FußballWenn sie ausrasten

Es wird gepöbelt, gewütet und gemahnt: Warum Gefühlsausbrüche der Betreuer im Fußball so sinnlos sind. von Cathrin Gilbert

Jürgen Klopp und Matthias Sammer beim Wortgefecht

Jürgen Klopp und Matthias Sammer beim Wortgefecht   |  © Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Was ist in der Liga los? Matthias Sammer, Sportdirektor des FC Bayern München, beschimpft vor laufender Kamera die eigene Mannschaft, sie spiele zu "lethargisch", mache "Dienst nach Vorschrift" und müsse raus aus "einer gewissen Komfortzone". Und Dortmunds Trainer Jürgen Klopp schreit den Vierten Offiziellen während eines Champions-League-Spiels mit einer Fratze wie in einem Horrorfilm an, sodass er auf die Tribüne verbannt wird.

Klopp und Sammer sind erfolgreiche Führungsfiguren des Fußballs. Vollprofis. Weshalb verhalten sie sich wie Rowdys? Warum rasten sie aus?

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Wenn man die Beteiligten danach fragt, landen alle bei einem Begriff: Bayerns Trainer Pep Guardiola zum Beispiel rügt den Sportdirektor in seiner charmanten deutsch-spanischen Aussprache als sehr emotionelle, Sammer wiederum beklagt die fehlende Emotionalität in der Mannschaft, und Jürgen Klopp entschuldigt seinen Auftritt damit, total emotionsgeladen gewesen zu sein.

Emotion also. Keine Sportart produziert sie so im Überfluss wie der Fußball. Das Geschäft lebt von der permanenten Erregung. Aber wie viel davon ist echt? Sind die Wutausbrüche nur gespielt? Und wem dienen sie eigentlich?

Man muss sich die Fußballwelt wie eine große Arena mit zwei Bühnen vorstellen – die eine steht in der Mannschaftskabine, zu dieser hat die Öffentlichkeit keinen Zugang. Und dann gibt es das äußere Podest fürs Publikum. Dort gilt: Je mehr Spektakel, desto besser. Die Show soll tief ins Mark der Fans dringen – sie sollen über alle Maßen erregt werden.

Um diese Wirkung zu erzielen, muss der Reiz immer stärker werden. Die Musik wird lauter, die Stadien werden größer, die Athleten teurer, es gibt keine Grenzen, das Crescendo soll, nein: darf nie aufhören.

Erfolgreiche Fußballmannschaften werden heute ähnlich wie Wirtschaftsunternehmen nicht mehr nach dem simplen Prinzip von Leistung und Gegenleistung getrimmt (das wäre die sogenannte transaktionale Führung à la Felix Magath). Nicht nur das Ziel, sondern auch die Stimmung innerhalb der Mannschaft soll das Team zum Erfolg tragen ("transformationale Führung", zu beobachten etwa beim Mainzer Trainer Thomas Tuchel). Moderne Trainer erzeugen Begeisterung und Zuversicht. Sie reißen die Spieler mit, indem sie ein Gefühl des Stolzes und der Wertschätzung vermitteln.

Jürgen Klopp ist neben Jürgen Klinsmann einer der ersten deutschen Trainer, die Inspiration vorleben. Er fordert nicht nur Begeisterung, er ist auch selbst begeistert und kann damit seine Mannschaft anstecken. Das funktioniert natürlich nur gepaart mit fachlicher Kompetenz, über die Klopp das Vertrauen der Spieler gewinnt.

Nach außen aber wütet Klopp. Er bedient beide Bühnen, treibt nicht nur die Mannschaft an, er peitscht auch die Zuschauer auf. Die Medien feiern ihn als den Mann, der "auf die Pauke haut" und den "Hunger vermittelt". Spricht man Klopp darauf an, dann spürt man, dass er eine Hassliebe zu diesem Klischee entwickelt hat. Er genießt seine Rolle, weiß aber, dass sie in dem Moment gefährlich werden kann, wenn es ihm nicht mehr gelingt, zwischen Image und Realität zu unterscheiden, wenn er den Überblick verliert und eigene Persönlichkeit, Showgeschäft und Stressbewältigung aufeinanderprallen. Dann knallt es, und er attackiert den Vierten Offiziellen wie ein Stier den Torero.

