Ab Takt 243 gerät die Fuge endgültig aus den Fugen. Es kracht, einige Achtel glühen, andere trillern noch, man sieht Ludwig van B.s zusammengebissene Zähne hinterm Visier, ehe rasch eine Idylle eingeblendet wird. So hört sich das an, wenn Igor Levit das Finale der Hammerklaviersonate spielt. Beethoven schrieb sie mit 47 Jahren, schon Zeitgenosse der Zukunft. Für sein CD-Debüt hat sich Levit, 26, eines der technisch wie intellektuell anspruchsvollsten Klavierwerke aller Zeiten ausgesucht, nebst vier weiteren späten Beethoven-Sonaten.

Vor drei Jahren bereits wurde er zu einem der "großen Pianisten dieses Jahrhunderts" ausgerufen – bleischwerer Lorbeer. Nicht alles ist Levit seither so aufregend geraten wie der Finalcrash in Opus 106. Im Gegensatz zu den meisten Jungstars aber kann er erklären, warum er was macht. Beethovens Metronomzahlen für die Hammerklaviersonate etwa sind ihm heilig. 138 pro Halbe für den ersten Satz, "das ist ein absurd schnelles Tempo, ich spiele 126, aber da ist wenigstens die Tendenz klar. In neun von zehn Aufnahmen ist der erste Satz ein Allegro pomposo maestoso. Das Gegenteil hat er komponiert: ein hysterisches Allegro!"

Igor Levit, kantiger Kopf, starkes Kinn, sprudelt über im Gespräch, im astreinen Hochdeutsch seiner Wahlheimat Hannover, wohin seine Familie in den neunziger Jahren zog. Hier studierte er beim legendären Klavierschamanen Karl-Heinz Kämmerling, der vor einem Jahr starb. "Er hatte eine so enorme Aura, dass man zehnmal besser spielte, wenn er auf seinem Drehstuhl angerollt kam und neben einem saß." Als Vierjähriger hatte der Sohn einer Klavierlehrerin im russischen Gorki seinen ersten Auftritt mit einer Ecossaise von Beethoven, mit vierzehn fertigte er von seinem Lieblingswerk, der Missa solemnis, einen Klavierauszug an.

Mittlerweile sind die Quellen des 18. Jahrhunderts und die Avantgarde des 20. in sein Beethoven-Bild eingeflossen. Das kann man hören, wenn ein kleiner Sekundschritt im Bass (im Andante von Opus 109) an die Seufzer einer barocken Passionsmusik gemahnt, die Komplementärrhythmik der zweiten Variation aber etwas Dekonstruktives hat. Im Allegro molto von Opus 110 lässt sein harter Zugriff fast an Wolfgang Rihm denken, aus dem repetierten A im Adagio wird eine Materialträumerei. Levit realisiert die "Ich-Verlassenheit", die Thomas Mann im Dr. Faustus dem späten Beethoven zuschrieb. Bei ihm wirft die Arietta von Opus 111 wirklich jeden "Schein der Kunst" ab. Es gibt Passagen, in denen man bei 100 Grad minus auf dem Mars steht, nur durch "stehen gelassene Konvention" geschützt.

Weniger liegt ihm das Innige des Klangs, der magische Schmelz inmitten klarer Kontur, den man etwa beim jungen Barenboim erlebt. Der nahm Beethovens Sonaten im selben Alter auf wie Levit, vor knapp 50 Jahren. Den Bruch im Finale der Hammerklaviersonate verschönerte Barenboim, und das Idyll danach wurde berührender Gesang, während Levit es abstrakter spielt, als dramaturgische Funktion. Und der erste Satz: Natürlich schlägt Barenboim ein eher pompöses Tempo an, aber darin gelingt ihm eine prickelnde Artikulation, die nicht physisch, aber psychisch auf ein uneinholbar hohes Tempo kommt. Für Levits Vision eines "hysterischen Allegro" brauchte man wohl doch besser ein leichtgängiges Hammerklavier.

Wer diesen Musiker ganz kennenlernen will, muss ihm ins Konzert folgen und zu einer besonderen Obsession. Weil Levit Partituren liest wie andere Krimis, erschloss er sich den Bestand der hochschuleigenen Notenbibliothek. Unter "R" stieß er auf Frederic Rzewski. Der Amerikaner, Jahrgang 1938, hat mit seinen 36 Variationen über die Polithymne The People United Will Never Be Defeated eins der durchtriebensten Klavierwerke des 20. Jahrhunderts geschrieben. Fast zehn Jahre brauchte Levit, bis er es beherrschte, und als er es jetzt im Sommer bei den Kunstfestspielen Herrenhausen aufführte, war der Saal ausverkauft.

Das Thema wird zerlegt, verflüssigt und wieder zu Blöcken verdichtet, um die der Schaum von Fortissimi in höchster Lage spritzt. Levit schmeißt sich so hinein in diese Musik, dass in der siebten Variation eine Saite im Diskant reißt. Da Rzewski kurz vor Schluss ohnehin eine Improvisation verlangt, nutzt Levit die Chance, das geschrottete Gis zum Thema zu machen. Der Schepperton wird Ostinato, geborstenes Glöckchen, der anwesende Komponist, ein zauseliger Maverick wie aus dem Bilderbuch, kichert in der ersten Reihe. Anschließend spielen die beiden Four Hands von Morton Feldman. Sitzen am Flügel wie Kinder vor einem Wunderding, es vorsichtig ertastend. In Feldmans bescheidener, sparsamer Komposition findet Levit die Innigkeit und Unmittelbarkeit, die ihm sonst mitunter fehlt. Eine Mitte, ohne die man um diesen überwachen Kopf fast fürchten müsste. 

"Beethoven – The late piano sonatas" (Sony)