Lassen Sie uns über Geld reden. Schriftsteller oder Autoren, die einen relativ bekannten Namen besitzen, sind deswegen noch lange nicht reich. Jeder erfolgreiche Arzt oder Manager oder Restaurantbetreiber verdient mehr. Darüber beklage ich mich keineswegs. Ich mag diesen Beruf, und ich verdiene genug. Allerdings bin ich, von Ausnahmen abgesehen, nicht bereit, kostenlos zu arbeiten. Wenn jemand ein gut gehendes Restaurant betreibt, geht man doch auch nicht hinein, setzt sich und sagt: "Der Laden ist, wie ich höre, zurzeit ziemlich angesagt. Deswegen hätte ich gerne ein Schnitzel und einen Chardonnay kostenlos. Ihr habt’s ja. Außerdem kocht ihr sowieso gerne." Autoren und Schriftsteller sind ständig mit Äußerungen dieser Art konfrontiert. Wenn man dann ablehnt, gilt man als böser Mensch.

Eine bekannte Schriftstellerin klagte im Gespräch darüber, dass sie zwei Mal in der Woche vom Rundfunk oder vom Fernsehen nach ihrer Meinung gefragt wird. Sie soll zu diesem oder jenem ein möglichst intelligentes, von Esprit funkelndes Statement abgeben. Man fährt in ein Studio, man verrenkt sich das Hirn, Geld gibt es dafür nur ausnahmsweise. Wenn man fragt, kriegt die Stimme am anderen Ende der Verbindung oft eine leicht anklagende Färbung. Wobei die Stimme am anderen Ende der Verbindung sehr wahrscheinlich auch nicht bereit wäre, kostenlos die Hitparade zu moderieren. Schriftsteller ist meines Wissens der einzige Beruf, bei dem man häufig unter Rechtfertigungszwang steht, wenn man dafür bezahlt werden will. Dies gilt nicht nur im Internet.

Ich wurde von einer Dame angerufen. Sie sagte, dass sie für ein neues Magazin arbeite, welches mit einer großen Tageszeitung zusammenhänge. Das neue Magazin habe sich die Wiederbelebung der Printmedien zum Ziel gesetzt. Die Printmedien stecken ja bekanntlich in einer Krise. Das neue Magazin wolle zeigen, dass Printmedien eine Zukunft haben. Ob ich einen Beitrag zum Thema "Ist Fleischverzehr unmoralisch?" liefern könne. Bezahlen könnte sie nichts, Begründung: "Wir sind noch ein junges Unternehmen." Ich vermute, dass in jeder anderen Branche solch eine Bemerkung zu großer Erheiterung führen würde. "Hallo, hier ist die Pizzeria Il Sole di Napoli, könnten Sie uns bitte 300 Kilo Parmesan, 30 Piemonteser Mettwürste und 50 Kilo Gorgonzola liefern? Bezahlen können wir nichts. Wir sind eine sehr junge Pizzeria." Andererseits ist das natürlich tatsächlich ein Weg, der die Printmedien aus ihrer Krise herausführen könnte. Wenn die Printmedien keine Honorare mehr bezahlen, gibt es keine Krise mehr.

Schreiben ist Arbeit. Manchmal macht es Spaß, manchmal nicht. Wer es als Autor zu etwas bringen will, schreibt auch dann, wenn er oder sie gerade keine Lust dazu hat. Auch Ärzte müssen schließlich zur Sprechstunde erscheinen, unabhängig davon, ob sie gerade Lust dazu haben. Schreiben strengt tierisch an. Man ist hinterher fertig, man ist müde. Manche machen sich ihre Gesundheit dabei kaputt. Man leidet, wenn es nicht läuft, und ist mürrisch zum Partner. Es ist wie in jedem Beruf. Wer Erfolg hat, läuft gelegentlich bei Benefizveranstaltungen auf, man tut auch mal etwas als Freundschaftsdienst oder weil man es für politisch sinnvoll hält. Im Großen und Ganzen aber will man davon leben, im Extremfall sogar angenehm. Ob Fleischverzehr unmoralisch ist, weiß ich jetzt leider auch nicht. Es hängt von der Tierhaltung ab, sag ich einfach mal so.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels

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