In dieser Szene spiegelt sich neben dem Charakter Klopps ein Konflikt, der in die Tiefe des Fußballbetriebes führt. Es geht um die Frage: Was macht erfolgreiche Führung im Fußball aus? Reicht Emotion allein aus? Welche Fähigkeiten zeichnen den modernen Trainer von heute aus?

Leserkommentare
  1. die anwort auf die behauptung bleibt uns der autor m.e. schuldig ... vielleicht weil sie bei einer sache die durch emotionen lebt, kaum sinnlos sein kann.

  2. Schöner Artikel, der diese gespielten Emotionen mal auf's Korn nimmt.
    Und es sind genau diese 3 Personen, die dabei unangenehm auffallen.

    Bei Klopp hatte ich zunächst das Gefühl, das seine Ausraster reine Inszenierung seien, kann er doch von einer Sekunde zur Anderen, vom Fratze-Modus in den Normal-Modus schalten, aber ganz so scheint es nicht zu sein.
    Er lebt ganz bewußt die Emotion und pusht sich selbst hoch. Zum einen um es der Mannschaft vorzuleben, zum Anderen um seinen eigenen Markwert hochzuhalten. Manchmal schiesst er dann über das Ziel hinaus, ob das gewollt ist oder nicht, kann nur er selbst beantworten.
    Nun es scheint sich positiv auf die Mannschaft auszuwirken, von daher ist das wohl i.O. Richtig glaubwürdig finde ich das nicht.

    Sammer ist noch schlimmer. Seine Umarmungsorgien, nach den Spielen scheinen einer bestimmten Choreografie zu folgen, zuerst der Trainer und dann weiter in der Hierachie abwärts. Die Heftigkeit ist vom Ergebnis abhänig. Seine Kritik (Beschimpfung konte ich da nicht erkennen), scheint auch dem Lehrbuch 'Motivation durch Führungskräfte' entnommen. Wobei diese Kritik noch am sinnvollsten war.
    Mir ist dieses gespielte Emotion total unsympahtisch.

    2 Leserempfehlungen
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    • lxththf
    • 02. Oktober 2013 14:15 Uhr

    ein wahrer Schöngeist des Fußballs. Auch er hat hin und wieder seine Ausraster. Wie wird das dann eigentlich erklärt?
    Ich kann verstehen, dass man emotionale Ausbrüche kritisch hinterfragt, vielleicht taktisches Kalkül in Betracht zieht, aber glauben Sie wirklich, dass es ein Jürgen Klopp nötig hätte, sich als Marke zu verkaufen? Haben Sie verschiedene Pressekonferenzen mal im Ganzen gesehen? Wenn jemand eine halbe Stunde von Journalisten, manchmal auf niedrigstem Niveau ausgefragt wird? Mir fällt kein Trainer ein, der nicht ab und an lautstark Schiris beschimpft hätte. Ihrer Kritik über Lahm stimme ich zu und Sammer? Seine Aufgabe ist es doch Sportdirektor bei Bayern zu sein. Wenn er nicht diese Kritik üben kann, wer sonst und zumal diese nicht unangebracht war, denn Bayern spielte nicht gerade getrieben von der großen Leidenschaft. Das geht auch nicht immer und darum ist es wichtig, dass dann doch ab und an wieder einzufordern. Und das Sammer kein Schauspieler ist, dass sollte man eigentlich seit seiner Zeit in Dortmund sowohl als Spieler, wie auch als Trainer wissen.

  3. Und schließlich Lahm (hier im Forum schon passend, als Schweinchenschlau bezeichnet). Mimt den interlektuellen, Denker. Dabei strotzen seine Aussagen von Selbstherrlichkeit. Er weiß genau, wie alle Spieler denken, im Gegensatz zu Sammer. Die Möglichkeit, das er den Sinn, der Sammer Kritik nicht verstanden hat, kommt nicht in Betracht. Seine, hier als moderat bezeichente Ausdrucksweise, empfinde ich als verlogen und hintenrum.

    6 Leserempfehlungen
  4. Wenn die Kunst im "modernen" Fußball darin besteht, sich nicht von äußeren Reizen und Erwartungen beeinflussen zu lassen, braucht man nicht mehr ins Stadion zu gehen. Denn dann haben Anfeuerungs- ebenso wie Schmähgesänge ihren Sinn verloren.

