Tuomas macht keine großen Worte. Das ist bei Jungen in seinem Alter so. Bei finnischen vielleicht erst recht. Die Haare pechschwarz gefärbt unter einer Schirmmütze, am Körper schlabbern ein Sweatshirt und eine übergroße Hose: So sitzt der 14-Jährige vor einem Bildschirm und löst Englischaufgaben. "Was machst du, Tuomas?" – "Für’n Test lernen." – "Warum bist du nicht in deiner Klasse?" – "Weil ich beim Tupa mehr Hilfe krieg." – "Gefällt dir der Tupa-Unterricht?" "Is’ schon okay."

Tupa bedeutet auf Finnisch "Hütte" oder "Schutzraum". An der Sekundarschule von Jyväskylä heißt so der Förderunterricht. Während seine Klassenkameraden dem normalen Stundenplan folgen, übt Tuomas hier dreimal die Woche mit einem Förderlehrer Englisch und Mathe. Zwei Mädchen und ein Junge sitzen an diesem Morgen an den Nebentischen. Es sind die Langsamlerner ihrer Klasse, die Null-Bock-Kandidaten, die sozial Auffälligen.

In Deutschland wäre mancher von ihnen auf einer Sonderschule. Doch die gibt es in Jyväskylä, einer Universitätsstadt in Mittelfinnland, nicht mehr – zumindest nicht für Schüler mit Lernschwierigkeiten oder Verhaltensproblemen. In den vergangenen dreißig Jahren hat Finnland fast zwei Drittel seiner Sonderschulen geschlossen. Die Zahl der Schüler, die eine spezielle Unterstützung erhalten, ist aber nicht kleiner geworden. Im Gegenteil, bis Ende der neunten Klasse war sage und schreibe jeder zweite junge Finne einmal Förderschüler. Nirgendwo dürfte diese Quote höher sein als im Bildungsvorzeigeland Finnland.

Das ist interessant, und zwar besonders für die Debatte über Inklusion in Deutschland. Der Fachbegriff steht in der UN-Behindertenrechtskonvention. Die Bundesrepublik hat sie vor vier Jahren ratifiziert. Das Abkommen hat eine Reform angestoßen, gegen die andere bildungspolitische Neuerungen zu Petitessen schrumpfen: die Eingliederung von Schülern mit einem Handicap in allgemeine Schulen.

Dabei wird der Streit über die Inklusion hierzulande recht provinziell geführt. Lange Zeit dachten die Deutschen, es sei normal, besondere Schüler möglichst durchgängig in besonderen Schulen zu unterrichten. Dem war nie so. Kein anderes Land der Welt unterhält ein so ausgebautes Sonderschulwesen. Deutschland ist Weltmeister im Aussondern. Heute nun denken viele, Ziel einer inklusiven Schule nach den UN-Vorgaben müsse sein, alle Schüler – vom Hochbegabten bis zum geistig Behinderten – zu jeder Zeit gemeinsam zu unterrichten. Das wiederum gibt es nirgendwo auf der Welt, nicht einmal in Italien, das die Sonderschulen bereits vor 30 Jahren abgeschafft hat.

Finnland geht einen Mittelweg. Vielleicht könnte es deshalb in manchem als Beispiel taugen: für die Zusammenarbeit von Fachlehrern und Sonderpädagogen, für die Infrastruktur der Förderung, für den Pragmatismus. Über allem steht die eine Frage: Was nützt dem einzelnen Schüler?

Mit dieser Frage beschäftigt sich auch die Runde, die an der Sekundarschule in Jyväskylä an diesem Vormittag im Büro der Schulleiterin zusammengekommen ist. Es geht um die Sorgenkinder der Schule: Warum kommen bestimmte Schüler im Unterricht nicht mit? Welcher Jugendliche ist unangenehm aufgefallen? Wer benötigt Tupa-Stunden? Alle drei Wochen trifft sich der "Ausschuss für Schülerfürsorge". Die Rektorin und einige Lehrer sind dabei sowie natürlich die vielen Sonderpädagogen der Schule.

Sonderpädagogen genießen ein höheres Ansehen als Lehrer und verdienen mehr

Spezialpädagogen heißen sie in Finnland. Jedem Schülerjahrgang ist einer zugeordnet. Tiina Pilbacka-Rönkä begleitet die drei neunten Klassen. Sie hat ein paar Schaubilder mitgebracht, mit vielen Pfeilen, Farben und Kreisen. In der Mitte stehen die oppilas, die Schüler. Darum gruppieren sich die vielen Professionen, die man an allen finnischen Schulen findet: der Sozialarbeiter, die Psychologin, die Schulkrankenschwester, der Laufbahnberater sowie der zuständige Polizeibeamte. Je nach Fall werden die Experten zur Förderkonferenz hinzugezogen.

Drei weitere Spezialpädagogen arbeiten neben Pilbacka-Rönkä an der Sekundarschule von Jyväskylä. Sie alle waren einmal normale Klassenlehrer, haben sich dann an der Universität spezialisiert. Sonderpädagogen genießen in Finnland ein noch höheres Ansehen als die ohnehin sehr geschätzten Lehrer. Ihr Gehalt ist besser als jenes ihrer Fachkollegen. Dennoch sind sie voll ins Kollegium integriert.

Als Speziallehrerin testet Pilbacka-Rönkä die Schüler auf Lernschwierigkeiten, erstellt Nachhilfepläne und navigiert ihre Schützlinge durch die ausgeklügelte Förderstruktur. Am Anfang steht stets die Unterstützung im normalen Unterricht. "Dafür sind Klassenlehrer und Spezialpädagoge gemeinsam zuständig", sagt Pilbacka-Rönkä. Die in Deutschland häufig anzutreffende Vorstellung, der Förderlehrer sei nur für die Problemfälle der Klasse zuständig, trifft man in Finnland kaum an. Wem die Hilfe im Klassenverband nicht reicht, der hat Anrecht auf gezielte Förderung. Allein oder in kleinen Gruppen holen die Schüler den Stoff mit einem Speziallehrer im Tupa-Raum nach. Die meisten kehren nach ein paar Monaten in ihre Klasse zurück. Gelingt dies nicht, kommt die dritte Stufe der Förderpyramide zum Einsatz: Die Schüler werden von den Anforderungen des Curriculums befreit und arbeiten nach einem eigenen Lehrplan. Dafür benötigt es für jedes betroffene Fach ein sonderpädagogisches Gutachten.