mit virtuellen demenzfreundlichen Räumen. So werden die Forschungsergebnisse noch zugänglicher.

Um vom DSDC zu lernen, ist die etwa 25-köpfige Delegation aus Deutschland im Juni nach Stirling gereist, für drei Tage voller Vorträge und Krankenhausbesuche. Mit dabei sind Pflegedirektoren, Chefärzte und Geschäftsführer von insgesamt zehn Krankenhäusern. Sie alle beschäftigt die Frage: Wie stellen wir uns auf die steigende Zahl von Patienten ein, die nicht nur unter einer akuten Erkrankung leiden, sondern auch an einer Demenz?

Die zehn Krankenhäuser, die an dieser Studienreise teilnehmen, sind in der Vorauswahl des Förderprogramms "Menschen mit Demenz im Krankenhaus" der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart. Sie alle entwickeln eigene Demenzprojekte für ihre Häuser. Die Reise liefert dafür die letzten neuen Ideen und Inputs. Zwar gibt es in Deutschland bereits einige Modelle in Akutkrankenhäusern, doch sind das bisher bloß Insellösungen. Die Robert-Bosch-Stiftung ziele mit ihrem Förderprogramm auf eine Breitenwirkung, sagt die mitreisende Bernadette Klapper, dort Gruppenleiterin im Bereich Gesundheit und Wissenschaft. "Daraus sollen konkrete Maßnahmen entstehen. Wir wollen, dass sich die Krankenhäuser vernetzen und viele andere Häuser diese Modelle nachahmen." Inzwischen hat die Stiftung die fünf überzeugendsten Projekte ausgewählt, die mit bis zu 100.000 Euro gefördert werden. Es sind das Albertinen-Krankenhaus Hamburg, das Evangelische Krankenhaus Alsterdorf, das Evangelische Krankenhaus Bielefeld, das Diakonissenkrankenhaus Dresden und das Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart.

Beworben hätten sich rund 230 deutsche Kliniken, sagt Klapper, etwa jedes zehnte Krankenhaus. Die große Resonanz macht deutlich: Deutsche Krankenhäuser stehen vor einem Demenzproblem. Über die Hälfte aller Patienten in einem Allgemeinkrankenhaus ist heute älter als 60 Jahre. Etwa zwölf Prozent sind laut der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft von einer Demenzerkrankung betroffen. Andere Schätzungen gehen von einem noch höheren Wert aus. Genaue Zahlen aus den Krankenhäusern gibt es jedoch nicht. Klar ist: Ihr Anteil wird künftig stark steigen. Bis 2050 soll sich die Zahl der Menschen mit Demenz in Deutschland verdoppeln, von derzeit 1,3 auf 2,6 Millionen Menschen, prognostiziert das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.