    Die " transaktionale Führung à la Felix Magath" besagte, dass es nur um Geld gehe, alles andere sei dummes Geschwätz. Und solche Äußerungen auf Schalke! Kein Wunder, dass er grandios scheiterte. Was Sammer angeht, bin ich nicht sicher - aber Typen wie Klopp oder damals Kahn nehme ich ihre Emotionen ab. Wenn man die medial mit Freude aufbereiteten Ausraster nicht will, dann sollte man den Verantwortlichen nicht permanent während oder fünf Sekunden nach dem Spiel mit Kameras und Mikrofonen vor dem Gesicht herumfuchteln.

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    • TDU
    • 02. Oktober 2013 13:15 Uhr

    Zit. "Der moderne Trainer soll emotional und gefühlskalt zugleich sein..." Tja die Suche dem Ideal.

    Das Beispiel solchen Verhaltens wie von Klopp erlebt man allerdings dann bei den Amateuren und Kindermannschaften am Wochende ganz unidealistisch. Siehe einen Artikel im "Spiegel" dieser Woche, der sich mit eigenem Erleben deckt.

    Zit: "enn jemand sich trotzdem für die öffentliche Wutrede entscheide, dann müssten der Einsatz und die Art sehr gut überlegt sein. "Es dauert, bis man ein Gefühl dafür entwickelt, wann der richtige Zeitpunkt für diese Form gekommen ist und in welchem Ton man das macht", sagt Lahm."

    Ob Sammer das nicht berücksichtigt hat? Die Jugend, im Überschwang der Erkenntnis, darf gerne den Älteren für beschränkt halten.

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    • Maeva_8
    • 02. Oktober 2013 13:48 Uhr

    Das Pöbeln und Wüten der Zentralfiguren im Massensport Fußball ist überhaupt nicht wirkungslos. Auch die Tatsache nicht, dass es evtl. nur "gespielt" ist.
    Vielmehr hat dies alles die verheerende Wirkung, dass den Fußballfans - das ist in Deutschland mehr oder weniger offenbar fast jeder - regelmäßig vorgeführt wird, dass Pöbeln und Wüten - und das unehrliche Vorspielen solcher Äußerungen - anerkannte und berechtigte Formen des Verhaltens sind.

    Ein weiterer Beitrag zur Proletarisierung, Teil der Abwärtsspirale.

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    Die Wirkung war die Sperre für ein Spiel, eine öffentliche Entschuldigung und die Mitverantwortung für eine Pleite in Neapel. Ich wüsste nicht, wo da die "Anerkennung" für Fehlverhalten liegt.

    Die Gleichsetzung von Proletariat mit Pöbel ist hingegen nicht gerade die feine Art der Argumentation.

    • lxththf
    • 02. Oktober 2013 14:22 Uhr

    wie das zu dem Bild passt über Hipster, Gesundheitswahn, Fixierung auf Bildungsgrade, Pazifismus etc.? Sie skizzieren hier ein deprimierendes Weltbild "Ein weiterer Beitrag zur Proletarisierung, Teil der Abwärtsspirale." Dabei sei die Frage erlaubt. Wie war es denn früher und wann war früher?

    • Time24
    • 02. Oktober 2013 13:53 Uhr

    "Jürgen Klopp ist neben Jürgen Klinsmann einer der ersten deutschen Trainer, die Inspiration vorleben. Er fordert nicht nur Begeisterung, er ist auch selbst begeistert und kann damit seine Mannschaft anstecken."

    Und was hat Otto Rehhagel früher gemacht. Ich glaub das war nicht viel anders.

    4 Leserempfehlungen
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    Kalli Feldkamp, Winni Schäfer, Aleks Ristic....

    > Und was hat Otto Rehhagel früher gemacht. Ich glaub das
    > war nicht viel anders.

    Die Presse muss halt graduelle Trends als revolutionäre Neuerung verkaufen - was gäb's denn sonst zu schreiben?

    ;-)

  5. Kalli Feldkamp, Winni Schäfer, Aleks Ristic....

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    Antwort auf "Wie bitte?"
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    ^^

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